Nazis boxen funktioniert. Sagen sogar Nazis.

Schwer verpetzt

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„Die Antifa gewinnt“, sagt Richard Spencer, der poster boy der „Alt-Right“ und widerspricht damit der Annahme, dass man den Aufstieg des neuen Rassismus nicht mit Gewalt aufhalten dürfe. Wie weit sollte man gehen, um Nazis zu stoppen?

Der white nationalist und einer der bekanntesten Redner der Neuen Rechten, Richard Spencer, hat neulich zugegeben, dass „die Antifa“ ihm den Spaß am Nazi sein kaputt macht. Seine kontroverse Tour durch US-amerikanische Hochschulen hat er abgesagt, nachdem wieder einmal eine seiner Reden durch gewalttätige Proteste überschattet wurde. Widerwillig gibt er zu:

„Antifa is winning to the extent that they’re willing to go further than anyone else, in the sense that they will do things in terms of just violence, intimidating, and general nastiness“

(Die Antifa gewinnt insoweit, dass sie bereit sind, weiter zu gehen als jeder andere, sie sind bereit Dinge in Bezug auf Gewalt, Einschüchterung und allgemeiner Gemeinheit zu tun wie kein anderer, [Übersetzung der Redaktion])



Also, go Antifa?

Zuerst einmal, damit keine Missverständnisse entstehen: „Antifa“, kurz für „anti-faschistisch“, ist keine Organisation. Kein Verein, kein Unternehmen und wird auch nicht staatlich finanziert, auch wenn sich viele über diese rechte Verschwörungstheorie lustig machen, auch wir. Im weitesten Sinne ist auch das deutsche Grundgesetz „anti-faschistisch“. Aber in diesem Kontext handelt es sich dabei vielmehr um eine Bewegung, um eine Bezeichnung von verschiedenen Praktiken, die kompromisslos darauf ausgerichtet sind, Neo-Nazis, Rassisten und ihren Unterstützern das Leben schwer zu machen.

Viele sind der Meinung, so auch ich, dass das Blockieren und oftmals gewalttätige Bekämpfen von neuen Rechten und Neo-Nazis das Recht auf Meinungsfreiheit und körperliche Unversehrtheit einschränkt. Schließlich können wir nicht auf das Niveau derjenigen sinken, die wir eigentlich bekämpfen wollen. Kritiker argumentieren darüber hinaus, dass es auch nicht effektiv sei, im Gegenteil, Noam Chomsky bezeichnete es als „Geschenk“ an die Rechten, sie mit Gewalt aufzuhalten. Man müsse sie mit Argumenten schlagen, denn dort können wir nur gewinnen.

Während ich dieser Einschätzung zustimme, muss ich doch auch zugeben, dass diese Argumentation nicht ohne Lücken ist. Spencers Nachricht suggeriert doch viel eher das Gegenteil: Er wollte seine hasserfüllten, faschistoiden Botschaften an die (aus seiner Sicht „marxistischen“) Universitäten bringen, in dem Versuch, sie zu normalisieren und von dort wurde er verjagt. Das Problem ist ja auch, dass auch ungestörte Debatten mit diesen Rassisten gar nicht gewonnen werden (können?).

Hitler wegdiskutieren

Wenn man einmal so einer Debatte mit Neofaschisten beigewohnt hat, merkt man schnell, dass der Versuch, mit Rechten zu diskutieren auch gewaltig in die Hose gehen kann. Spencer und Konsorten bleiben bei ihrer Argumentation eines weißen „Ethno-Staates“ und dem ganzen Rest ihrer Hass-Ideologie. Die Lücken und Widersprüche in dieser Ideologie werden von denjenigen ignoriert, die in ihm eine Bestätigung ihres Rassismus sehen und der Rest ist sowieso nie darauf hereingefallen. Was aber passiert ist, dass es so scheint, als sei diese Ideologie ein legitimer Debattenstandpunkt.

Antifa-Taktiken sehen anders aus: Natürlich fällt jedes nationalistische Argument bei einer kurzen Betrachtung in sich zusammen, aber die jungen, perspektivlosen Männer folgen ihr nicht wegen der Logik. (Ein Blick in die Kommentarspalten der BILD macht das sehr schnell klar). Sie folgen ihr wegen des Gemeinschaftsgefühls, der Männlichkeitskultur, der Identitätsbildung. Die gleiche Masche, nach der sich Gangs oder Terrorgruppen bilden und junge Männer ohne Perspektiven einfangen.

Das Ziel der Antifa ist es, den Anhängern rechter Ideologien den „Spaß“ am Faschismus wegzunehmen und ihn unangenehm zu machen. Antifa-Taktiken haben den Rassismus in den 70ern und 80ern in der Punk-Szene zurückgedrängt. Die Antifa lediglich als hirnlose Schlägertypen hinzustellen (wovon es sicherlich genug gibt!), die die Rechten stärken, basiert aber nicht wirklich auf empirischen Daten. Antifa als Bewegung, die versteht, wie Faschismus entsteht und sich verbreitet und an den entscheidenden Stellen eingreift, klingt hingegen plötzlich sehr effektiv.

Also, sollen wir jetzt mit dem Prügeln beginnen?

Um Himmels willen, nein. Aber rechte Gewalt und das Rechtsextremismuspotential waren seit Jahrzehnten nicht so hoch wie jetztdie AfD baut ein rechtsextremes Netzwerk im Bundestag auf und 2017 gab es mehr als 2200 Angriffe auf Flüchtlinge. Irgendwas machen wir bisher falsch. Ich bin auf keinen Fall dafür, dass wir jedem eine runterhauen, der etwas rassistisches sagt. Aber ich glaube, hardcore Neo-Faschisten eine Bühne in Universitäten und auf Buchmessen zu bieten, ist Toleranz für Intolerante und geht nach hinten los. Die sind nicht da zum Diskutieren. Das sind Ideologen, die jede Bühne ausnutzen, die sie kriegen können. Und deshalb sollten wir ihnen vielleicht keine bieten.

ABER, nicht jeder, der etwas rassistisches von sich gibt oder auch die AfD wählt (oder Mitglied ist!), gehört geschlagen. Mit diesen Menschen kannst und sollst du diskutieren, ich habe hier erklärt, wann und wie du das tun solltest. Das sind keine bösen Menschen und ich glaube fest daran, denen mit der Nazi-Keule zu kommen, treibt sie in die Arme der echten Faschisten. Für diese Menschen wird die AfD erst attraktiv, eben weil sie sich von der Gesellschaft, von „denen da oben“ missverstanden und verachtet fühlen. Das muss aufhören. Man muss ihre Sorgen ernst nehmen (Und nein, das heißt nicht, ihre fehlgeleiteten Forderungen nach Obergrenzen oder so einen Quatsch ernstzunehmen).

Aber die echten, vollen Faschisten? Die Anführer und Redner? Die verdienen ihr Geld mit dieser Ideologie. Die verkaufen ihre Marke und Identität mit den Identitären. Die holen wir nicht mehr zurück (Leider). Denen sollte man keine Bühne mehr bieten. Denen sollte man vielleicht den Spaß verderben. Ich bin kein Fan von prügelnden, schwarzen Blocks, die sich mit der Polizei anlegen, ganz im Gegenteil. Vielleicht funktioniert es, Nazis kompromisslos aus der Öffentlichkeit zu halten. Aber für die Verteidiger dieser Praktiken sind Polizisten alle Nazis (Ja, auch da gibt es echte Nazis, aber halt bei weitem nicht alle) oder jeder AfD-Wähler (Ja, auch da gibt es echte Nazis, aber eben halt nicht jeder).

Also: Ihren Anhängern Gehör und Verständnis schenken, sich um deren Probleme mit nicht-rassistischen Lösungen kümmern und den Anführern bloß keine Plattform bieten oder jeden irrelevanten „Mausrutscher“ berichten. Aber das heißt nicht, Nazis zu boxen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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