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Autoren kritisieren rechtsoffene Inhalte im Herder-Verlag

von | Jul 9, 2024 | Aktuelles

Revolte im konservativ und christlich geprägten Freiburger Herder-Verlag: 17 Autor:innen aus dem Pädagogikbereich haben sich Anfang Juni an die Öffentlichkeit gewandt und die Befürchtung geäußert, dass „diskriminierende und antidemokratische Inhalte“ im politischen Verlagsprogramm Einzug gehalten haben. Nun wurde in einem gemeinsamen Kommmuniqué ein Kompromiss gesucht, weitgehend vergeblich.

Denn die Meinungsverschiedenheiten bleiben. Sie sind letztlich ein Musterbeispiel dafür, wie schwer auch einem renommierten und traditionsreichen Verlag wie Herder der Schutz der Demokratie gegen Angriffe von rechts fällt – eine Diskussion, der zuvor auch der Stuttgarter Reclam-Verlag im Zusammenhang mit einer von der Neuen Rechten organisierten Klemperer-Lesung in Dresden ausgesetzt war.

“zumindest rechte Tendenzen”

Konkret kritisiert wurde von den Pädagogik-Autor:innen unter anderem die Herder-Kooperation mit dem „Cicero“-Magazin, „dem seit Jahren zumindest rechte Tendenzen zugeschrieben werden“. In deren Rahmen wurden unter anderem Titel wie „Die Wokeness-Illusion. Wenn Political Correctness die Freiheit gefährdet“ und „Der Selbstbetrug. Wenn Migrationspolitik die Realität ignoriert“, jeweils unter Beteiligung von „Cicero“-Chefredakteur Alexander Marguier, realisiert. Marguier behauptet eine „Schweigespirale“ in den politischen und medialen Debatten, und sieht sich in der Rolle, hier „Gegenwind“ zu organisieren.

Nicht minder in der Kritik steht die Ethnologin Susanne Schröter aus Frankfurt am Main, die bei Herder mehrere Bücher veröffentlicht hat. Zuletzt erschien: „Der neue Kulturkampf. Wie eine woke Linke Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bedroht“. Sie deutet seit Jahren Kritik und Diskurs als Zensur um: „Immer wieder werden Wissenschaftler an den Universitäten westlicher Staaten zum Schweigen gebracht, weil ihre Forschungen den ideologischen Konstruktionen linksidentitärer Aktivisten widersprechen.“ Die Kritik der Autor:innen aus dem Pädagogikbereich parierte sie mit den Worten: „Ganz offensichtlich soll der Verlag unter Druck gesetzt werden. (…) Solche Methoden kennt man nur aus Diktaturen.“

In dem am Dienstag von Verlag und Kritiker:innen veröffentlichten gemeinsamen Statement ist nun die Rede von Gesprächen „auf Augenhöhe“. Eine dreiköpfige Abordnung war Ende Juni in Freiburg empfangen worden, „beide Seiten nahmen sich Zeit und Raum für einen offenen und konstruktiven Dialog“, heißt es. „Die verschiedenen Positionen wurden ausführlich besprochen und angehört.“ Doch das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Die zentralen Kontroversen bleiben

Zwar heißt es: „Beide Seiten können nun die jeweils andere Position besser nachvollziehen.“ Aber: „Wesentliche Standpunkte“ würden vom Verlag auf der einen Seite und den Autor:innen auf der anderen Seite nicht geteilt. Letztlich zementiert die Erklärung, dass es nicht nur nicht gelingt, die Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. Sondern noch nicht einmal, sie auszuhalten.

Die zentralen Kontroversen bleiben: Während die Autor:innen aus der Pädagogiksparte darauf dringen, dass sich ihr Verlag klar „gegen menschenverachtende Thesen und Rechtspopulismus“ positioniert und einen „bewussten Umgang mit Sprache“ pflegen soll, sieht der Verlag keine unzulässigen Grenzüberschreitungen. Herder betont laut dem gemeinsamen Statement die aus seiner Sicht „notwendige Breite und Weite des Debattenraums“ und die „Vielfalt des Programms“. Die Kritiker:innen bleiben dagegen bei ihrer „Warnung bezüglich einer Weitung des Debattenraums bis in intolerante Bereiche“ – und damit einem Vorwurf, der aus Verlagssicht auf das Herder-Programm nicht zutrifft. Schröter, Marguier & Co. werden so vom Verlag verteidigt.

Verantwortung eines christlichen Verlags

Unter den Autor:innen, die die Debatte angestoßen haben, dominiert nach wochenlangem Austausch mit dem Verlag Ernüchterung. Inke Hummel, eine der Kritikerinnen, sagt dem Volksverpetzer: „Wir müssen uns dafür einsetzen, dass der viel beschworene ,Debattenraum‘ groß ist, aber nicht zu groß.“ Nicht eine Gruppe allein dürfe ihn in Größe und Inhalten bestimmen, „sondern gerade auch diejenigen, die gefährdet sind“. Das wäre für sie „die Verantwortung gerade auch eines christlichen Verlags“, appelliert Hummel.

Enttäuscht sind auch weitere Autor:innen von Herder, die namentlich nicht genannt werden möchten. Zwar seien die Einwände verstanden worden, aber das bedeute noch lange kein Einverständnis, sagt eine. Es bleibe bei den bestehenden Narrativen im Programmbereich Politik, damit bliebe „Tor und Tür für rechtspopulistisches Gedankengut geöffnet“. Die Autorin kritisiert: „Mir fehlt hier die Übernahme einer gesellschaftlichen Verantwortung durch den Verlag.“ Ein Verzicht Herders auf das Verlegen von „grenzwertigen und bereits grenzüberschreitenden Inhalten“ könnte „aktiv dazu beitragen, gefährlichen Strömungen Einhalt zu bieten und ihnen nicht noch zusätzlich die Bühne zu bereiten“.

“Auf wessen Kosten wird ein solcher ,Debattenraum‘ gepflegt?“

Eine andere Autorin sagt dem Volksverpetzer, das aktuelle Statement sei „leider nicht der tragfähige Boden, den es für eine weitere Zusammenarbeit bräuchte“. Der Verlag beharre auf seiner Definition des Debattenraums, der in dieser Definition auch weiterhin nach rechts offen sein dürfe. „Auf wessen Kosten wird ein solcher ,Debattenraum‘ gepflegt?“

Menschen, die durch rechtspopulistische Narrative gefährdet werden, „zahlen den Preis für solche Diskurse“. Besonders in Zeiten wie der aktuellen, in denen sich große Teile der Welt und auch Deutschlands immer weiter nach rechts bewegen würden, sollte sich „ein Verlag seiner Verantwortung bewusst sein und sich im Sinne der Würde aller Menschen positionieren, anstatt Raum für die Verbreitung diskriminierender Narrative zu schaffen“.

„Gehen oder bleiben?“

Ob die Kritiker:innen auch künftig mit dem Herder-Verlag zusammenarbeiten werden, ist offen – die Meinungsbildung dazu ist nicht abgeschlossen. Aus dem Kreis der Autor:innen heißt es, einige hätten bereits weitere Aufträge abgelehnt und würden sich zurückziehen, wieder anderen falle es schwer, ihre gerade erschienenen und inhaltlich wichtigen Bücher von Herzen zu feiern und zu bewerben. „Viele stehen vor der Entscheidung: gehen oder bleiben.“

Herder reduziere sich in seiner Positionierung zu der Kontroverse auf allgemeine Beschreibungen, Floskeln und die Glorifizierung der eigenen Verlagsgeschichte. „Das empfanden viele der Autor:innen als unbefriedigend, äußerst ernüchternd und frustrierend.“ Für viele reiche das gemeinsame Statement nicht aus, um weiterhin guten Gewissens mit Herder zusammenarbeiten zu können. „Einige Autor:innen haben bereits geplante Projekte abgesagt. Ich schätze, es werden weitere folgen.“

Transparenzhinweis: Der Autor hat seit 2019 gemeinsam mit Heike Kleffner drei politische Sachbücher im Herder-Verlag herausgegeben. Zuletzt erschien im November 2023 „Staatsgewalt – wie rechtsradikale Netzwerke die Sicherheitsbehörden unterwandern“.

Artikelbild: canva.com