Shitstorms bei Kretschmann & Söder: Wie „Corona-Rebellen“ Andersdenkende mundtot machen

| Social Media | 30. Juni 2020

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Koordinierte Shitstorms von anti-demokratischen „Corona-Rebellen“

Am gestrigen Montag meldete sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf Facebook zurück.

Liebe Nutzerinnen lieber Nutzer,viele von Ihnen haben es sicher mitbekommen: Wir mussten am Samstagabend leider unsere…

Gepostet von Winfried Kretschmann am Montag, 29. Juni 2020

Sein Team und er hatten wenige Tage zuvor entschieden, seine Facebook-Seite zu deaktivieren (Quelle). Selbsternannte „Corona-Rebellen“ kaperten einen Kommentarstrang unter einem geposteten Video, in dem Kretschmann erklärte, warum er auf einem Foto keine Maske trug. Er entschuldigte sich in dem Video dafür und betonte zudem, wie gefährlich es sei anzunehmen, dass die Corona-Pandemie überstanden wäre und die Schutzmaßnahmen nun nichts mehr nützten.

Corona ist noch nicht vorbei!

„Wir sind bisher besser durch die Corona-Krise gekommen als die meisten anderen Länder der Welt. Aber: Die Pandemie ist nicht vorbei. Das Virus ist nicht verschwunden. Und das gilt auch trotz mancher guten Nachricht, die wir haben. Wir sind jetzt in einer Phase, in der wir besonders viel Ausdauer brauchen und sogar richtig zäh sein müssen, um die Erfolge nicht wieder zu verspielen. Denn wir wollen: weiter lockern, und gleichzeitig die Neuinfektionen niedrig halten – das ist die schwierige Doppelaufgabe, vor der wir stehen.“- Winfried Kretschmann

Gepostet von Winfried Kretschmann am Freitag, 26. Juni 2020

Wie das Social-Media-Team beschreibt, folgten die typischen, nachweislich inhaltlich falschen Kommentare und Desinformationen, die seit Monaten in vielen Kommentarspalten zu lesen sind. Daneben auch Bedrohungen und strafrechtlich Relevantes (Quelle).

Kritik und Shitstorm sind zwei paar Schuhe

Nun ist es eine Sache, wenn Bürgerinnen und Bürger Kritik äußern und sachlich auf der Seite eines Ministerpräsidenten diskutieren wollen. Problematisch wird es dann, wenn gebündelt und koordiniert in Gruppen dazu aufgerufen wird, die Kommentarspalten zu fluten und die immer gleichen Narrative gepaart mit einer aggressiven Arroganz verbreitet werden. Das führt nämlich zum Gegenteil einer sachlichen Auseinandersetzung, zumal in den meisten Fällen nachweislich Falsches oder nur Halbwahres geschrieben wird.

Zum einen führen die so selbstbewusst gestreuten Desinformationen dazu, dass Kraft und Energie aufgewendet werden muss, um richtigzustellen. Davon können wir vom Volksverpetzer ein Lied singen. Zum anderen aber werden diejenigen überrollt und aus dem Diskurs vertrieben, die sich mit dem Thema vernünftig auseinandersetzen wollen. Nun muss man dem Team von Winfried Kretschmann zu Gute halten, dass es ganz fleißig und auch gut moderiert hat, was wiederum die Voraussetzung für eine respektvolle und sachliche Anschlussdiskussion sein kann (Quelle).

Laute Minderheit dominiert den Diskurs

Und trotzdem hat sich das Team entschlossen, die Seite zu deaktivieren, da es der Flut an Kommentaren nicht mehr Herr werden konnte. Die Taktik ist bekannt und nicht neu, aber immernoch sehr effizient, denn ein Social-Media-Team rechnet ja nicht mit so einer Welle und lässt sich davon beeindrucken. Andere Shitstorm-Beispiele zeigen, dass Social-Media-Teams regelmäßig überfordert sind, wenn ein koordinierte kampagnenartige Kommentarflut auf sie zurollt. Meistens lassen sie es über sich ergehen und hoffen, dass es vorbeigeht.

Die Facebook-Gruppe #ichbinhier hat bereits 2018 nachgewiesen, dass nur eine laute Minderheit Staub aufwirbelt (mehr dazu).

Die Recherche Gruppe DieInsider zeigt regelmäßig, wie sich aufschaukelnde Facebook-Gruppen funktionieren und direkt oder indirekt dazu aufrufen, Politiker*innen oder andere Personen des öffentlichen Lebens verbal zu attackieren. Das ist alles nicht neu und dennoch immer wieder erschreckend, wenn sich Betroffene aus dem Diskurs zurückziehen.

Aber was dagegen tun?

Sicher, eine Gruppe wie #ichbinhier kann dazu beitragen, den Diskurs zu versachlichen und neben dem Social-Media-Team eine moderierende Rolle einnehmen. Die Netiquette transparent machen und offensiv durchsetzen, ist ein weiteres Mittel. Ansonsten ist es aber auch an der Zeit, dass Facebook diese Gruppen mit tausenden Mitgliedern etwas genauer unter die Lupe nimmt. Wie DieInsider zeigen, werden dort Gewaltphantasien und Verschwörungserzählungen ohne Korrektiv, Regulativ und unmoderiert verbreitet (mehr dazu).

Kretschmann ist bei weitem nicht das einzige Opfer solcher Kommentarfluten. Erinnern wir uns an die Seite von Christian Drosten oder zuletzt Karl Lauterbach.

Irre: Rechte & Corona-Leugner feiern Morddrohungen an Drosten & Lauterbach

Auch der Zentralrat der Juden wurde von AfD-Anhängern attackiert, als er sich zusammen mit anderen jüdischen Organisationen gegen die AfD positionierte.

Zentralrat der Juden distanziert sich von AfD – wird Opfer von rechtem Shitstorm

Die Menschen, die unsere Demokratie unterminieren wollen, bekommen Oberwasser

Nachdem sie Kretschmann zum social-medialen Rückzug gezwungen hatten, wollten sie mehr und riefen dazu auf, die Seite von Markus Söder lahmzulegen.

Wer könnte ihnen das Oberwasser verübeln? Sie spüren, dass man Diskussionen so führt, wie sie es gerne hätten: Sie haben laut für Lockerungen geplärrt. Und die Politik griff diesen Faden auf. Sie machen Diskussionen um strukturellen Rassismus verächtlich. Und die Politik tut ihnen in großen Teilen den Gefallen und lenkt auch von dieser Diskussion weg. Den Diskurs um strukturellen oder latenten Rassismus innerhalb der Polizei führen wir auch nicht, weil… ja, warum eigentlich nicht?

Man könnte das Gefühl bekommen, dass die Lauten ihren Willen bekommen, entweder, weil Teile der Politik in diese Richtung denken und den Lauten ihre mächtigen Stimmen geben oder weil die Mechanismen hinter Social-Media noch immer nicht verstanden wurde. Beides denkbar. Beides keine schöne Vorstellung.

Artikelbild: Screenshot facebook.com / via #ichbinhier

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