Das Phänomen der „Nazi-Keule-Keule“ als rechtes Totschlagargument


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Im Namen der Differenzierung nicht mehr differenzieren

Das reductio ad Hitlerum und Vergleiche mit weiteren Personen des Dritten Reiches, auch die „Nazi-Keule“ genannt, ist eine diskursive Praxis, um mit einem plumpen Vergleich und einem logischen Fehlschluss vermeintlich eine Diskussion zu gewinnen. Es ist eine Variante, um das Gegenüber mit dem größtmöglichen Bösen – Nazis – zu vergleichen, damit man sich mit diesem nicht näher beschäftigen muss. Adolf Hitler ist schlecht, Adolf Hitler hat Brot gegessen, Person X isst auch Brot, also ist Person X wie Hitler und so. Passend dazu auch Godwin’s Gesetz: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“

Und das ist natürlich ein diskursives Problem, nicht nur in obskuren Internetforen, sondern auch in größeren medialen Debatten. Und seien wir ehrlich: Viele Jahrzehnte lang war die Nazi-Keule auch wirklich meistens nichts weiter als ein billiger argumentativer Trick. Klar gab es Nazis (und wir können uns die akademische Unterscheidung zwischen Altnazis und Neonazis an dieser Stelle sparen), aber die fanden nicht wirklich im großen Diskurs, in der allgemeinen Politik statt. Das Problem ist aber, dass das nicht mehr der Fall ist. Mit der großen Bedeutung von Social Media und dem Einzug der AfD sitzen wieder Faschist:innen im Bundestag und gehen vom Verfassungsschutz beobachtete Personen dort ein und aus. In Social Media kriegen rechtsextreme Plattformen viel Reichweite, Hassgruppen bilden sich. Rechtsextreme Gewalt, Straftaten, Morde und Terror haben zugenommen. Die Nazis sind wieder da.

Die Nazi-Keule ist manchmal angebracht

Sicherlich machen ich und Volksverpetzer in einigen Kreisen den Eindruck, wir seien genau diejenigen, die sehr gerne und sehr locker mit der Nazi-Keule umgehen. Beziehungsweise den Begriff „Nazi“ regelmäßig nutzen. Und natürlich schreiben wir viel über Nazis. Ich verwende den Begriff oft, als shorthand für Rechtsextremismus ist es eines der zentralen Themen dieses Blogs. Wir widmen uns Fake News, Desinformation und menschenfeindlichen und wissenschaftsfeindlichen Narrativen. Die findet man überproportional und übertrieben in rechtsextremen Kreisen. Wer uns vorwirft, wir würden viel über Nazis schreiben, der beschwert sich sicher auch, dass ein Börsenmagazin so oft das Wort „Aktie“ verwendet.

Aber dass wir über Nazis reden, ist nicht gleich die „Nazi-Keule“. Denn es gibt Nazis, die Verwendung des Begriffs ist noch kein Beweis für mangelnde Differenzierung. Klar kann man sich darüber streiten, ob „Nazi“ für „Rechtsextremist:in“ das perfekte Synonym ist, ob man zwischen Neonazis mit positivem Rückbezug auf den Nationalsozialismus, „Neuen Rechten“ und anderen Faschist:innen unterscheiden sollte. Und ich gebe zu, das ist eine spannende akademische Diskussion, aber für den Alltag zu kompliziert. Und eigentlich auch egal: Die Übergänge sind fließend, diese Gruppen sind eng vernetzt und verbündet. Sie alle schwächen gemeinsam die Demokratie.

Während wir alle Brauntöne sortieren, greifen sie unsere Institutionen (und andere Menschen) an. Und waschechte Faschist:innen haben viel Macht und Einfluss in diesem Land. Wir müssen darüber reden dürfen. Außerdem nennen wir in der Regel auch nicht konkrete Personen „Nazis“, wenn es nicht eindeutig angebracht ist, sondern den jeweilig besseren Begriff: Faschist:in, Rechtsextremist:in, Rechtspopulist:in.

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Nazi-Keulen-Schwinger

Dabei verkommt es dazu, dass viele den Vorwurf der „Nazi-Keule“ sehr strategisch verwenden, um jegliche Diskussion über „Neue Rechte“ und Rechtsextremismus zu ersticken. Die „Nazi-Keule-Keule“ eben. Ich schlage hiermit diesen neuen Fehlschluss vor, quasi eine fallacy fallacy. Nur weil es den Fehlschluss der Nazi-Keule gibt, macht es nicht jeden Hinweis auf Rechtsextremismus falsch. Somit verkommt „Nazi-Keule“ immer mehr von einem differenzierten Hinweis für eine sachlichere Diskussionskultur zu einem Werkzeug der Selbstverharmlosung von „Neuen Rechten“. Und für eine Radikalisierung des Diskurses.

Man kann jedem, der kritisch über Rechtsextremismus spricht, eine „Antifa“-Ideologie (ich nenne es ja gern: Demokratie) unterstellen und somit Übertreibung und Hysterie. Und versteht mich nicht falsch. Es gibt viele Menschen, die damit an jeder Ecke kommen und … wasweißich, jede Partei, die nicht die Marktwirtschaft infrage stellt, bereits zum rechtsextremen Spektrum zählen. Das Internet lässt sehr viele Leute sehr leicht sehr viele affektionierte Dinge in die Welt setzen. Und sorgt dafür, dass diese auch von vielen gesehen werden. Aber es ist für viele, die diese Keule vielleicht auch sogar sehr gut treffen würde, sehr bequem, die Nazi-Keule-Keule zu schwingen, um sich vor jeglicher Kritik zu immunisieren. Es wirkt ja auch sehr differenziert.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sehr viele derjenigen, die einem gerne vorwerfen, völlig undifferenziert andere „in die rechte Ecke zu stellen“, genau dasselbe machen. Nehmen wir den aktuellen politischen Diskurs. „Querdenker:innen“ sehen sich wie die „neuen Juden“, tragen Davidsterne mit der Aufschrift „Ungeimpft“, vergleichen Impfen mit dem Holocaust, schwafeln von Diktatur. Wir beim Volksverpetzer werden ständig von Rechtsextremist:innen als „Linksfaschisten“, „die wahren Nazis“ bezeichnet oder mit dem NS-Propaganda-Medium „der Stürmer“ verglichen. Diese Leute haben nichts gegen die Nazi-Keule. Sie mögen nur nicht, wenn man sie gegen sie selbst verwendet.

Die Nazi-Keule nach #allesdichtmachen

Im Zuge der entgleisten Debatte der querdenker’esquen Aktion #allesdichtmachen von Brüggemann, Liefers und Volker Bruch (mehr dazu) sprachen wir in mehreren Artikeln und Analysen davon, dass damit auch Narrative und Falschdarstellungen von „Querdenken“ und Rechtsextremist:innen bedient werden. Wir haben ausführlich erklärt und belegt, dass die Aktion auch in rechtsextremen Kreisen viel Applaus erhielt und gelobt wurde. Von astreinen Rechtsextremist:innen (mehr dazu). Und zwar nicht im Sinne von: Die Aktion ist problematisch, weil sie Applaus von Rechts erhält, sondern umgekehrt. Sie erhält Applaus, weil sie problematisch war.

Und Leute, ich sag’ euch, wie sind die Nazi-Keulen-Vorwürfe auf uns eingeprasselt! Wir haben keinen der Beteiligten als „Nazi“ bezeichnet, nicht mal als „Querdenker:in“. Wir haben die beiden Gruppen auch nie gleichgesetzt, wie man ja auch sieht. „Querdenker:innen“ haben einige Überschneidungen mit der rechtsextremen Szene: Sie bedienen sich ähnlicher Methoden, haben ähnliche Feindbilder, verharmlosen sich gegenseitig und marschieren gemeinsam, ja. Aber wir haben sie kein bisschen gleichgesetzt. Ausführlicher hier:

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Die Nazi-Keule-Keule als rechtes Totschlagargument

Und sicherlich gab es einige in den Weiten des Netzes, auch auf „unserer“ Seite, die alle „Querdenker:innen“ als „Nazis“ bezeichnet haben, oder die Aktion #allesdichtmachen als eine „Nazi-Aktion“. Das mag ja sein, halte ich auch für falsch, aber warum müssen wir uns bei Volksverpetzer die Beschwerden (und Beleidigungen und Drohungen) deswegen anhören? Ich habe in vorangegangenen Kolumnen-Beiträgen bereits beklagt, dass der Diskurs in Social Media, erst Recht nach einem Jahr Pandemie, eigentlich tot ist. Und hier sieht man es auch wieder.

Der eigentlich richtige Hinweis auf die übermäßige und undifferenzierte Verwendung des „Nazi“-Begriffes verkommt zu einem Blanko-Check, dass man sich nicht mehr mit den wirklichen Kritikpunkten auseinandersetzen muss. Ich glaube wirklich: Niemand, der uns in den Tagen nach unserer Kritik mit Beleidigungen und Pöbeleien zuballerte, hat unseren Artikel überhaupt angeklickt, geschweige denn gelesen. Während die eine Hälfte uns völlig zu Unrecht vorwarf, alle Andersdenkenden als Nazis zu diffamieren, hat uns die andere Hälfte als „Stürmer“ und „die neuen Nazis“ bezeichnet. Ironischerweise. Wir haben quasi beide Keulen abgekriegt.

Tut mir leid, wenn wir da bisschen genervt von sind. Aber letztlich hat das diejenigen, über die wir sprechen, von jeglicher Notwendigkeit entbunden, auf die sachliche Kritik einzugehen. Brüggemann, der Regisseur hinter #allesdichtmachen, hat nach unserer Berichterstattung lediglich mit halbgaren (und teilweise falschen) Vorwürfen über uns getwittert. Für seine Fans hat das gereicht. Über den Kern der Kritik wird kein Wort verloren. Und nicht nur in dieser Debatte, sondern überall. Viel zu viele Menschen (im ganzen Spektrum) machen es sich viel zu bequem, wenn flotte Sprüche echte Argumente ersetzen.

Kritik mundtot machen

In dieselbe Kategorie fällt der „Cancel Culture“-Vorwurf, der auch nur noch ein rechtes Buzzword ist, um nicht mehr auf Kritik eingehen zu müssen. Wir haben kritisiert, dass die Aktion Verschwörungsmythen und rechte Narrative salonfähig macht. Aber wir werden angeschrien, dass wir alle als „Nazis“ bezeichnen würden und dass wir sie „mundtot“ machen würden. Während man unsere Accounts nonstop meldet, uns Drohbriefe schickt und uns verklagen und abmahnen möchte. Beide Kampfbegriffe werden zur faulen Ausrede, um Kritiker:innen an den Pranger zu stellen.

Wenn man kritisiert wird, kann man „Cancel Culture“ schreien, dann muss man nicht mehr erklären, warum man bestimmte Aussagen macht, sondern nur noch, dass man bestimmte Sachen sagen darf. Wenn man „Nazi-Keule“ schreit, muss man nicht mehr erklären, warum die eigenen Aussagen nicht die Rechtsextremist:innen stärken, sondern kann einfach den Applaus von Rechts genießen und andere als die „wahren Nazis“ beschimpfen. Diese Dinge sind längst Täter-Opfer-Umkehr, Opferinszenierung und Diskursverschiebung und keine differenzierten Positionen mehr.

Die Nazi-Keule-Keule ist längst ein Totschlagargument, um sich nicht mehr rechtfertigen zu müssen. Ein Werkzeug, um „Andersdenkenden“ zu verbieten, Kritik zu äußern, ausgerechnet im Namen der Meinungsfreiheit. Und – und ich bin mir hier völlig der Ironie bewusst – das sind Methoden von Nazis.

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Artikelbild: studiostoks

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