Hanau: AfD instrumentalisiert Kriminalpsychologin, um ihre Mitschuld zu vertuschen

| Bericht | 21. Februar 2020

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AfD will von ihrer Mitschuld an Hanau ablenken

Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke hat das Manifest und Videos des rechtsextremen Terroristen von Hanau analysiert. Ihrer Einschätzung nach hatte der Mann eine schwere psychische Erkrankung im Sinne eines offenbar bereits über längere Zeit bestehenden Wahns mit Gedankeneingebungen, Gedankenentzug, diversen auch bizarren Überzeugungen, Fehlwahrnehmungen und Fehlerinnerungen. Also vielen spezifischen Auffälligkeiten, die in dieser Mischung nur bei schweren psychischen Störungen vorkommen. Diesbezüglich gab sie unter anderem RTL ein Interview (Hier).

In diesem Interview kam jedoch nicht der andere Aspekt zum Vorschein: Dessen rassistische und rechtsextreme Ideologie. So sagt die Kriminalpsychologin: “Solche Täter docken in ihrer Entwicklung häufig an Ideologien an, die kompatibel mit ihren spezifischen Gefühls- und Gedankenmustern sind: Dichotomes Weltbild, Sündenböcke, Legitimation für Gewalt. Die Ideologie dient dann als persönliche Rechtfertigung und Richtungsgeber für das – aufgrund der psychischen Besonderheiten in ihrer spezifischen Kombination – bereits grundlegend vorhandene Gewaltpotenzial.” Die rechtsextreme Weltanschauung ist damit ein “gewaltbegünstigender Faktor”.

Warum das relevant ist? Weil die AfD derzeit eine Schadensbegrenzungkampagne gestaltet, mit der sie die Verantwortung für die Verbreitung genau jener rechtsextremen Verschwörungstheorien leugnen möchte, die der Terrorist ebenfalls geglaubt hat und deshalb die Morde in den beiden Shishabars in Hanau verübte. Ihre Strategie: Zu betonen, dass der Täter “nur” psychisch krank gewesen sei – und zu verschweigen, dass er gleichzeitig extrem rassistisch und rechts war. Die AfD missbrauchte so auch das Interview mit der Kriminalpsychologin Benecke, um diese einseitige Darstellung zu verbreiten.

Screenshot

Die Seite “AfD Peine” teilt viele Beiträge, die den rechtsextremen Terroranschlag nicht nur zu einem “Amoklauf” verharmlosen, sondern auch noch die Frechheit haben, die AfD als das eigentliche Opfer darzustellen.

psychisch krank und rechtsextrem schließen sich nicht aus

Benecke wehrt sich dagegen, von den Rechtsextremisten instrumentalisiert zu werden:

“Natürlich ist der AfD bewusst, dass ihre Dauerhetze ein relevanter Faktor sein kann, der bei einigen psychisch instabilen oder sogar schwerer erkrankten Menschen eine emotionale und gedankliche Verstärkung von Aggressionen bewirken und diesen dann auch eine entsprechend politisch motivierte Richtung geben kann. Eine solche Entwicklung kann auf unterschiedliche Art und vom Einzelfall abhängig ausagiert werden. Häufig bleibt es bei den systemtisch von der AfD provozierten, verbalaggressiven Entgleisungen im Internet. Doch in manchen Fällen bleibt es leider nicht dabei. Selbstverständlich kann ein solcher Prozess einen relevanten Faktor, einen Trigger (also Auslösereiz), für auch körperlich gewalttätiges Verhalten darstellen. Ich wage stark zu bezweifeln, dass dies den höheren AfD-Vertretern nicht bewusst ist.”

Das aus dem Kontext gerissene Interview mit ihr zu teilen, ohne das dazugehörige Video mit einem Terrorismusexperten (Hier), ist demnach bewusste Manipulation. “Daher ist es auch lächerlich, ein merklich verkürztes RTL-Interview von mir als Rechtfertigung für die Hassindustrie der AfD und fehlende Verantwortungsübernahme seitens dieser angesichts der aktuellen Ereignisse, nutzen zu wollen”, sagt die Kriminalpsychologin. Dass der Terrorist wohl psychisch krank war, spricht die AfD nicht von ihrer Mitschuld frei, im Gegenteil. Über die AfD sagt Benecke:

“Diese Leute können und / oder wollen eben nicht mit der Komplexität von Sachverhalten umgehen, geschweige denn Verantwortung für die von ihnen aktiv herbeigeführten Effekte übernehmen, das stünde ja auch diametral entgegengesetzt zu ihrem dichotomen, von Sündenböcken geprägten Weltbild.”

Zum Thema:

“Wahnsinn”, “Irrer”: Darum betonen Rechte eine psychische Krankheit beim Hanau-Täter



Artikelbild: Lydia Benecke

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