Abrechnung mit dem „Blutwurstgate“

Kolumne Schwer verpetzt

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Zwischen den Stühlen

Oh ok, womit will der Laschyk denn abrechnen? Mit dem subtilen Rassismus des Innenministers, der in böser Absicht Blutwurst auf einer Islamkonferenz serviert hat? Typisch für diese linken Seiten! Oder wird er sich entgegen der Erwartungen über die übertriebene Hysterie der Muslime aufregen, die lieber ein der unzähligen Buffetoptionen skandalisieren, als Sexismus und Intoleranz in den eigenen Reihen zu thematisieren?!

Uff, genau hier liegt mein Problem. Nur ganz kurz, falls jemand nicht weiß, was passiert ist. Letzten Mittwoch startete die Islamkonferenz in Berlin. Eingeladen von Innenminister Seehofer ging es im Wesentlichen um Integration und Positionierung. Es war Seehofers Entwicklung von „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ zu „Wie kann man den Islam mit Deutschland in Einklang bringen“. Hey, Fortschritt. Was soll man sagen. (Hier)



Und dann kam das buffet

Doch dann der Fauxpas des Bundesinnenministeriums: Auf dem Buffet gab es die Blutwurst. Journalist Özdamar kritisierte es auf Twitter als erster:

Ok, alle auf dem gleichen Stand? Was ist jetzt das Problem? Ja, gläubige Muslime essen kein Schweinefleisch. Respektlos? Unterschwelliger Rassismus? Power-Move von Seehofer? Eher weniger. Ist die Wurst unglücklich? Ja, sicher. Auf einer Vegan-Konferenz würde ich eine Blutwurst aus Fleisch auch befremdlich finden. Aber Skandal? Eh.

Aus Gründen des Tierschutzes und der Umwelt esse ich auch weder Milch, Eier und Fleisch. Ich weiß, wie oft Caterer Mist bauen, wenn es um besondere kulinarische Wünsche geht. Das hat nichts mit Bösartigkeit zu tun, sondern mit Unachtsamkeit. Klar lassen sie dir gerne den Käse auf der Pizza weg. Aber denkt ja keiner daran, dass die Mozzarella auch Käse ist. (True story)

Auch war Seehofer sicher nicht in der Menü-Auswahl involviert. Das haben seine Assistenten und Beauftragte vom Innenministerium gemacht. Das BMI hat sich ja später auch genötigt gesehen, sich für die Speisenauswahl zu rechtfertigen. Aufgrund der „religiös-pluralen Zusammensetzung der DIK“ gab es 13 verschiedene Speisen, sowohl halal als auch vegetarische. (Quelle)

Hätte es das sein können?

Ok, klar, niemand hat Blutwurst an Menschen verfüttert, die das nicht wollten und es gab genug andere Auswahl. Und klar geht’s ums Symbolische. Vielleicht wäre es netter gewesen, mal auf die Blutwurst zu verzichten. Klar, ich bin jetzt auch wohl der letzte, der sich dafür ausspricht, dass immer Fleisch serviert werden muss. Aber wenn es keine gegeben hätte, hätte das auch niemand als positives Zeichen bemerkt.

Andererseits hätte man als Kritiker es dann bei dieser Aussage belassen können. Nur weil man etwas berechtigterweise kritisieren kann, muss man ja den Teufel an die Wand malen. Ja, Seehofer und der Islam sind ein schwieriges Thema. Aber er hat höchstwahrscheinlich nichts damit zu tun gehabt und als subtiler Rassismus taugt das doch überhaupt nicht. Hier wird eine Mücke zum Elefanten gemacht. Ja, Fauxpas, weiter im Text.

Ging es bei der Konferenz nicht darum, zu zeigen, dass der Islam auch mit unseren Werten und Gesetzen kompatibel sein kann? Ein Zeichen, um den ganzen rassistischen Möchtegern-Religionskritikern zu zeigen, wie ein gutes Miteinander geht? Und hey, hier darf man Seehofers Verhalten auch als Schritt in die richtige Richtung loben. Aber das geht jetzt wegen der dummen Wurst völlig unter.

Und die Kritik-Kritiker gehen auch zu weit

Aber auch diese Feststellung, dass die Kritik an der Wurst durchaus zu viel des Guten ist, hätte an dieser Stelle beendet sein können. Aber nein! Jetzt wiederum kommt wieder die „Gegenseite“ und macht ein riesiges Fass auf und will den Muslimen unterstellen, dass ihnen eine Wurst auf einer Konferenz wichtiger ist als zum Beispiel die Tatsache, dass Abdel-Samad so eine Konferenz nur mit Personenschützern betreten kann. (Quelle)

Klar, solche wahnwitzigen Eskalationen wie die der „Deutsch-Türkischen Akademiker“, die plötzlich auf derbste gegen Frauen, Schwule, liberale Muslime und Polizeibeamte hetzen sind nicht nur unangebracht, sondern widerlich. Und werden zu Recht kritisiert. Ich meine, was habt ihr euch dabei gedacht? Gute Arbeit, euren rassistischen Kritikern zu beweisen, dass ihr keiner rückständigen Weltsicht anhängt. Und mit Akademiker-Niveau hat das auch nichts mehr zu tun.

Wenn Deutsch-Türkische Akademiker e.V. sich als religiöse Menschen verkaufen und gleichzeitig öffentlich über die Unterwäsche von Ministerinnen spekulieren…

Gepostet von ruhrbarone am Sonntag, 2. Dezember 2018

Nur noch Eskalation, kein Austausch

Aber es ist halt jetzt erstmal nur dieser eine Account gewesen. Aber in einer Welt, in der es nur zwei Positionen geben kann und Differenzierung ein Ding für Wunschträume, haben wir jetzt wohl auf der einen Seite intolerante, rückständige Muslime, die sich über eine unschuldige Wurst auf einer Konferenz aufregen und auf der anderen rassistische Deutsche, die böswillig Schweinefleisch unterjubeln wollen. Und das sind nicht nur Überspitzungen, manche passen sich diesen jeweiligen Feindbildern ja auch mit Freude an.

Und wir reden schon in der dritten Eskalationsrunde über diese blöde Blutwurst, die maximal eine Fußnote wert war. Die man mit einem Satz hätte abhandeln können. Und hier irgendwo steckt der Kern der Probleme, die unsere öffentlichen Debatten derzeit haben: Eskalation um Symbole ist wichtiger als ein differenzierter Austausch. Das Füttern von Feindbildern ist wichtiger als eine zielführende Positionierung. Und ich wollte nie darüber schreiben müssen. Das Thema ist mir eigentlich sowas von Wurst.

Artikelbild: pixabay.com, CC0, Master1305, Shutterstock.com, changes were made

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