#NeueFreunde: 6 wunderschöne Geschichten über Asylsuchende

| Social Media | 9. September 2018

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#NeueFreunde: Über 90% aller Flüchtlinge redet niemand.

Es gibt keine Schlagzeilen dafür, wenn ein Flüchtling einem die Tür aufgehalten hat. Es gibt keine Schlagzeilen, wenn ein Asylbewerber fleißig arbeitet und Steuern zahlt. Niemand diskutiert darüber, dass Schutzsuchende uns zum Lachen bringen, uns auf der Straße grüßen, uns aushelfen und unser aller Leben bereichern. Warum reden wir nicht über die Flüchtlinge, die als Ersthelfer in der Not Menschenleben gerettet haben?

Über über 90% aller Schutzsuchenden redet niemand. Deswegen erzählen wir ihre Geschichten unter #NeueFreunde. Über unsere Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Mitbewohner, Partner oder zufällige Begegnungen, die von woanders zu uns geflohen sind. Hier eine Sammlung von schönen Geschichten von Volksverpetzer-LeserInnen und Freunden. Und auch unsere eigenen. Viel Spaß beim Lesen!



„Ich war Sozialarbeiterin in einer Flüchtlingsunterkunft für Minderjährige“

Der Anfang war ziemlich witzig, holprig und auch chaotisch. Mit Händen und Füßen haben wir versucht, den Alltag zu meistern. Irgendwann hieß es dann, in einer Stadt um die Ecke wird eine neue Unterkunft eröffnet und mein Lieblingskollege und ich sollen mit ins neue Team, weil man unsere „Expertise“ dort gut gebrauchen könne.

Letzter Abend in der alten Unterkunft. Alle sind traurig, einige Tränchen kullern; auch bei mir. Besonders traurig war ein junger Mann aus Afghanistan. Wahnsinn, was sich da schon aufgebaut hatte, und das nach knapp zwei Monaten und mit manchmal doch sehr großen Verständigungsproblemen. In der neuen Unterkunft angekommen, ging der Wahnsinn von vorn los. Hände, Füße, das übliche Chaos.

Eines schönen Nachmittags steht plötzlich eins meiner „Kinder“ aus der alten Unterkunft (ebendieser, der so traurig war, als ich gegangen bin) im neuen Heim auf der Matte, um mich zu besuchen. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der sofort aufspringt, wenn jemand unerwartetes auftaucht. Diesmal ging es aber ganz automatisch.

Ich setzte einen Tee auf und wir unterhielten uns. Ja, eine richtige Unterhaltung. Auf deutsch. Nach circa drei Monaten Aufenthalt hier. Ich war absolut geflasht! Als der junge Mann dann irgendwann wieder los musste, brachten meine Kollegin und ich ihn noch raus und schauten noch eine Weile hinterher.

Ich konnte nicht anders und musste weinen. Die Kollegin ganz besorgt: „Was ist denn los? Bist du traurig, weil er weg ist?“ Ich: „Nein! Ich bin einfach sooooo stolz!“

Das war wirklich so ein unbeschreiblich schönes Erlebnis, mir werden schon wieder die Augen feucht, wenn ich bloß dran denke!

Birgit B.

„Alle Jungs nerven sie noch.“

Habe Spielzeug und Mädchenkleidung zu den Flüchtlingen bei uns im Dorf gebracht, weil ich wusste dass da auch 3 kleine Mädels wohnen. Die haben sich so gefreut. Grüßen immer, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Der ältere Sohn ist aktiv bei ins im Dorfsportverein dabei. Nur der jüngste Bruder nervt meine 9-jährige Tochter in der Schule. Aber das liegt am Alter. Alle Jungs nerven sie noch.

Silke G.

„Er freute sich so sehr darauf, seiner Frau die Neuigkeiten zu erzählen“

Dann gibt es noch den jungen Mann aus Syrien, der in meine alte Wohnung gezogen ist. Er war noch nicht lange hier, aber die Dame von der Flüchtlingshilfe musste ihm nichts erklären, er verstand mich perfekt. So sehr hatte er sich ins Zeug gelegt um sich verständigen zu können. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihm und erklärte die Umgebung. Wo die Bushaltestelle ist und wohin der Bus fährt, wo man einkaufen gehen kann, Friseur, Arzt und Kneipe um die Ecke zum plauschen. Allerdings auch so manche Eigenart einiger Nachbar aus der Straße, wir lachten.

Er freute sich so sehr darauf, seiner Frau die Neuigkeiten zu erzählen. Endlich ein Platz in Ruhe und Frieden, um ein ganz normales Leben zu führen. Kinder zu bekommen und alt zu werden. Soweit so gut, wenn ich allerdings daran denke, wie die Wohnungsbaugesellschafft sich verhalten hat, bin ich wirklich sauer. Für seinen Start hier hätte ich ihm viel mehr mitgeben können, als ein paar nett gemeinte Worte. Eine vollständige Küche und ein Bad. Aber das machte eine blinde Bürokratie völlig unmöglich. Ich wünsche ihm und seiner Familie alles Gute. Es hat Spaß gemacht dich kennen zu lernen!

Nadja B.

„Er gehört fast zur Familie“

Ich habe in einem Heim für unbegleitete minderjährige Ausländer gearbeitet. Die Jugendlichen waren 15 bis 18 Jahre alt, kamen aus Afghanistan, Somalia und Syrien. Am Anfang gab es schon Anpassungsschwierigkeiten, die sich aber legten. Bis auf das typisch pubertäre Gehabe gab es dann kaum Probleme. Die Jungen wurden im normalen Alltag begleitet. Sie gingen zur Schule, absolvierten Praktika, erledigten Hausarbeit. Gemeinsame Ausflüge waren immer ein Highlight – Erfahrungen mit Rassismus mussten wir leider öfter machen.

Jetzt unterstütze ich ehrenamtlich einen jungen Mann aus Afghanistan. Er gehört fast zur Familie und ist ein aufgeschlossener, freundlicher und hilfsbereiter junger Mann. Gerade arbeitet er darauf hin, seinen Hauptschulabschluss zu machen, damit er danach eine Ausbildung machen kann. Außerdem bin ich mit einer syrischen Familie befreundet. Das sind ebenfalls wunderbare Menschen, mit denen ich schon viel Spaß hatte.

Astrid M.

„Jetzt gründen sie ein Unternehmen!“

In meine alte Wohnung im Haus meiner Eltern sind zwei Jungs aus Syrien gezogen. Super nette Kerle, beides studierte Ingenieure. Ich habe mich schon öfter mit ihnen über Gott und die Welt unterhalten, gutes Deutsch können sie schon lange. Jetzt gründen sie ein Unternehmen! Jedes Mal, wenn die AfD über Flüchtlinge hetzt, muss ich an die zwei denken und meinen Kopf schütteln über die Realitätsferne dieser Partei.

Peter L.

Mein Parkplatz

Die Pizzeria, hinter der ich immer parke, gehört seit einigen Monaten Syrern. Vorher hat sie einem Türken gehört und er machte kurz vor seinem Abschied klar, dass ich weiterhin zu dem gleichen Preis dort mein Auto abstellen darf.

Als ich das erste Mal meine Miete bei den neuen Besitzern zahlen wollte, zeigten sie mir den Chef. Einen älteren Mann, vielleicht Anfang siebzig. Ich nickte ihm zu, reichte ihm den Geldschein und er nickte zurück. Gesprochen haben wir nie.

Als ich mal zugeparkt war, bin ich rein gegangen und habe ihm das gesagt, doch er schaute mich nur fragend an. „Opel!“, sagte ich daraufhin. Das verstand er und holte sofort den Fahrer, der mich raus ließ. Mit der Zeit wurde aus dem Nicken ein Lächeln. Ich kam rein, er fragte: „Audi?“, ich antwortete: „Golf.“

Mehr als uns Automarken zuzurufen hatten wir bisher keine zwei Sätze gewechselt, trotzdem freuten wir uns, wenn wir uns sahen. Aus dem Lächeln wurde mit der Zeit ein freudiges Lachen. Inzwischen fallen wir uns bei jeder Begegnung in die Arme, als wären wir alte Freunde, die sich lange nicht gesehen haben.

Sahin K.

Und jetzt du!

Die AfD möchte, dass wir Schutzsuchende hassen. Deshalb pickt sie sich jede Straftat eines Asylsuchenden heraus, um darüber zu reden. Und erfindet nebenbei noch eine ganze Menge dazu. (Wie hier) Doch über Freunde, Bekannte, Kollegen, Mitbewohner, Partner oder zufällige Begegnungen mit Schutzsuchenden, die positiv waren, erzählt niemand.

Das verschweigt uns die AfD und die Presse. Lasst sie uns endlich unter #NeueFreunde erzählen. Und zeigen, dass #Wirsindmehr auch für Schutzsuchende gilt. Schreibe auch du über deine Erlebnisse! Denn die meisten, die im Netz Asylsuchende hassen, haben noch niemals einen kennengelernt.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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