Die 6 schlechtesten Argumente gegen FridaysForFuture & Greta Thunberg (& warum sie scheitern)

lenkt nicht vom thema ab!

Deutschland wollte bis 2020 seine Treibhausgas-Emissionen im Vergleich zu 1990 um mindestens 40% senken. Doch dieses Ziel werden wir deutlich verfehlen (Quelle). Dazu werden der Kohlekompromiss und ein Kohleausstieg 2038 scharf kritisiert. Mit halbherzigen Maßnahmen wird das im Pariser Abkommen festgelegte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, nicht erreicht werden (Quelle). Genau deshalb gehen jeden Freitag hunderttausende Schüler*innen auf die Straße, um zu demonstrieren.

Nach dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg protestieren sie dagegen, dass ihre Zukunft und die des Planeten verzockt wird. Dass die Politik drastischere Maßnahmen unternimmt, um die Klimakrise zu lösen. Und zwar jetzt und nicht erst in 20 Jahren. Diese Mentalität hat uns erst in diese Krise geführt. Deswegen demonstrieren Millionen Schüler*innen auf 600 Veranstaltungen in 60 Ländern. Und natürlich steht es jedem frei, die Forderungen und Demonstrationen zu kritisieren.

Ist der Kohlekompromiss vielleicht doch sinnvoll? Gibt es Maßnahmen, die die Klimaziele bis 2030 absehbar erfüllen können? Was ist mit Atomkraft? Das sind Fragen, welche man diskutieren kann oder ins Feld führen könnte. Doch stattdessen versuchen die „Kritiker*innen“ oft vom Thema abzulenken und greifen die Schüler*innen an oder Greta Thunberg persönlich. Das sind die dümmsten Argumente und warum sie keinen Sinn ergeben.



1. Fakes & Lügen über #Fridaysforfuture

Die vielleicht niederste Form der „Kritik“ ist das Lügen und Unterstellen falscher Aussagen. Wir haben in den letzten Tagen und Wochen einige Fakes gesammelt, die vornehmlich in rechten Kreisen verbreitet werden. Dabei handelt es sich um falsche Behauptungen, manipulierte Bilder oder False-Flag-Accounts (Mehr dazu), die sich als vermeintliche Klimaaktivist*inn*en auf Twitter ausgeben wollten:

Fakes & Lügen: So versuchen Rechte, #FridaysForFuture zu diskreditieren

Nicht nur wird hier nicht einmal ansatzweise auf die Forderungen und Argumente der Aktivist*innen eingegangen, man erfindet sogar Kritikpunkte und Aussagen. Das ist gleichermaßen billig wie erbärmlich. Und es lässt die sehr gute Frage zurück: Wenn man wirklich gute Argumente hätte, müsste man dann vermeintliche Kritikpunkte erfinden? Leider scheinen sich viele nicht anders helfen zu können.

2. Schüler*innen – keine „Profis“

Eine weitere Form der illegitimen Kritik ist das Scheinargument des argumentum ad hominem: Das Angreifen der Person, anstatt ihres Arguments. Viele tun die Proteste der Schüler*innen damit ab, dass es sich ja noch um „Kinder und Jugendliche“ handelt. Doch der Fehler liegt darin, dass auch junge Menschen Recht haben können. FDP-Chef Lindner meinte, man solle lieber auf die „Profis“ hören. Dumm nur, dass die „Profis“ eben genau das Gleiche sagen.

Über 23.000 Wissenschaftler*innen, die #Scientists4future (Quelle), haben eine Stellungnahme unterzeichnet, in welcher sie den Schüler*innen Recht geben. „Wir sind die Profis, wir sagen: Die junge Generation hat recht“ heißt es. Die Politik soll auch gar nicht auf die Demonstrierenden hören, sondern auf die Wissenschaft, mit der sich nicht diskutieren lässt.

Ironisch wird das Argument erst Recht, wenn es von der AfD kommt, die entgegen der Aussagen von 99% aller Expert*inn*en (Quelle) den Klimawandel leugnet und damit eindeutig unter Beweis stellt, wer hier keine Ahnung hat. Deutlich zeigte sich das auch mit einem peinlichen „Klimaquiz“, welches sie an die Schüler*innen verteilte.

#FridaysForFuture: AfD blamiert sich mit lächerlichem Klimaquiz

3. Angriffe auf greta

Greta Thunberg hat die Klimastreiks ins Leben gerufen und ist für viele in ihrem Engagement zum Vorbild geworden. Das heißt nicht, dass sie für diese Bewegung steht oder dass ihre Stimme mehr Gewicht hat als die aller anderen Schüler*innen. Dennoch wird versucht, ihre Person anzugreifen und sie schlecht zu reden. So werden verschiedene falsche Behauptungen und Lügen über sie verbreitet.

Gerüchte & Unterstellungen: 6 Fake News über Greta Thunberg

In der Öffentlichkeit wird systematisch versucht, ihre Person schlecht zu reden. Es gibt regelrechte Kampagnen, die ihre Autorität in Frage stellen sollen. So hat eine Analyse ergeben, dass bis zu 50% aller Accounts, die unter Berichten über Thunberg Hass über sie verbreiten, von Fake-Accounts stammten (Quelle). Es wird verzweifelt versucht, sie negativ darzustellen, im Versuch, ihre Forderungen und Demonstrationen dadurch mitzudiskreditieren. Nur um sich nicht mit den Argumenten auseindersetzen zu müssen.

Greta Thunberg: So viel Schiss haben die Rechten vor einem jungen Mädchen

4. Sie wollen doch nur schwänzen!

Ein weiteres Argument, das wieder absolut nichts mit ihren Forderungen zu tun hat, ist, dass unterstellt werde, die Schüler*innen würden die Chance nur nutzen, um die Schule schwänzen zu können. Das Gegenargument ist folgendes: Ohne den Tabubruch hätte es die Aufmerksamkeit nicht gegeben. Streiks für gerechtere Löhne finden auch nicht in der Freizeit statt.

Dieses Argument wird besonders dann Lügen gestraft, wenn sich tausende Schüler*innen für die #FridaysForFuture-Demos zusammenfinden, auch wenn gerade Schulferien sind, wie es letzte Woche in Hamburg war (Quelle). Nein, vom Thema damit abzulenken, dass die Demonstrierenden ihre eigenen Forderungen „nicht ernst meinen“ würden, funktioniert nicht.

5. Aber die Schulpflicht…!

Im Anschluss an Argument 4 kommt das Pochen darauf, dass schließlich eine Schulpflicht gelte. Und dass eben kein Streikrecht für Schüler*innen gelte. Und das ist auch größtenteils richtig. Die genauen juristischen Unterscheidungen haben wir aber hier erklärt. Dennoch gibt oft es verschiedenste Absprachen zwischen Lehrkörper und Schüler*innen. In vielen Schulen werden die Stunden verlegt und die Schüler*innen bekommen die Entlassung genehmigt.

Viele Schüler*innen holen (freiwillig oder nicht) die Fehlstunden wieder nach (Quelle). Oder nehmen die Disziplinarmaßnahmen bewusst in Kauf. Letztlich ist es ein bewusstes Opfer der Schüler*innen, das ihnen angerechnet anstatt vorgehalten werden sollte. Niemand hat vergessen, dass die Bildung der Schüler*innen auch wichtig ist. Aber genau das ist der Punkt: Den Planeten Retten ist wichtiger.

Wer sich um Fehlstunden Sorgen macht, der könnte sich dafür einsetzen, dass die Forderungen der Schüler*innen umgesetzt werden. Oder sich wegen der Authentizität seiner Sorgen gegen den massiven bundesweiten Lehrermangel und Unterrichtsausfall einsetzen. Jede*r zweite Schulleiter*in beklagt inzwischen Lehrermangel und daraus folgende Unterrichtsausfälle (Quelle).

6. Schüler*innen sind Heuchler

Gerne werden vermeintliche oder echte Fotos vom Müll, den die Schüler*innen hinterlassen haben sollen verbreitet. Oder es wird argumentiert, dass diese oder jene doch mit dem Auto zur Schule gefahren werden. Das Ziel hier ist der Versuch, den Schüler*innen Doppelmoral zu unterstellen. Zu sagen: Sie sind auch nicht perfekt umweltfreundlich, wir müssen ihre Argumente nicht ernst nehmen,

Während Heuchelei natürlich Empörung rechtfertigt, so ändert das immer noch nichts an den Argumenten. Wenn Hitler Massenmord verurteilen würde, so hätte er immer noch Recht, auch wenn er ein Heuchler wäre, ganz extrem ausgedrückt. Doch die Heuchelei-Debatte geht völlig am Thema vorbei, denn sie setzt völlig unrealistische Maßstäbe. Greta Thunberg reiste zu den Klimakonferenzen mit dem Zug oder dem Elektroauto, lebt vegan und meidet Flugzeuge. Dennoch wird ihr vorgeworfen, sie habe mal etwas gegessen, das in Plastik verpackt gewesen sei.

Ja und? Zum einen kann niemand von uns perfekt sein. In unserer Welt kann man es nicht vermeiden, dass wir mal Plastik nutzen oder mit dem Auto fahren. Das Ziel ist nicht vollständige Abstinenz, sondern Vermeidung unnötiger Nutzung. Es geht um Weniger. Zweitens ist es Paradox, den Schüler*innen vorzuwerfen, sie seien nicht perfekt, wenn man selbst nichts davon umsetzt oder gar umsetzen möchte. Sie versuchen es wenigstens, sie tun etwas. Und drittens ist es ein Irrglaube, dass die Klimakrise auf individueller Ebene allein gelöst werden kann.

Wenn die Politik nichts macht, ist das Fahrradfahren auch egal

Die Schüler*innen demonstrieren nicht dafür, dass Autos abgeschafft werden oder dass Veganismus verpflichtend für Alle wird. Sondern dafür, dass die Politik härtere Maßnahmen ergreift, um Emissionen zu senken. Das betrifft vor allem große Konzerne, nicht Individuen. Selbst wenn alle Menschen auf der ganzen Welt nie wieder Auto fahren würden, wir würden nur 4% aller Emissionen einsparen (Quelle). Wir brauchen gesamtgesellschaftliche Ansätze, die niemals durch die Versuche von Einzelnen allein gelöst werden können.

Erneut von den Forderungen abzulenken und mit dem Finger auf die Individuen zu zeigen, lenkt davon ab, worum es geht. Und bringt überhaupt niemanden weiter. Wir müssen kollektiv mehr tun, und dass der Einzelne nicht perfekt ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Und außerdem geben sich die Schüler*innen ja gewaltige Mühe. Einzelne Beispiele, in welchen das nicht der Fall ist, ist bei hunderttausenden doch völlig egal.

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Lenkt nicht vom Thema ab!

Alle diese Argumente haben eines gemeinsam: Sie haben nichts mit dem Anliegen der Schüler*innen zu tun. Sie lenken vom Thema ab. Und sie fragen nicht, ob wir wirklich genug für das Klima tun. Sie fragen nicht, was man denn konkret umsetzen könnte. Keines davon sagt, dass die Kinder nicht Recht hätten. Das alles könnte wahr sein oder ist es auch, aber es ändert nichts daran, dass wir mehr tun müssen, um unsere Klimaziele zu erreichen. Man kann ja gerne den Sinn oder Unsinn diskutieren, aber dann sollte man auch über das Problem reden, anstatt davon abzulenken.

Genau darum nimmt auch niemand diese „Argumente“ ernst, der nicht einfach nur das hören will, was er hören möchte. Der nicht eine Versicherung braucht, dass er es sich in seiner Komfortzone gemütlich machen kann. Dass er im Recht ist, und nichts ändern muss, weder in seinem Verhalten noch in seinem Blick auf die Welt. Dabei ist das genau die Bequemlichkeit und das Wegsehen, wegen welchem die Schüler*innen auf die Straße gehen. Das Problem wird dadurch nicht verschwinden. Und wer nicht möchte, dass die Schüler*innen demonstrieren und den Unterricht verpassen, kann ja ihre Plätze einnehmen.

Artikelbilder: Greta Thunberg

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