Es gibt auch nicht-rassistische Islamkritik

Werners Wutrede

image_print

Aktuell wird wieder einmal viel über den Islam gesprochen, solche Diskussionen schaffen es, das ganze Land zu beschäftigen, obwohl gefühlt schon alles gesagt wurde, nur nicht von jedem.

– Fast alles, denn das Wesentliche wird nie wirklich gesagt.

Erst muss wieder darüber diskutiert werden, ob der Islam zu Deutschland gehört oder eben nicht. Die einen behaupten, er gehöre nicht dazu, die Gegenseite antwortet dann mit der üblichen Betroffenheit – oder mit Memes vom alten Fritz, der Religionsfreiheit forderte und die auch im Grundgesetz festgelegt ist. Es kann kurz gesagt werden: Muslime leben hier, der Islam gehört faktisch dazu. Dies ist ein Sachurteil, kein Werturteil, ein Werturteil wäre es, ob es einem gefällt oder nicht. Wobei es sinniger wäre, darüber zu reden, wie wir damit umgehen, dass der Islam Teil dieses Landes ist.



Integration ist nicht nur ein nebeneinander existieren, sondern auch eine Aushandlung von Regeln, Grundlage all dieser Regeln sollte unser Grundgesetz sein, das Religionsfreiheit fordert, gleichzeitig aber auch die Freiheit des Einzelnen als Grundsatz in sich trägt. Dieser Konflikt muss ausgehandelt werden: Wann beschneidet die Religion die Freiheit des Einzelnen, wann ist Religionsfreiheit gefährdet?

Diese Grundlage für eine Diskussion über Regeln des Zusammenlebens wird allerdings immer wieder vergessen – auf beiden Seiten

So ist es befremdlich, dass Menschen, die ein traditionelles Familienbild propagieren, auf einmal ihr Faible für Frauenrechte entdecken, sobald gegen fremde Kulturen gehetzt werden soll. Dass es aber auch Menschen gibt, die sagen, dass Gleichberechtigung wichtig ist, genau so hiesige Zustände wie Zustände in diversen islamische Gruppierungen dafür kritisieren, wird gerne übersehen.

Beide sich gegenüberstehende Gruppierungen machen denselben Fehler: Sie meinen, die Kampflinie bestünde zwischen dem Islam und uns, dabei verläuft sie ganz woanders: Zwischen liberalen und autoritären Geistern. Zynisch, dass dies auch einige in der AfD erkannt haben, die im Islam sogar einen Verbündeten sehen. Genauso gibt es Muslime, die im Kampf der AfD gegen Gender Studies, dem Erkämpfen für gleiche Rechte für Homo- und Transsexuelle uam., Gemeinsamkeiten entdecken.

Dabei gibt es auch für liberale Positionen bei Muslimen durchaus Personen, die sich als Verbündete eignen: Seyran Aytes zum Beispiel, die in ihrer Moschee auch Schwule willkommen heißt und einen liberalen Islam möchte und deswegen aus muslimischen Kreisen mit dem Tod bedroht wird. Oder Menschen, die versuchen in Islamischen Gemeinschaften die Geschlechterbilder zu hinterfragen.

Links wie rechts wird fälschlicherweise in den Gegensatz Deutsche / Muslime aufgeteilt

Hier kritisieren Muslime selber Missstände in muslimischen Gemeinden und es sollte für jene, denen die Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe aller wichtig ist, deutlich werden, dass es Anlässe zur Kritik gibt, die nicht zwangsläufig fremdenfeindlich sein müssen. Dazu gehört zum Beispiel eine Kritik an Ditib, die Antisemitismus propagieren und vor Aufnahmen, die eindeutig faschistoide Menschenbilder zeigen zeigen und die Frage, wie es sein kann, dass diese an jeder Islamkonferenz teilnahmen, als Ansprechpartner in Integrationsfragen gelten – und warum aus muslim communities hier selber so wenig Widerspruch und Kritik an solchen Organisationen kommt. Auch diese Frage muss gestellt werden.

Es fällt bei zwei aktuellen Beispielen auf, dass die Fronten aber woanders gezogen werden. Da ist einmal die Amokfahrt in Münster, bei der beide Seiten widerlich agieren: Die einen wollen Fotos als Beweis, dass der Täter kein Moslem war, die anderen freuen sich, dass es kein Moslem war. Wie schäbig es sein muss, nicht an die Angehörigen zu denken, sondern eine solche Tat auszuschlachten, muss nicht gesagt werden, aber genau so ist es schäbig, in süffisanter Ätschbätschmanier zu sagen „Der Attentäter war ein deutscher Jens – was sagt ihr rechten Hetzer jetzt?“. Von jenen, die den Islam aus fremdenfeindlichen Motiven angehen, ist man Widerlichkeiten ja gewöhnt, umso schlimmer, wenn sich jene, die sich gegen diese aussprechen, selber in unanständige Paralleluniversen begeben und damit eine sachliche Debatte über den Islam verhindern. Fast scheinen sich Menschen zu freuen, wenn jemand andere umbringt und kein Moslem ist.

Ein anderes Beispiel ist die Debatte über das Kopftuchverbot von Kindern

Es ist anzunehmen, dass dies vor allem den Hintergrund hat, Muslime in Schranken zu weisen, damit die eigene Bevölkerung sich mal wieder besser fühlen kann.

Aber es gibt durchaus auch Gründe für ein Kopftuchverbot, die man aus Gleichberechtigung fordert. Dazu sollte sich mit der Begründung des Tragens des Kopftuches befasst werden, die sich aus der islamischen Tradition ergibt: Es soll Männer davon abhalten, übergriffig zu werden, weil diese sich durch den Anblick der Haare erregt fühlen würden. Die Widerlichkeit dieses Menschenbildes ist offensichtlich: Da sollen Frauen sich verhüllen, um nicht von triebgesteuerten Bestien angefallen zu werden. Beide Geschlechter kommen in einer solchen Vorstellung sehr schlecht weg und eigentlich sollen solche Geschlechterbilder doch überwunden werden. Hier werden diese zementiert und schon im Kindesalter wird Frauen damit anerzogen, wo ihr Platz ist. Zu Ende gedacht ist das Kopftuch somit nichts anderes als frühkindliche Sexualisierung und Einübung von Geschlechterrollen im Namen der Religion. Dass der Koran Frauen ein Kopftuch nicht vorschreibt und Kindern erst Recht nicht sollte ebenfalls mitbedacht werden.

Aber anstatt das zu akzeptieren, wird das Kopftuch im Kindesalter allen Ernstes mit der Taufe verglichen, was auch ein Kollege vom Volksverpetzer tat. Wer solche Vergleiche macht, entlarvt allerdings nur die eigene Unkenntnis – gegenüber sowohl der eigenen als auch der islamischen Kultur. Denn die Taufe ist schon aufgrund der Tatsache, dass diese für alle Geschlechter möglich ist, nicht mit etwas zu vergleichen, das nur für ein Geschlecht gilt. Hinzu kommt, dass nicht nach außen hin sichtbar ist, wer getauft ist und wer nicht. Abschließend ist die Taufe gedacht als Zeichen, dass eine Gemeinde gewillt ist, einen neugeborenen Menschen aufzunehmen, dieses Angebot wird aber erst mit der Firmung bzw. Konfirmation angenommen.

Nun sind Jugendliche, die sich Firmen / Konfirmieren lassen etwa 14 Jahre alt und dürfen sich für oder gegen den Glauben entscheiden. Ob sie in dem Alter mündig sind, ist eine andere Frage, allerdings enthalten diese Rituale eine weitere Funktion: Sie markieren einen Übertritt vom Kind zum Erwachsenenstatus. Ähnliche Rituale gibt es auch in anderen Religionen, im Islam allerdings nicht. Überlegenswert wäre hier durchaus, ob sich muslimische Mädchen für oder gegen ein Kopftuch entscheiden wenn diese ein Alter erreichen, in dem Jugendlichen Mündigkeit zugesprochen wird – doch genau das ist nicht der Fall, wenn Kinder ein Kopftuch tragen.

Weder Islamkritiker, noch -verteidiger differenzieren richtig

Nicht nur, dass oft von Menschen, die so argumentieren zwar im Hinblick auf den Islam Differenzierung gefordert wird, bei den eigenen Argumenten scheint eine solche Differenzierung dagegen nicht gewünscht zu sein. Es kommt auch soweit, dass, wann immer Islamkritik aufkommt, reflexhaft etwas, das bei uns nicht gut läuft, gesucht wird. Dabei gibt es nur eine Frage zu stellen: Nur weil es bei uns Misstände gibt, macht es Missstände woanders besser? In Saudi Arabien werden Frauen gesteinigt, wenn diese vergewaltigt werden – sei es wegen vorehelichem Sex oder Ehebruch. Vielleicht sollte man hier mal erwähnen, dass es bei uns auch einen Gender Pay Gap gibt, um dieses Unrecht zu relativieren, nach demselben Muster jedenfalls laufen die Beschwichtigungen ab.

In westlichen Kulturen gibt es Debatten über Missstände in der eigenen Kultur. Sonst hätte es keinen #metoo gegeben, keinen #Aufschrei, keine Debatte über Geschlechterstereotypen auf Kleidung, keine Kritik an sexistischer Werbung usw. Wenn immer wieder auf uns selbst gezeigt wird, bedeutet das offenbar, dass jene, die so argumentieren, Muslimen nicht zutrauen, in der Lage zu sein, Sexismus, Homophobie und andere Missstände in ihren Communities anzugehen und zu debattieren. Dabei tun, wie oben gezeigt wurde, einige Muslime genau das.

Genauso ist es absurd zu behaupten, ein Kopftuchverbot für Kinder diskriminiere. Im Gegenteil, sollte das Kopftuch in einem weiteren Kontext gesehen werden: In einem, in dem andere Dinge geschehen: Muslimischen Mädchen wird die Teilnahme am Sportunterricht, an Klassenfahrten usw. verboten. Die Religion wirkt somit selber ausgrenzend, womit wir wieder bei der Freiheit des Einzelnen und der Religionsfreiheit sind. Darf Kindern aus religiösen Gründen die Teilhabe an dieser Gesellschaft verwehrt werden? Diese Punkte existieren nicht für sich, sondern sind Teil eines bestimmten Frauen- bzw. Menschenbildes über das gesprochen werden muss.

Es gibt reichlich Kritik am Islam, die nicht aus einer fremdenfeindlichen Motivation stammt.

Eine solche ist wichtig, um sich mit Fragen zu befassen, wie mit dem Kopftuch im Kindesalter umzugehen sei. Da helfen oberflächliche Relativierungsversuche, wie der Vergleich mit der Taufe nicht weiter, die letztendlich nichts tun, um das eigene, gute antirassistische Gewissen zu beruhigen und inhaltlich daneben sind. Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.

Der Islam oder Muslime sind nicht gut oder schlecht, aber auch Muslime können menschenverachtend sein, wie Mitläufer bei Pegida und andere, sie können genauso Einstellungen in sich tragen, die wir bei Biodeutschen verachten – und ja: Diese auch aus ihrem Glauben heraus haben. Und um darüber zu sprechen, kommen wir mit Konstruktionen von Feindbildern genau so wenig weiter, wie mit ständigen Beschwichtigungen.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

Ihr wollt mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann schreibt uns auf redaktion@volksverpetzer eure Wünsche für Themen oder auf Facebook oder Twitter. Und vielleicht wollt ihr dabei durch eine einmalige Spende mit Paypal unsere Arbeit unterstützen oder durch eine regelmäßige Unterstützung einige Unterstützer-Privilegien sichern:

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.