Hört auf, darüber zu diskutieren, ob “der Islam zu Deutschland” gehört!

| 18. März 2018

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Seit “Heimatminister” Seehofer angefangen hat, mit “Der Islam gehört nicht zu Deutschland” mal wieder aus dem AfD-Wahlprogramm zu zitieren, diskutiert ganz Deutschland darüber und unzählige Menschen liefern gegenteilige Argumente. Hört auf damit! Nicht, dass die Rechten im Land mit solchen Aussagen richtig liegen würden, aber wir sollten aufhören, über populistische Stöckchen zu springen. Hört auf, eine Schattendiskussion zu führen, die wir nur verlieren können.

Ganz ehrlich: Was haben wir davon, wenn wir “beweisen”, dass der Islam doch zu Deutschland gehört? Na, ich meine, was bedeutet das überhaupt? Haben wir dann damit ein gesellschaftliches Problem gelöst? Geht es irgendjemandem in diesem Land dann besser? Nein, nichts davon. Aber der Reihe nach, gehen wir die Sache einmal logisch an und stellen uns folgende Fragen: Erstens: Was wollen Populisten mit dieser Aussage überhaupt sagen? Zweitens: Können wir diese Diskussion überhaupt gewinnen? Und letztens: Was erreichen wir überhaupt, wenn wir dagegen argumentieren?



Was will uns Seehofer überhaupt damit sagen?

Das ist ja die Frage, nicht? Meint Seehofer Muslime? Die leben schon seit Jahrzehnten hier. Meint er die Religion als Staatsreligion? Das ist definitiv falsch. Und fordert auch niemand, außer vielleicht ein paar unbedeutende Spinner. Meint er kulturell-historisch? Wahrscheinlich, aber politisch sind Staat und Kirche (theoretisch! Kirchensteuer *hust* *hust*) getrennt, und welchen kulturellen Einflüssen eine Gesellschaft unterliegt, das hängt von vielen komplexen Dingen ab, auf die die Politik keinen direkten Einfluss hat. Und bis auf Döner und Falafel merke ich keine große Islamisierung, um ehrlich zu sein. Und wenn er es historisch meint: Ja, Recht hat er! Ja und? Ist halt so. Aber die christlichen Kirchen und Religiösität allgemein verlieren immer weiter an Bedeutung.

Und jetzt? Über jeden einzelnen Aspekt könnte man jetzt eine Abhandlung halten, sich eine Interpretation  herauspicken und dafür oder dagegen argumentieren, aber die Populisten können jederzeit auf eine andere Interpretation umschwenken und weichen so jeder Argumentation aus. Vor allem, da einige dieser Interpretationen die Aussage “Der Islam gehört zu Deutschland” bestätigen oder ihr widersprechen, je nachdem, was jetzt gemeint ist. Die Bürger muslimischen Glaubens ja, die Scharia nein. Das Problem ist hier: Das ist so ein oberflächlicher, inhaltsleerer Allgemeinplatz, dass der alles oder nichts bedeuten kann. Aber er klingt gut für diejenigen, die Seehofer am rechten Rand abfischen will.

Können wir diese Diskussion gewinnen?

Nein. Das ist ein populistisches Stöckchen, über das wir springen sollen. Wir werden jetzt dazu genötigt, dem zu widersprechen. Natürlich gehören Muslime nach Deutschland, natürlich dürfen sie ihre Religion hier ausüben, das leugnet auch ein Seehofer nicht. Aber wenn wir jetzt groß und breit über “Der Islam gehört zu Deutschland” diskutieren, dann geben wir den Populisten genau das, was sie wollen: Ein Feindbild. Denn wenn die darunter verstehen, dass die Scharia in Deutschland eingeführt werden soll, oder damit meinen, dass Deutschland eher christlich geprägt sei, dann klingen wir wie Idioten, wenn wir dem widersprechen.

Machen wir natürlich nicht, aber das ist das, was auf der anderen Seite ankommt. Denn denen geht es nicht um eine Diskussion, das war lediglich Provokation. Das war lediglich populistische, inhaltsleere, heiße Luft. Wir bieten dadurch den Rechten nur den willigen Gegenspieler in ihrer Schwarz/Weißen Welt aus Gut/Böse, aus Deutsch/Nicht-Deutsch, aus Links/Rechts und letztlich: Aus Pro-Islam und Kontra-Islam. Denn gerade aus einer emanzipatorischen, religionskritischen oder atheistischen Position heraus, die ja auf der “linken” Seite eher aufzufinden sein dürfte, wirkt eine Verteidigung einer Religion, noch dazu einer, die mit der Unterdrückung der Frau und mit Gottestaaten im Nahen Osten verknüpft wird, absurd und widersprüchlich.

Natürlich ist das nicht die Position, die wir vertreten. Aber das, was die Rechten sehen (wollen). Und überzeugt wird letztlich keiner davon. Das war auch nie die Absicht. Das war ein politischer Klingelstreich. Provozieren und wegrennen. Diese Diskussion kann man nicht gewinnen. Weil es keine Diskussion ist. Es geht um gefühlte Wahrheiten und um hohle Phrasen.

Was erreichen wir, wenn wir dagegen argumentieren?

Selbst wenn das eine Diskussion wäre, die man “gewinnen” könnte und am Ende alle einsehen würden: Ok, der Islam gehört zu Deutschland. Was bedeutet wiederum das? Ändert sich dann irgendetwas? Geht es irgendjemand in diesem Land besser? Ist die Rente wieder sicher? Haben wir mehr Pflegekräfte? Sind weniger Kinder in Kinderarmut? Kann manvon Hartz IV ein würdiges Leben führen? Werden die Schlangen an den Tafeln kleiner? Wir helfen nicht einmal Muslimen damit. Wird Deutschland dann toleranter? Und wenn ja, in welcher Hinsicht? Das ist eine völlig sinnlose Diskussion, mit der wir nur Zeit verschwenden, anstatt über echte Probleme zu diskutieren.

Weil was passiert? Die Wähler und Wählerinnen der Rechten werden sich erstens sowieso nicht überzeugen lassen und zweitens werden sie nur wahrnehmen, dass es den “Linken” mehr daran gelegen ist, darüber zu diskutieren ob eine Minderheit “zu Deutschland gehört”, als dass man sich um IHRE Probleme kümmert. Natürlich setzen wir uns für soziale Gerechtigkeit, faire Löhne und Renten usw. ein. Aber wir haben gerade tagelang eine völlig andere Diskussion geführt. Wir haben unsere eigenen Narrative verlassen.

Die Rechten knüpfen jedes Problem an Flüchtlinge. Lange Schlangen an den Tafeln? Flüchtlinge sind schuld. Zu wenig Rente? Flüchtlinge sind schuld. Und wir versuchen nur vergeblich und nachweislich ohne Erfolg, immer wieder zu widersprechen, anstatt über die wahren, viel komplexeren Ursachen zu reden: Abbau des Sozialstaats, Umverteilung von unten nach oben, Sozialdarwinismus, marktradikale Politik, unkontrollierter Lobbyismus.

Wir müssen unsere eigenen Narrative in die Diskussion einführen und nicht auf das Spielfeld der Rechten gehen, denn dort können wir nichts gewinnen. Diese Diskussionen sind zum Scheitern verurteilt und bringen uns sowieso nicht weiter. Ja, natürlich haben Seehofer und seine Vorbilder von Rechts mit dieser Aussage Unrecht. Aber darum geht es doch überhaupt gar nicht. Wir geben ihnen und ihrer Ideologie nur unverdiente Aufmerksamkeit und machen Werbung für sie. Wenn die Rechten eine “Alternative” präsentieren, dann können wir nicht glaubwürdig immer nur “Nein” sagen, wir müssen auch eine alternative Lösung präsentieren. Eine, die besser ist und mehr Sinn macht. Und das dürfte nicht so schwer sein.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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