Wie durch Framing verschleiert wird, dass der Mindestlohn eigentlich gar nicht umgesetzt wurde

Wie Framing dazu führt, dass wir wichtige Dinge aus den Augen verlieren.

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Wenn Millionen Arbeitnehmer in Wahrheit den Mindestlohn nicht bekommen, wurde er doch gar nicht umgesetzt. Doch die Medien verharmlosen das durch Worte wie „Ausnahmen“, „Gesetzeslücken“, „illegale Praktiken“ oder einfach „Schludrigkeit“ – Wie Framing dazu führt, dass ein Problem heruntergespielt wird, erklärt der Wortgucker.

Frames sind Wahrnehmungsrahmen („Denkrutschen“ – haben wir hier erklärt). Wie die meisten Manipulationen werden auch Frames durch Wörter übertragen. Und Wörter wirken manchmal wie Drogen oder Schmerztabletten. Der Schmerz geht weg, die Welt sieht wieder schick aus, aber die Seuche steckt weiter in den Knochen.




Wie in diesem Beispiel: „Millionen arbeiten ohne Mindestlohn“. Das ist eine schlimme Sache. Schlimmer ist aber, dass diese Titelzeile gar keinen Sinn macht.

Screenshot Tagesschau, Bildzitat

Das Wort „Mindestlohn“ besteht schließlich aus den Wörtern ‚Mindest‘ und ‚Lohn‘. ‚Mindest‘ bedeutet „unterstes erlaubtes Niveau“ und Lohn bedeutet Lohn. Wenn jetzt Millionen Leute weniger als den Mindestlohn kriegen dann, gibt es also eine Art Mindestlohn unter dem Mindestlohn.

Dann ist also das, was alle Mindestlohn nennen, gar kein echter Mindestlohn, sondern etwas ganz anderes?

Mindestlohn ist also ein Geisterwort. Ein sogenanntes Zeronym, also ein Wort für eine Sache, die es gar nicht gibt.

Und das führt uns zu der entscheidenden Frage: Was zum Teufel wurde dann Mindestlohn genannt, wenn es kein echter Mindestlohn ist? Vielleicht kann man es Besserlohn nennen? Oder Phantomlohn – im Falle jener Leute, die einfach für den gleichen Lohn jetzt länger arbeiten müssen?

Aber was hat das eigentlich mit Framing zu tun? Die Antwort ist einfach. Alles! Wenn etwas Mindestlohn genannt wurde, was keiner ist, wurde trotzdem der Frame gesetzt, dass es einen gäbe. Mit der Konsequenz, dass übrigens niemand mehr nach einem Mindestlohn fragt. Wir klammern uns an das Wort, wie an eine Schmerztablette und denken alles wäre gut. Wo es den sogenannten Mindestlohn nicht gibt, liefert der Frame auch gleich die Erklärungen. Dann sind es eben „Ausnahmen“, „Gesetzeslücken“, „illegale Praktiken“ oder einfach „Schludrigkeit“, dass dieser nicht gezahlt wurde. Dass der Frame wirkt, sehen wir an den Titelzeilen der Medien. Denn, wenn Millionen diesen Lohn nicht kriegen, wäre der berichtenswerte Skandal doch, dass es keinen echten Mindestlohn in Deutschland gibt, oder nicht?

Geisterwörter – Wörter für Sachen, die es gar nicht gibt.

Warum regt Euch das NICHT auf? ?? Wie Framing dazu führt, dass Euch die wichtigen Sachen egal sind. Erklärt am #Mindestlohn. ? #GeisterwortEuer ?wortgucker

Posted by Wortgucker on Freitag, 2. Februar 2018

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1 Kommentar
  1. Atari-Frosch sagt

    Der Punkt ist ja, daß es wohl die gesetzliche Regelung gibt, aber ihre Durchsetzung praktisch so gut wie unmöglich ist. Wer bei einem Arbeitgeber, der seine Leute so wenig wertschätzt, daß er sie unter dem Mindestlohn bezahlt, meckert, fliegt üblicherweise raus. Ein Grund findet sich immer, und zum Klagen haben die Betroffenen keine Zeit und kein Geld. Die Gerichte sind seit Jahrzehnten notorisch unterbesetzt, und ein Verfahren beim Arbeitsgericht plus Landesarbeitsgericht dauert einfach viel zu lange[1], als daß das Recht in einem angemessenen Zeitrahmen durchsetzbar wäre. Und dann finden sich noch genug Mobbing-Methoden, um den störenden Arbeiter zur Eigenkündigung zu, ähm, bewegen.

    [1] Bereits in den 1990ern war es völlig normal, daß ein Verfahren von der Klage vor dem Arbeitsgericht bis zum Urteil des Landesarbeitsgerichts 1,5 bis 2 Jahre dauerte. BTDT. Als Angestellte in einem LAG.

    Ein Recht, das aus tatsächlichen Gründen nicht durchsetzbar ist, ist halt einfach keines. Sowas nennt man auch einen zahnlosen Papiertiger. Macht sich aber vermutlich gut in der PR.

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