Der Skandal um das Rammstein-Video, der keiner ist

Werners Wutrede - Kolumne

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Wie Rammstein einen Skandal simuliert oder der eigentliche woanders liegt

Okay, die letzten Tage wurde viel über den Teaser des neuen Musikvideos von Rammstein diskutiert. Die Empörungswellen schwappten hoch und am Ende, als das Video herauskam, ebbten sie schlagartig wieder ab. Soweit der aktuelle Stand. Die Diskussion geht darüber, ob das Dargestellte nun geschmacklos ist, eine Grenzüberschreitung war, ein gelungener Honigtopf oder clevere PR. Im Grunde muss man aber sagen: Nichts davon!

Dafür muss man das Video (Hier) auch nicht tiefer analysieren. Das haben einige auch schon getan. Interessanter ist es in der Tat, sich die Diskussionen selbst genauer anzusehen. Ein Tabubruch soll durch den Teaser angedeutet worden sein, aber selbst dort ist dieser ausgeblieben. Ein Vorwurf war, Rammstein würden die Grenzen des Sagbaren verschieben. Das suggeriert, NS-Zeit würde immer mehr zur Popkultur werden und nicht mehr mit der ihr gebührenden Ernsthaftigkeit verhandelt werden.



Dabei war es doch nie anders

Ob Filme wie Schindlers Liste, Das Leben ist schön oder Ähnliche, sie alle Verwursten den Holocaust wirtschaftlich und das sind noch die harmloseren Beispiele. In den 70ern gab es Filme, wie Ilsa She Wolf of the SS oder SS Death Camp. Ein ganzes Genre, das Sexploitation, also sexuelle Gewalt, in den NS Kontext stellte. In Israel gab es dazu noch die sogenannten Stalag Hefte. Eine kommerzielle Verwurstung hat somit nicht erst mit Rammstein begonnen und wird mit ihnen auch nicht enden.

Weder die Shoa noch Hitler sind in der Kunst oder Kultur wirkliche Tabubrüche. Sie sind die Behauptung von Tabubrüchen, wo die empörte Gegenöffentlichkeit bereits antizipiert und die kommenden Reaktionen bekannt sind. Somit war auch die PR nicht sonderlich spannend oder genial, denn im Grunde hat man sich einer Masche bedient, die inzwischen bekannt sein sollte. Man provoziert, dann wird zurück gerudert. Da es so vorhersehbar war, war es nicht mal ein Tabubruch, nur die Simulation eines Tabubruchs.

Worum wird nun also diskutiert?

Rammstein weiß, wie man Kritiker anlockt. Die Band ist letztendlich nur ein Schocker für Spießer, die Provokation immer nur reiner Selbstzweck. Und klar, dass man irgendwann immer extremer werden musste. Es war irgendwo absehbar, dass man den Mainstream dann auch mit solchen Bildern schocken musste – selbst wenn dann die Bilder aus dem Teaser letztlich im Gesamtkontext des Videos nicht mehr so drastisch wirken. Das Video selber ist überladener Bombast, in dem im Grunde die bekannte Rammsteinsäthetik aufgefahren wird. Fast schon abgeschmackt und fade, wenn man die Band seit ihren Anfängen kennt.

Da wäre es doch schön, wenn man all das ignorieren könnte. Nur kann man es nicht, denn die Diskussion muss geführt werden, denn jeder hat zum Holocaust eine Meinung, egal wie qualifiziert sie sein mag. Die Frage, ob Rammstein sich nun als KZ-Insassen präsentieren darf oder nicht ist keine, die sich kritisch mit der Kulturindustrie und ihrer Verwertung des Holocausts befasst. Sie käme dafür auch viel zu spät. Es fällt auf, wie rückwärtsgerichtet sie ist.

Wir sollten mehr an lebende Juden denken

Denn der Holocaust ist – laut der Kritiker – etwas ernstes. Wie ernst zeigt sich darin, dass dieser nicht angetastet werden darf. Er ist ein wichtiges Mahnmal an tote Juden, derer man erinnern kann, die einem durch die eigene Erinnerung Läuterung verschaffen. Er ist eine Vergangenheitsbewältigung, aus welcher aber keine Handlungen für das hier und jetzt abgeleitet werden. Wäre es anders, so würden Synagogen keinen Sicherheitsdienst benötigen (Quelle), Menschen mit Kippa würden nicht auf der Straße angegriffen (Quelle) – in dem Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben will.

Die Darstellung von toten Juden ist in Deutschland wichtiger, als die Unversehrtheit der Lebenden. Für Rammstein war es ein Leichtes, bei so einer Gegenöffentlichkeit den gewünschten Effekt zu erzielen. Und wir führen eine Debatte darüber, ob Rammstein das darf. Eine Debatte, die genau so unwichtig ist, wie die Debatte darüber, ob man über Hitler lachen darf. Da beides geschieht – die kulturelle Verwurstung des Holocausts sowie das Lachen dürfen über Hitler – müssen wir es nicht besprechen. Schon gar nicht in Zeiten, wo auf den Staat, der Juden eine Zuflucht bietet, wieder Raketen abgefeuert werden (Quelle). Es gibt wirklich wichtigeres als Rammsteins Provokation und eine völlig egozentrische Diskussion über den Holocaust und Grenzüberschreitungen, die keine sind.

Artikelbild: Screenshot youtube.com; Rammstein

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