So cool zerstört ein Polizist Verschwörungsgläubige auf einer Corona-Demo

| 16. Mai 2020

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Die Corona-Demos sind ein Indiz für die drohende Gefahr

Die Corona-Pandemie ist für alle anstregend – und viele leiden unter ihren Folgen. Sei es psychisch, finanziell oder aus welchen Gründen auch immer. Doch wenn Virologen und Politiker*innen (teilweise auch unzureichend) erklären, dass das alles noch lange andauern wird, sehnt man sich nach der einen Meldung, die einen endlich bestätigt: Es ist endlich vorbei! Das können falsche Versprechungen und Corona-Verharmlosungen sein, wie dass der Virus angeblich gar nicht gefährlicher sei als eine Grippe (, was falsch ist mehr dazu) oder gar, dass das Virus komplett erfunden worden sei. Und hier kommen wir zu Verschwörungsmythen.

An dieser Stelle überschreitet (berechtigte oder nicht) Kritik die Grenze hinein zur Verschwörungsideologie. Und die Grenzen sind leider heutzutage fließend. Die Sehnsucht nach Meldungen, die die Hoffnung befriedigen, dass wir wieder zu unserem normalen Leben zurückkehren können, wird gerne von vielen Leuten ausgenutzt. Seien es Boulevardmedien, die es nicht so genau nehmen, seien es Politiker einer Partei, die gerade an der 5%-Hürde kratzt oder Betrüger*innen und professionelle Verschwörungsideolog*innen, die auf Youtube und anderswo “alternative Wahrheiten” buchstäblich verkaufen – und Klicks und Geld damit verdienen.

Über diese psychologischen Mechanismen, mit gewissen rhetorischen Tricks und durch pauschale Diffamierung jeder Kritik werden Menschen so immer tiefer in den Sumpf von Verschwörungsmythen gesogen. Über die Zirkellogiken können Menschen letztlich buchstäblich alles glauben, was sie wollen. Und so werden in der Corona-Krise alle möglichen Dinge verbreitet, um die Empörung am Köcheln zu halten und Schuldige zu suchen. Eine Liste an an allen Fakes zu Impfungen haben wir schon hier aufgestellt (Hier).

Dieses Glossar an Impf-Fakes solltest du teilen, um Impfgegner zu ärgern

Corona-Demo in Berlin

Wie diese Märchen dann auf die Straße kommen, konnte man an den diversen Corona-Demonstrationen sehen. Die Demonstrationen waren eine beunruhigende Mischung aus Veschwörungsgläubigen, aber auch Extremisten wie AfD, Neonazis und Faschisten, wie dutzendfach nachgewiesen wurde (mehr dazu):

So sehr sind die Corona-Demos von Rechtsextremisten & Neonazis unterwandert

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. hat ausführlich die vergangenen Corona-Demos in Berlin dokumentiert und eingeordnet (Quelle). Sie warnen ebenfalls vor einer Corona-Querfront, die Menschen in den Sumpf der “alternativen Lügenpresse” ziehen könnte, die sie mit immer abenteuerlichen Fake News radikalisieren könnten. Wir haben darüber geschrieben (hier).

Corona-Querfront: Einige deiner Freunde könnten demnächst Nazis werden

Polizist stellt nur kritische Fragen

Auf der Corona-Demo in Berlin, wo bis zu 1.200 Menschen erklärten, “Widerstand” zu leisten und die teils aggressiv auftraten und auch der rechtsextremen Szene zuzuordnen waren, ereignete sich auch diese Auseinandersetzung zwischen einem Verschwörungsgläubigen und einem Polizeibeamten, die das JFDA gefilmt hat (das vollständige Video ist hier). Darin wirft der Demonstrierende dem Beamten vor, für den “Faschismus” zu sein und fordert ihn auf, sich dagegen zu wehren. Hier der Videoausschnitt:

Der Beamte bleibt jedoch cool und stellt die wichtigen Gegenfragen: Er fragt, warum Putin, den Verschwörungsgläubige als Gegenbewegung zur vermeintlichen Diktatur unter Merkel anführen, ebenfalls einen Lockdown durchgeführt hat. In Russland ist es sogar vorgeschrieben, dass Ausländer, die dort arbeiten wollen, geimpft sein müssen (Quelle). Auch Trump bereitet die Massenimpfung der US-Amerikaner*innen gegen das Virus vor (Quelle). Wie passt das in die Märchenerzählung von “QAnon”, als dessen Anhänger sich der Mann outet? Den Mythos haben wir hier bereist behandelt (Hier):

Naidoo & Corona: Die Zerstörung des QAnon/Adrenochrom-Verschwörungsmythos

Hier sieht man auch, wieso Verschwörungsmythen nichts mit logischem Denken zu tun haben: Der Gläubige muss jetzt auf Anhieb eine Erklärung für die Lücken in seinem Glauben finden – und behauptet spontan, dass der “tiefe Staat” auch in Russland existiere und auch Putin mit drin stecke. Dafür hat er keine Belege – der Polizist fordert ihn konkret auf, irgendetwas dieser Behauptungen zu belegen. Aber er denkt, er habe gut reagiert, weil er eine Erklärung gefunden hat. Der Denkfehler: Nur weil man eine Erklärung finden kann, heißt das nicht, dass das der Beweis war.

Denkfehler und fehlende Beweise

Im Gegenteil, es macht die Verschwörung noch komplizierter, noch unwahrscheinlicher und für alle diese Dinge müsste man auch wiederum Belege finden. Kein Wunder, dass so viele Verschwörungsmythen sich gegenseitig widersprechen. Diese Auseinandersetzung zeigt deutlich, wie diese Ideologie funktioniert – und nichts mit der Realität zu tun hat. Ein echter kritischer Geist könnte sagen: Gute Frage, darüber müsste ich mich informieren. Aber diese Menschen demonstrieren bereits voller Überzeugung. Sie können sich das nicht mehr eingestehen. Sonst müssten sie zugegeben, dass sie Betrüger*innen nachlaufen und mit Nazis marschieren – und nicht mal gute Gründe dafür haben.

 

Verschwörungsmythen sind attraktiv, weil sie einfache Erklärungen bieten, Schuldige liefern und einen befriedigenden Aha-Effekt auslösen, der Menschen glücklich macht. Sie funktionieren wie Drogen. Und sind nicht minder gefährlich (mehr dazu).

Das “Aha-High”: Wie Verschwörungstheorien die Gehirne unserer Freunde hacken

Wie man Freunde und Verwandte aufklären kann, die noch nicht zu tief im Sumpf gefangen sind, haben wir hier erklärt (mehr dazu).

Wie man am besten reagiert, wenn Freunde & Verwandte Corona-Fake News verbreiten

Es sind nicht nur harmlose Spinner – Tatsächlich hat das nichts mit psychischen Krankheiten zu tun. Sie werden jedoch gefährlich, wenn sie auf der Straße landen. Wenn Leute sich in einen Wahn hineinsteigern, und wirklich glauben, in einer “Diktatur” zu leben. Das wäre unter normalen Umständen schlimm genug, aber während einer globalen Pandemie gefährden sie auch zusätzlich noch unser aller Gesundheit auf “Hygiene-Demos”.

Das sind die Menschen, die auf den Hygiene-Demos gegen eine “Diktatur” demonstrieren

Nein, wer an der offenen Diskussion über die Maßnahmen teilhaben will (, die es ganz offensichtlich gibt), kann das sehr gerne machen. Nur braucht man dazu Fakten und sachliche Argumente. Und muss auch bereit sein, auf Gegenargumente zu hören. Wer am Ende wirre Märchen glaubt und mit Faschisten und Verschwörungsideologen aufmarschiert, der ist kein ernstzunehmender Kritiker. Der verteidigt nicht das Grundgesetz. Der bedroht es. Wer Polizisten als Faschisten anschreit, aber dann kein Problem hat, mit echten Faschisten zu demonstrieren, ist das Problem, nicht die Lösung.

Zum Thema:

So genial bringt dieser DB-Mitarbeiter Verschwörungsmystiker dazu, Maske zu tragen



Artikelbild: Screenshot youtube.com / JFDA

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