Die Gummipuppe auf dem AfD-Plakat, die keine ist (aber auch nicht Nina aus Göppingen)

Kolumne Schwer verpetzt

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Oder warum auch linke selbstkritischer sein sollten

Als ich die Geschichte gestern das erste Mal sah, konnte ich es nicht glauben. Mehrere Seiten, denen ich folge, verbreiteten den Screenshot eines AfD-Werbebildchens, das einen jungen AfDler zeigt, der in den Göppinger Gemeinderat gewählt werden will und der so aussieht, als hätte er erst fünf Minuten vor dem Shooting gelernt, was Lächeln sei. Im Hintergrund sieht man unscharf eine Frau lasziv an ein Fenster gelehnt und darüber steht das vermeintliche Zitat „Michael, ich zähl‘ auf Dich!“.

Und dann das typische AfD-Gelaber, das durch die Blume gegen Migranten hetzen soll. Ohne zu offensichtlich „Ausländer raus“ zu sagen. Was wirklich für so viel Aufregung sorgte, war aber die darüber stehende Behauptung, dass es sich bei der gezeigten Frau um eine Gummipuppe handeln soll. Zusätzlich zum inzwischen gelöschten AfD-Bild wurde ein vermeintlicher Screenshot des Originalbilds gezeigt, mit dem Namen einer Pornodarstellerin und dem Link zu einer Porno-Seite, siehe hier:

Screenshot facebook.com

„Nina (23) wählt am 26.5. Michael Weller in den Göppinger Gemeinderat, weil sie wieder ohne mulmigem Gefühl [sic] abends durch die Stadt ziehen und feiern will.“



AfD benutzt gummipuppe für propaganda?!

Mein erster Gedanke war: Das kann nicht wahr sein. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich den Artikel betiteln sollte, in welchem ich diese verrückte Geschichte erzähle. Gummipuppe? Oder gar eine Pornodarstellerin, denn so puppenhaft sieht sie gar nicht aus. Es wäre ein PR-Gau und die lustigste Geschichte der Woche. Vielleicht sogar des Monats. Gleich hinter dem peinlichen Klimaquiz der AfD (Mehr dazu). Aber ich habe das gemacht, was ich immer zuerst mache: Nachgeguckt, was an der Story dran ist.

Und siehe da: Eine einfache Bildersuche hat ergeben, dass das keine Gummipuppe ist, sondern einfach ein Model von einem Stockfoto. Und „Niña“ heißt übrigens einfach nur „Mädchen“ auf Spanisch, das ist nicht ihr Name… Die Links gibt’s hier und hier.

Quelle: pixabay.com

Und ich kann mir vorstellen, wie es zu der Gummipuppen-Geschichte kam. Irgendjemand wollte vielleicht einen plumpen lookistischen und sexistischen Witz machen à la sie sei „eine Puppe“, und wegen dem Makeup und der Belichtung kann das auf den ersten Blick den Eindruck erwecken. Aber ähnlich wie bei Stille Post hat das dann ein Eigenleben entwickelt. Und das ist zu einem Problem geworden.

Wir brauchen keine Fake-Stories um über die AfD zu lachen

Das Wahlplakat der AfD bietet auch so schon mehr als genug Angriffsfläche. Angefangen von diesem gruseligen Pseudo-Lächeln, über das Bedienen rassistischer Narrative im Subtext, hin zur grottenhaften Grammatik, hin zur Instrumentalisierung von Frauen als hilflose Opfer von „Ausländern“ und der gleichzeitigen, eigenen Sexualisierung dieser Frauen, bis zur Tatsache, dass das ein Stockfoto ist und nicht Nina (23) aus Göppingen und die AfD sich hier quasi ihre eigene Fanfiction schreibt, in der sexy Jungfrauen in Not sie zu Hilfe rufen.

Oh und man kann auch so viel aus der Tatsache machen, dass der AfDler „Michael“ mit Vornamen heißt. Buchstäblich am gleichen Tag ging die Meldung um, dass der häufigste Vorname von Deutschen, die in Delikte mit Messern im Saarland verwickelt waren, „Michael“ lautet.

AfD-Anfrage-Reinfall: Die meisten Messer-Täter heißen Michael, Daniel & Andreas

Das schließt doch wunderschön den Kreis zum in genau diesem Plakat angedeutetem Märchen von einem Deutschland, in welchem es wegen der bösen „Ausländer“ mit ihren Messern so gefährlich geworden ist, dass Nina (23) aus Göppingen nicht ohne mulmigem Dativ statt des Genitivs durch die Straßen ziehen kann.

Wir sind besser als die AfD

Um zum Punkt zurück zu kommen: Wenn wir Unwahrheiten über die AfD verbreiten, sind wir nicht besser als sie. Und wir haben es wirklich nicht nötig. Denn wer ständig lügt, beweist, dass er keine echten Argumente hat. Deswegen erfindet die AfD ja ständig Sachen. Erst gestern hat die Polizei Sachsen wieder Falschdarstellungen der AfD widerlegt (Mehr dazu).

Ich muss allerdings einwenden, dass die meisten Accounts und Seiten, die diesen Screenshot und die dazugehörige „Gummipuppen“-Unterstellung geteilt hatten, nach Hinweisen die Beiträge gelöscht haben. Aber halt nicht alle. Meistens war es nicht böse Absicht, eine Lüge zu verbreiten, sondern Gedankenlosigkeit. Die Story klingt super. Sie hat Sex, einen Skandal und sie ist oberpeinlich für die AfD. Ich kann das nachvollziehen, das war auch meine Reaktion. Aber die AfD blamiert sich genug, da sie täglich an der Realität scheitert.

Wir dürfen nicht auf die gleichen, durchaus menschlichen Verhaltensweisen verfallen, wegen welcher wir die AfD und ihre Anhänger kritisieren. Eine Geschichte nur dann zu glauben, wenn sie in unser Weltbild passt. Denn wenn wir nicht bei den Fakten bleiben, verlieren wir unsere beste Trumpfkarte gegen Faschismus. Ja, es ist lustig. Aber die AfD wird alle Richtigstellungen und Fact Checks von uns ignorieren und sich auf diesen einen Fall von falscher Darstellung stürzen, um sich einzureden, dass wir nicht besser sind als sie. Es ist keine Schwäche, Fehler einzugestehen. Wir sollten das zur Tugend machen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0, Screenshot facebook.com

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