Trauerkritik zu Notre Dame: Sagt anderen nicht, worüber sie zu trauern haben

Kolumne Werners Wutrede

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Neuer Trend: Trauerkritik

Es ist nicht lange her, seitdem das Feuer in Notre Dame ausbrach. Und die Peinlichkeit mancher Reaktionen lässt sich kaum noch überblicken. Kollege Thomas hat ja schon einige Reaktionen in seinem Artikel dokumentiert.

Meine Abrechnung zu den Reaktionen auf den Brand von Notre Dame

Was aber noch gesagt werden muss: Es gibt eine Reaktionsform, die eigentlich neben den üblichen Widerlichkeiten besonders kritisierenswert ist: Die Trauerkritik. Und zwar gibt es zwei Eskalationsstufen bei dieser. Im Grunde ist es immer dasselbe: Trauernden wird vorgeworfen, sie würden sich für andere Missstände nicht interessieren.

Es ist schon interessant, woher dieser Vorwurf kommt. Wie kommen Leute darauf, dass diejenigen, die die Flüchtlingspolitik der EU in den vergangenen Jahren als ethischen Offenbarungseid bezeichnet haben, die sagten, dass das unter Strafe Stellen der Seenotrettung ein Skandal ist, nun auf einmal Heuchler seien? Nur wenn sie darum trauern, dass eines der imposantesten Beispiele gotischer Architektur, ein Weltkulturerbe der gesamten Menschheit, zerstört wurde?



Im folgenden mal drei Beispiele, die dies deutlich zeigen:

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Natürlich sollte jedem klar sein, dass Notre Dame weder etwas mit dem Klimawandel, noch direkt mit den ertrinkenden Menschen zu tun hat. Wenn man nicht skurril um ein paar Ecken denken möchte. Okay, dass der Brand von Notre Dame für das Klima nicht gut war das wird wohl so sein. Aber die Frage an jene, die solche Vergleiche machen wäre auch: Was macht ihr eigentlich, dass ihr es euch herausnehmt, solche Vergleiche anzustellen? Arbeitet ihr alle ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe oder bei Wiederaufforstungsprojekten?

Besonders unappetitlich ist es, wenn eine völlig verkürzte Kolonialismuskritik das Wesen des Kolonialismus auf die Hautfarbe reduziert. Weiße haben Barbarei, Sklaverei und Kolonialismus nicht erfunden. Natürlich haben sie grausige Verbrechen begangen, aber sie waren auch nicht die einzigen. Und sie haben mit vielem aufgehört. Im Gegenteil, heute verurteilen die meisten zum Beispiel den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern. Und die Kirche hat sich immer klar gegen die Sklaverei positioniert im Amerika.

Auch KomikeR Shahak Shakira hat sich an der Gesellschaftskritik geübt und schrieb:

„Schon bisschen peinlich, dass Leute jetzt echt Geld spenden, damit eine der reichsten Organisationen der Welt ihre Filiale in Paris wiederaufbauen kann.“

Es sagt schon eine Menge aus, wenn weder er, noch seine Fans wissen, dass Eigentümer von Kirchengebäuden in Frankreich der Staat ist, nicht die Kirchen oder ihre Glaubensgemeinschaften. Auch hier kommt wieder die völlige Ignoranz zum Ausdruck, bei der es nicht um Aufklärung, sondern um Selbstgerechtigkeit geht.

Es ist wirklich fragwürdig, wie wenig Empathie man haben muss, um Schicksale so aufzuwiegen, anstatt Schicksalen für sich den Raum zu geben. Raum zu lassen für jede Trauer, Entsetzen und Betroffenheit. Denn es lassen sich nicht Unglücke und Schicksale miteinander vergleichen. Und Schicksale haben immer Mitgefühl verdient. Auch wenn es „nur“ eine Kirche ist.

Letztendlich geht es somit nicht um Aufklärung oder um Kritik, sondern darum, einem hochgradig zynischen Beißreflex freien Lauf zu lassen. Und jenen, die trauern in die Parade zu fahren. Immerhin sind jene noch nicht bei Beerdigungen darauf gekommen die Hinterbliebenen zu ermahnen, dass doch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken und sie sich darum doch auch mal Gedanken machen sollten. Aber es wäre dasselbe niedrige Niveau.

Aus TITANIC 05/2015

Gepostet von Hauck & Bauer am Dienstag, 16. April 2019

Wen will man damit überhaupt erreichen?

Bedenkt man nun, dass all jene, die solche Äußerungen von sich gaben, sich dabei noch für gute Menschen halten. ist es umso widerlicher. Es gibt zwar eine Antwort darauf, warum solche Fragen aufgeworfen werden: Weil es Menschen gibt, die um Notre Dame trauern, die sich aber weder für die Geflüchteten noch den Klimawandel interessieren.

Ja die gibt es! Und wie viele sind das im Vergleich zur Gesamtbevölkerung? Wer ist das? Ist es deswegen gerechtfertigt, den Rest mit solchen Aussagen mitzuverdächtigen? Muss man sich darauf reduzieren, diese Leute zu provozieren und gleichzeitig die anderen vor den Kopf zu stoßen? Dadurch wird doch niemand seine Meinung ändern.

Das wären mal Fragen, die sich bestimmte Leute selber stellen sollten. Denn nicht jede Person, die um Notre Dame trauert ist ein Heuchler. Vielleicht sind jene, die andere als Heuchler bezeichnen nur selber so zynisch und destruktiv, dass sie es wirklich nicht mehr anders sehen können, weil sie selber nur so monokausal an Sachverhalte gehen können, wie sie es anderen vorwerfen. Und solche Leute bilden sich dann ein, kritisch zu sein.

Artikelbild: Cookie Studio, shutterstock.com, Screenshots instagram.com/twitter.com/facebook.com

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