Ist der H&M Pullover rassistisch? Warum es nur eine Antwort auf diese Frage geben kann

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Wir diskutieren anscheinend immer noch über das Foto eines schwarzen Jungen, der einen Pullover trägt, auf dem „coolest monkey in the jungle“ steht. Und zwar darüber, ob das rassistisch sei. Der eigentliche Skandal ist aber weniger der Pullover, sondern dass einige den Rassismus nicht sehen können oder wollen.

Eigentlich könnte man sich die Diskussion ersparen. Denn selbst H&M hat anerkannt, dass das Produktbild zumindest unsensibel war:

Wir verstehen und teilen die Kritik, die in Folge des Produktbildes aufgekommen ist – wir haben einen Fehler gemacht und sind der Meinung, dass passiver oder alltäglicher Rassismus, selbst wenn unbeabsichtigt, gestoppt werden muss, wo immer er existiert. Wir schätzen die Unterstützung von jenen, die erkannt haben, dass unser Produkt und das dazugehörige Bild zu keiner Zeit die Intention hatten, jemanden zu verletzen. Als globales Unternehmen müssen wir jedoch die Verantwortung übernehmen und sensibel für alle kulturellen und ethnischen Empfindungen sein. In diesem Fall sind wir dieser Verantwortung nicht gerecht geworden.“

In der Presseerklärung heißt es ferner, der Vorfall ist vollkommen unbeabsichtigt gewesen. Nun kann man den eigentlichen Skandal darin sehen, dass es einem so großen Konzern nicht genug Stellen gegeben haben soll, die die eigenen Produkte und ihre Vermarktung auf Rassismus, Sexismus und weitere Dinge hin überprüft – gerade in Zeiten, in denen Empörungswellen so hochkochen können, wäre hier ein besseres Qualitätsmanagement notwendig gewesen.

Besonders unangenehm wirkt es, dass ein weißer Junge zusätzlich einen Pullover mit der Aufschrift „Survival Expert“ trug. Hierbei wird ganz klar an koloniale Deutungsmuster angeknüpft: Weiße als Abenteurer, Schwarze als „cool“, aber auf einer Stufe mit Affen.



Dass selbst in so großen Konzernen mangelnde Sensibilität und Blindheit gegenüber Rassismus besteht, ist der eigentliche Skandal. Leider – so muss man sagen – steht H&M nicht alleine damit da. Denn auf Facebook wird natürlich auch alles dafür getan, den Rassismus nicht sehen zu wollen. Wer möchte, kann sich die unappetitlichen Diskussionen einmal selber ansehen.

Es fallen hierbei aber immer wieder dieselben Leugnungsstrategien auf:

Die „AlibiSchwarzen“

Die Familie fand das Motiv nicht rassistisch, so ist es dort zu hören. Dabei gibt es bereits genug Statements von Nichtweißen, die das Motiv kritisierten. Ziel ist natürlich nur, es so hinzustellen, als seien die Mitglieder der Familie die einzigen, die sich zu dem Motiv äußern dürften – es ist schließlich ihr Sohn. Und wenn diese es nicht rassistisch finden, dann ist es das auch nicht. Aber so funktioniert das nicht.

Ablenkung

Es gab in Südafrika Ausschreitungen gegen H&M Filialen. Gerne wird behauptet, dass Gewalt niemals eine Lösung sein kann – oder, dass die Plünderer nur auf einen Vorwand gewartet hatten. Hierbei wird natürlich ignoriert, dass Südafrika lange unter der Apartheit litt, dass Schwarze struktureller Gewalt in Form von Diskriminierung ausgesetzt waren und noch immer sind. Dass es mitunter nur einen Tropfen benötigt, der das Fass zum überlaufen bringt, wird ebenso ignoriert. Richtig ist: Gewalt ist keine Lösung, aber Gewalt erzeugt auch Gegengewalt – selbst, wenn diese unverhältnismäßig erscheinen mag. Diese aber zu delegitimieren, indem gesagt wird, es wären ohnehin kriminelle Subjekte, ist schäbig.

Semantische Verdrehungen

„Monkey“ bedeutet im englischen auch so viel wie „Strolch“, also ein aufgewecktes, lebhaftes Kind. Damit wird natürlich das Motiv komplett enttextualisiert. Dass es in einem Satz mit „Jungle“ fiel und Schwarze so historisch oft rassistisch beleidigt werden, wird damit verschleiert. Ein weiteres Beispiel völliger Ignoranz.

Rassismusumkehr

Gerne wird auch behauptet, all jene, die sich über das T-Shirt empören, seien die wahren Rassisten, weil sie da etwas reinprojizieren, was andere nicht sehen. Das ist natürlich richtig perfide. Denn so könnte man auch sexuelle Belästigung gegenüber Frauen als harmlos hinstellen, und nur wer sich belästigt fühlt oder darin Belästigung sähe, sei ein Sexist. Das ist natürlich Unsinn, aber für dieses Argumentationsmuster gibt es durchaus psychologische Gründe:

Menschen möchten an eine gerechte Welt glauben, sich für einen guten Menschen halten und natürlich auch nicht wahrhaben, dass es unterbewussten und unreflektierten Rassismus gibt – vor allem sind Rassisten ja Menschen, die andere totschlagen, von denen man sich schön distanzieren kann. Dabei ist es anders:

Die Autoren beschreiben, wie ein Kleinkind im Süden der Vereinigten Staaten „nur mit Schwarzen in Kontakt kommt, die sich in untergeordneten Positionen befinden“. Kleidung, Bildung, Wohnungen, Arbeiten, Schulen weichen von den Lebensbedingungen des Kleinkindes völlig ab, werden aber beständig als Normalität wahrgenommen. Das Kleinkind wächst mit der Erfahrung auf, gegenüber Schwarzen in einer überlegenen Situation zu sein.

Dass so gut wie jede Gesellschaft von rassistischem Wissen durchtränkt ist und dieses bei sich selbst zu erkennen und überwinden extrem schwierig ist, das wird ignoriert.

Kommt damit klar: Unsere Welt ist ungerecht! Leugnet es nicht, sondern tut was dagegen!

Wir alle tragen Denkmuster in uns, die menschenfeindlich sind. Das macht uns nicht zu schlechten Menschen. Aber genau das zu leugnen,schon. Zu sagen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! Es mag einfacher sein für unser Gewissen, und genau das auszuhalten ist unglaublich schwierig. Und damit kommen wir zu einem letzten Argument, dass gerne benutzt wird: Haben wir nichts wichtigeres zu tun? Denn es brennen Asylbewerberheime, Menschen werden wegen ihrer Hautfarbe zusammengeschlagen. Warum kümmert sich darum keiner?

Ganz einfach: Weil es keinen harmlosen Rassismus gibt. Ob bewusster oder unbewusster: Beide haben  denselben Ursprung. Was bei H&M keine körperlichen Folgen für Schwarze haben mag, bewirkt dennoch, dass Denkmuster reproduziert werden, die genauso Ursache sind für schlimmere Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung. Erst kürzlich wies eine Studie nach, dass Anti-Asyl Posts der AfD direkt zu mehr Gewalttaten gegen Asylbewerber führen. Rassistische Denkstrukturen führen über kurz oder lang zu echten Konsequenzen.

Ignoranz und Leugnung ist kein wirksames Mittel. Das hat H&M immerhin erkannt, ob und wann es die Kommentatoren erkennen – das bleibt abzuwarten.

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