Am Ende nur ein Schubser: Die Medien verbreiten gerne die Lügen der AfD

Kolumne Schwer verpetzt

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ICh spreche natürlich von 2013

Wie wir mehrfach betonten, verurteilen wir jegliche Form der Gewalt und auch den Angriff auf den Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz vor ein paar Tagen. Doch die Art und Weise, wie die Tat von der AfD instrumentalisiert und ausgeschmückt wurde (Mehr dazu), hat höchst interessante Parallelen zu einem ganz ähnlichen Fall von 2013, bei dem ein Schubser zu einem „Angriff auf die Demokratie“ wurde. Dazu gleich mehr.

Was wir bisher vom Fall Magnitz wissen: Drei Männer nähern sich ihm, einer wird gewalttätig. Alle ziehen sich, wie man auf dem Video (Hier) sehen kann, kurz zuvor ihre Kapuzen ins Gesicht. Der AfD-Mann wurde von hinten „angesprungen“ im Schulter-Kopf-Bereich mit dem Ellbogen gestoßen, kam dadurch zu Fall und verletzte sich durch den ungebremsten Sturz. Kurz darauf eilten zwei Bauarbeiter zu Hilfe, die den Angriff aber nicht gesehen hatten. Warum dieser geschah, ist bisher unklar.

Doch was hatte die AfD zunächst verbreitet? Dass drei vermummte Männer Magnitz „auflauerten“, ihn mit einem „Kantholz“ bewusstlos schlugen und auf ihn „eintraten“, als dieser am Boden lag. Sie behaupteten, es habe sich um „versuchten Mord“ gehandelt, der nur durch das Eingreifen der Bauarbeiter verhindert worden sei. Sie behaupteten vorschnell, dass die Tat „politisch motiviert“ sei und sogar, dass die LINKE, die SPD und die Grünen „die Antifa und ihre Angriffe“ unterstützen würden (Quelle). Dabei hatten VertreterInnen aller Parteien den Angriff deutlich verurteilt.



Das liest sich aber deutlich anders

Die Darstellung der AfD entspricht eindeutig nicht den Tatsachen. Denn sie hat den Angriff ausgeschmückt, dramatisiert und Dinge einfach hinzuerfunden. Und das ist gar nicht das Problem. Dass die AfD lügt, ist nichts Neues. Das eigentliche Problem ist, dass die „Lügenpresse“, die laut AfD-Kreisen den Angriff „vertuschen“ und „relativieren“ will, was dem Narrativ der AfD eine unangemessen große Bühne bereitet hat (Quelle).

PolitikerInnen aller Parteien verurteilten die Gewalt (Hier), mehrfach war von einem „Angriff auf die Demokratie“ die Rede (Hier, hier und hier). Alle Medien berichteten davon, alle solidarisierten sich mit der AfD. Man hat ihnen ihre Lügen geglaubt, trotzdem inszeniert sich die AfD als Opfer der Medien und der anderen Parteien.

Und ich habe ein Déjà vu

Ich erinnere mich an einen Fall, in dem CDU, FDP und Grüne ebenfalls einen Angriff auf einen AfD-Politiker verurteilten. Diesen als „Angriff auf die Demokratie“ verurteilten. Einen Angriff, bei welchem die AfD zunächst von „20 bis 25 Linksextremen“ sprach, die „maskiert“ unter Einsatz von „Reizgas“ eine Bühne „stürmten“, und den AfD-Mann mit einem „Messer“ attackierten und „von der Bühne stießen“ (Quelle). Und die deutsche Presse und die Polizei, die diese Darstellung teilweise genau so übernahm (Quelle). Es ging um den damaligen AfD-Chef Bernd Lucke. 2013.

Worum es sich letztlich handelte? Um zwei Vermummte, die auf die Bühne stürmten und Bernd Lucke von einem 70 cm hohen Podest schubsten. Er blieb unverletzt, er fiel nicht einmal hin. Genau wie beim Fall Magnitz gibt es ein Video, auf dem die Tat zu sehen ist (Quelle). Die wahren Täter hat man bis heute nicht gefunden. Natürlich ist auch so ein „Schubser“ nicht in Ordnung. Aber es ist doch erstaunlich, dass jetzt, fast fünf Jahre später, so viele Parallelen auftauchen. Wir haben nichts dazugelernt.

Die AfD ist die Katzenminze für Medien

Natürlich ist der Fall Magnitz kein „Schubser“, diese Bezeichnung wäre unfair. Die AfD und „die Medien“ haben eine höchst interessante Hassliebe entwickelt, die sich auch bei anderen Rechtspopulisten und -extremen wie Trump finden lässt. Eine Berichterstattung, die neutral sein will und sauber arbeiten, wird ständig (und meisten zu Unrecht) wegen Voreingenommenheit kritisiert, gar werden Verschwörungstheorien verbreitet und normalisiert. Und die Berichterstattung wiederum gibt sich Mühe, noch „neutraler“ zu sein. Was Unsinn ist, denn wer sich nicht traut, Lügen als Lügen zu bezeichnen, ist nicht neutral, sondern macht sich deren Verbreitung mitschuldig.

Die deutsche Berichterstattung kann entweder die AfD ignorieren – was man ihr vorwerfen wird -, die AfD kritisch einordnen – was man ihr vorwerfen wird – oder die Narrative der AfD ohne Einordnung übernehmen – was auch nichts bringt, da die „Lügenpresse“ -Vorwürfe sowieso kommen. Es sollte bereits dem letzten klar sein, dass die Darstellungen der AfD stets so dramatisch wie möglich ausfallen. Und von Fakten lässt sie sich dabei nicht abhalten.

Und egal was passiert, für irgendjemanden ist alles, was die AfD macht, ein Skandal. Für die AfD-Anhänger ist alles ein Skandal. Ihre Anhänger steigern sich in geschlossenen Facebook-Gruppen durch selektive Berichterstattung, Fake News und Übertreibungen in eine Dauer-Empörung hinein. Da wird eine demokratische Selbstverständlichkeit wie „Nazis raus“ zum Skandal (Mehr dazu). Und das dreiste und andauernde Lügen der Partei ist für jeden normal denkenden Menschen ein Skandal.

Die Lust nach der Sensation

Natürlich gibt es Pressehäuser, die vielleicht nicht zwingend mit der AfD sympathisieren, die aber deren Feindbilder teilen und gerne verbreiten. Ich schätze, bei diesen wird mein Rat auf taube Ohren stoßen. Was natürlich bereits höchst alarmierend ist. Aber an alle anderen: Ich weiß, ihr wollt nicht, dass die AfD euer Feind ist. Ihr wollt über Politik berichten, nicht machen. Aber wenn ihr zulasst, dass die AfD euch mit sensationellen Geschichten ködert, ihre Narrative zu verbreiten, dann sägt ihr an dem Ast, auf dem ihr sitzt.

Ihr sollt nicht euren Journalisten-Ethos über Bord werfen. Aber bei Aussagen der AfD extra-kritisch sein. Es ist angebracht, erst einmal jeder Aussage der AfD zu misstrauen, sie kritisch einzuordnen und auch so zu präsentieren. Die AfD wird die „Lügenpresse“-Keule so oder so bringen, egal, wie sauber ihr arbeitet. Egal, wie sehr ihr ihre Propaganda willig oder unwillig verbreitet.

Solange ihr nicht zu einem der faschistischen Lügenblogs verkommt, die mit lächerlichen Verschwörungstheorien um sich werfen, werdet ihr Angriffsziel der AfD sein. Sehnt euch nicht nach der Anerkennung eurer Peiniger. Damit zerstört ihr euch nur selbst. Verteidigt unsere Demokratie und die Wahrheit. Denn die ständigen „Lügenpresse“-Rufe der AfD sind der wahre „Angriff auf die Demokratie“.

Artikelbild: photocosmos1, shutterstock.com

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