Christchurch: Diese rechten Ablenkungsmanöver gehen gewaltig nach hinten los

Social Media

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Das Problem an diesen whataboutismen

Rechte und rechtsextreme Gruppen und Parteien profitieren davon, ein gemeinsames Feindbild zu kreieren. Das sind üblicherweise Schutzsuchende, Frau Merkel, „Linke“ oder sehr häufig: Muslime. Deshalb müssen Muslime immer die „Bösen“ sein, um als Bedrohung zu fungieren. Dabei spielt es keine Rolle, dass nur einer von 20 Deutschen muslimischen Glaubens ist (Quelle). Deswegen werden ist für die Rechtsextremen das Attentat von Christchurch, bei dem 50 Muslime von einem rechtsextremen Terroristen getötet wurden auch eine Katastrophe.

Also nicht so wie es für uns normale Menschen eine Katastrophe ist. Während wir um die Toten trauern und Schmerz über die verlorenen Leben – darunter Kinder! – fühlen, ist es für die Rechtsextremen ein PR-Desaster. Denn Muslime als Opfer von Terrorismus passt nicht in ihr Narrativ. Obwohl weltweit Muslime mit Abstand die meisten Terroropfer ausmachen (Mehr dazu).

Und nur vorab: Wenn ich von „Rechtsextremen“ rede, dann meine ich dezidiert nicht jeden „Islam-Kritiker“ oder „Konservativen“. Auch nicht einmal die ganze AfD. In der AfD sind nicht nur Faschisten und Islam-Hasser (auch wenn die den einflussreichsten und vielleicht größten Teil ausmachen, mehr dazu). Wobei sich natürlich die anderen den Vorwurf gefallen lassen müssen, entweder Mitläufer oder Befähiger von Faschisten zu sein. Einige wenige distanzieren sich auch vom Terror. Gut so. Aber dann gibt es den Rest.



Mediale Ablenkungsmanöver

Wer in Social Media Berichte über den Anschlag von Christchurch oder über die Trauerfeiern verfolgt haben sollte, wird sie gesehen haben: Immer den gleichen Kommentar, immer das gleiche Argument. Nehmen wir als Beispiel diesen Bericht von ZDF heute, die schon länger in der Kritik stehen (Mehr dazu), ihre Kommentarspalten nicht genügend zu moderieren:

Neuseeland trauert

Neuseeland steht zusammen und trauert. Derweil zieht die Regierung Konsequenzen aus dem Anschlag.

Gepostet von ZDF heute am Montag, 18. März 2019

Neben vielen mitfühlenden und anstandslosen Kommentaren gibt es dann massenhaft derartige Kommentare:

Bei mindestens zwei dieser Profile handelt es sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit um Fake-Accounts, da sie keinerlei Inhalte (abgesehen von rechtsextremer Propaganda und Fake News) haben und erst in den letzten Monaten erstellt worden sind. Doch an dieser Argumentation, die teilweise wortwörtlich immer gleich sind, beteiligt sich sogar ein AfD-Bundestagsabgeordneter.

Huber, dessen Mitarbeiter in der Vergangenheit vorgeworfen wurden, dass sie der rechten Szene nahestehen (Quelle) reiht sich in den Chor der rechten Troll-Accounts ein: Über ermordete Christen schweigen die Medien?

Whataboutismus – und nicht einmal richtig

Abgesehen davon, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat können die Medien nicht über alle Anschläge berichten und müssen irgendwie sortieren – 2017 gab es immerhin im Schnitt etwa 24 Terroranschläge täglich (Quelle). Den Medien wird schon seit Jahren – von genau der „anderen“ politischen Seite! – vorgeworfen, mehr über Anschläge in westlichen Ländern zu berichten und so die Wahrnehmung zu verzerren. Denn es sterben nur 0,43% aller Terroropfer in Europa. Genau deswegen ist den meisten auch nicht bewusst, dass die meisten Terroropfer andere Muslime sind.

Doch die anderen Kommentierenden, einige von #ichbinhier, lassen die Rechtsextremen mit diesem Ablenkungsmanöver nicht durchkommen.

Damit ist eigentlich (fast) alles gesagt. Ergänzend noch: In Ländern wie Kenia, Pakistan und Ägypten gibt es unzählige Anschläge. Die ersten beiden sind sogar in den Top 5 der Länder mit den meisten Anschlägen weltweit. Die Anschläge in Neuseeland kann man an einer Hand abzählen – Wenn man bis 1970 zurück geht (Quelle). Zusammen mit Live-Stream und „Manifest“ des Terroristen macht das diesen Anschlag verständlicherweise berichtenswerter.

Ablenkung

Es handelt sich also einfach nur um plumpe Ablenkungsversuche. Wieder werden Tote instrumentalisiert für die eigene politische Agenda. Es sind keine echten Argumente, es sind Ablenkungen. Wir sollen mehr über einzelne Vorfälle reden, die besser in ihre Agenda passen. Aus dem gleichen Grund verbreiten viele Rechtsextreme und auch AfD-Abgeordnete die wahnwitzige Unterstellung, der Christchurch-Terrorist sei „Umweltaktivist“ gewesen, hätte gar etwas mit Greta Thunberg zu tun.

99% der Aussagen aus dem Manifest des Täters beziehen sich auf faschistische Ideologien und Fake News, die auch von der AfD oder der „Identitären Bewegung“ verbreitet werden (Mehr dazu). Warum dann diese Lüge? Erstens um die Mitverantwortung der eigenen Ideologie auf seine politischen Gegner abzuwälzen und zweitens im Gegenzug die extrem erfolgreiche FridaysForFuture-Bewegung zu diskreditieren.

Greta schlägt die AfD

Jeder Medienbericht, der über die demonstrierenden Schüler*innen handelt, und nicht über die Feindbilder der Rechtsextremen, schadet ihrer Agenda. Nicht nur das: Es handelt sich auch um Zahlen an Demonstrierenden, die um den Faktor 100 größer sind als alles, was die Rechtsextremen bisher vorweisen können. Es zeigt schmerzhaft, wie klein die Anzahl ihrer Anhänger*innen ist. Kein Wunder, dass sich niemand für ihre Feindbilder interessiert und die AfD in Umfragen weiter abfällt (Quelle).

Das schlimme dabei, dass die Rechtsextremen weiter das Narrativ der „bösen Muslime“ verbreiten, ist am Ende, dass es genau das ist, was den Terroristen zu seiner schrecklichen Tat getrieben hat. Der Mörder hat diese Falschdarstellungen geglaubt. Und bei den Beileidsbekundungen, die die AfD verkündet hat war nie eine Distanzierung dabei. Sie wäre auch unehrlich gewesen. Denn die Partei nimmt nicht einmal den Mord an 50 Menschen zu Anlass, zumindest eine Zeit lang diese Menschen nicht zu dämonisieren.

Sie nutzt sogar die Berichterstattung über diese Tragödie, um weiter die Ideologie und Lügen zu verbreiten, die sie erst ermöglicht haben. Und darin liegt das große Problem. Deswegen lasst die Trolle – und auch den ein oder anderen AfD-Abgeordneten, und ihre Pseudo-Argumente links liegen. Sie sind Ablenkung, falsch und nicht ehrlich. Wer wirklich trauern will, trauert. Wer hetzen will, hetzt. Und das sagt alles über die Person aus, was man wissen muss.

Artikelbild: Screenshots facebook.com

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