Dieser Kettenbrief bringt die Klimadebatte perfekt auf den Punkt

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Ein Kettenbrief, der sich lohnt

Es geht mal wieder ein Kettenbrief um. Ja, diese Dinger gibt es immer noch.
ABER: Diesmal geht es nicht um irgendwelche gruseligen Geschichten oder Werbegags (oder Selbstbeweihräucherung von 40 bis 60-Jährigen, weil ihnen Fridays For Future ein schlechtes Gewissen macht, mehr dazu), die durch unsere SMS fliegen. Tatsächlich geht es um ein ziemlich ernstes und aktuelles Thema. Welches aber sehr anschaulich verpackt ist. Ich spreche von der Klimakrise.

Aber halt wartet! Ich weiß, ihr wollt nicht schon wieder über den Klimawandel lesen. Es ist irgendwann nervig, die Fronten haben sich verhärtet. Die, die für mehr Aufwand in der Klimapolitik sind, werden sich davon auch nicht mehr abbringen lassen. Genauso wenig wie die „Skeptiker“ und „Leugner“, die aus irgendwelchen Gründen dagegen sind. Aber: Dieser Kettenbrief ist es tatsächlich wert, gelesen und geteilt zu werden.



Der KettenBrief

„Wenn das Klima der Straßenverkehr wäre.

99,94 % der Klimaforscher: Wir brauchen klare Regeln für den Straßenverkehr, sonst wird es sehr viele Tote geben. Vielleicht bricht der komplette Straßenverkehr in absehbarer Zeit zusammen.

Bundesregierung: Es wäre sehr vorbildlich wenn die Teilnehmer am Straßenverkehr bei roten Ampeln und an Stoppschildern anhalten würden. Daher führen wir ein Strafgeld von 10 Cent beim Überfahren einer roten Ampel ein. Um die Belastungen sozial verträglich zu gestalten machen wir eine Übergangsregelung bis 2058 und erhöhen die steuerfreie Pauschale für die Bezahlung von Strafen auf 100 Euro.

AfD: Es gibt keine roten Ampeln oder Stoppschilder. Es ist jederzeit und unbegrenzt freie Fahrt für jeden möglich. Niemand muss jemals anhalten, jeder kann so schnell über jede Kreuzung rasen wie er will. Alle, die das Gegenteil behaupten, sind linksgrünversiffte Anti-Verkehrs-Terroristen, die von einer Weltverschwörung gesteuert werden. Kritische Wissenschaftler auf Youtube unterstützen unser Weltbild! Schau mal auf dem Kanal von „Wahrheitssucher“ – „Die STVO-Verschwörung – wie wir alle zu willenlosen Drohnen im Straßenverkehr gemacht werden sollen“

Trump: Wir sollten alle Ampeln sprengen, jeden verhaften, der rote Ampeln fordert und amerikanische Autos haben in jedem Land der Welt immer Vorfahrt und sind die besten der Welt. Amerika ist großartig. Ich bin großartig.

Deutsche Autoindustrie: Wir finden Ampeln okay. Wir bauen eine Software ein, die Ampeln für die Fahrer unserer Autos auf grün stellt aber auf dem Teststand nicht erkannt wird. Deutsche Autos sind die besten der Welt.

Ein „kritischer“ Wissenschaftler: Ich habe einen Doktor in Maschinenbau und daher weiß ich auch über Verkehr bescheid und mein durch viel Geld aus der Autoindustrie genährtes Gefühl ist, dass die Studien von 99,94 % der Forscher alle falsch sind. Niemand kann beweisen, dass der Verkehr durch Regeln sicherer wäre. Ich habe z.B. einfach mal ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes Detail aus einer Studie von 1956 so in Word rauskopiert, dass man nichts mehr erkennt – aber man kann da eindeutig sehen, dass Regeln im Straßenverkehr sogar schaden!

Industrie: Vermutlich wären Regeln im Straßenverkehr sinnvoll, aber wir können nur weiter wachsen, wenn es immer mehr Unfälle gibt und die Leute sich daher immer größere Autos mit Rammen, Panzerung und schwerer Bewaffnung kaufen. Regeln sind okay, so lange es freiwillig ist, sie zu befolgen. Regeln, wie rote Ampeln und Stopp-Schilder, die man wirklich einhalten muss, gefährden Arbeitsplätze!

Schüler: Wir würden ungern im Straßenverkehr sterben.

Alle an Schüler*: GEHT ERSTMAL ARBEITEN UND IHR FAHRT JA AUCH IM STRAßENVERKEHR, VERLOGENE SCHEIßGÖREN!

*bis auf 99,94 % der Klimaforscher“

Tl;dr

Die 3 Minuten Lesezeit sind tatsächlich gut investiert. Falls jemand den Teil oben trotzdem überspringen möchte, hier eine kurze Zusammenfassung.

Der Brief stellt die aktuelle Klima-Debatte metaphorisch als Debatte zum Thema Straßenverkehr dar.

Zuerst wird die Meinung der Forscher dargestellt. Diese sind sich einig, dass es Regeln für den Straßenverkehr geben muss. Ansonsten wird Chaos auf den Straßen herrschen. So weit so klar. Diese Sicht ist vermutlich leicht zu verstehen.

Die Aussagen der Bundesregierung werden bewusst zynisch dargestellt. So soll ein Strafgeld von 10 ct pro überfahrener Ampel (Äquivalent: Lächerlich niedrige C02-Steuer) die Sicherheit verstärken. Gleichzeitig soll es eine Übergangsregelung bis 2058 geben sowie eine steuerfreie Pauschale auf die Strafen bis 100€ (Äquivalent: Die kontraproduktive Pendlerpauschale). Damit wird die Haltung der Bundesregierung in der aktuellen Debatte treffend beschrieben: Zu viel Symbolpolitik, zu wenig ernsthafte Maßnahmen.

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Die Haltung der AfD

Hier ist die Metapher am geschicktesten eingesetzt. Der Urheber des Kettenbriefs gibt der AfD folgende Haltung: „Keine Ampeln, keine Verkehrsschilder, keine Verbote. Jeder fährt wie er will. Alle, die was anderes sagen, sind dumm oder gekauft.“ Klingt übertrieben dumm, ist aber eigentlich ziemlich genau das, was die Klimawandelleugner-Partei AfD in der Debatte von sich gibt.

Auch weitere typische AfD-Aussagen sind verarbeitet. Besonders die „Beweisführung“ mittels ominöser YouTube-Kanäle, die scheinbar mehr Ahnung haben als Wissenschaftler, hat Konjunktur.
Dieses Vorgehen wird im Abschnitt „Ein kritischer Wissenschaftler“ genauer erläutert.

Auch die Reaktion der Industrie ist im Kettenbrief gut getroffen. Selbst wenn es zynisch klingt: Menschenleben sind für sie einfach nur zweitrangig. Es geht um den Profit. Auch bei der Klimakrise
Erneuerbare Energien können langfristig das Klima retten? Ja, aber mehr Gewinn macht man mit Kohle und Öl. Auch wenn es traurig klingt: So funktioniert das Denken im Kapitalismus.

Schließlich sind da noch die Schüler, mit der scheinbar selbstverständlichen Aussage, dass sie ungern im Straßenverkehr sterben möchten. Und alle anderen sagen ihnen, dass sie nicht so vorlaut sein sollen. Und keine Ahnung hätten. Überspitzt dargestellt? Kann man so sagen. Aber falsch in Bezug auf die aktuelle Debatte? Definitiv nicht.

Fazit

Wer auch immer der Urheber dieses Kettenbriefs ist: Er hat die Metapher hervorragend genutzt, um die aktuelle Umweltdebatte mit ihren Hauptfiguren darzustellen. Egal, ob es die zögerliche Regierung, die geldgierige Industrie oder die junge Generation, die unverständlicherweise zur Zielscheibe des Hasses wird, ist. Alle sind vertreten.

Dieser Kettenbrief sollte auf jeden Fall noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Deswegen: Teilt ihn in eurer Timeline, mit euren Freunden oder am Besten unter den Posts von „Klimaskeptikern“. Das wäre doch mal ein sinnvoller Hype.

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Artikelbild: Vulp, shutterstock.com

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