Der Rummel um den in der gestrandeten Ostee-Wal ist völlig eskaliert. Mittendrin: Einige Rechte, die den Wal für die AfD auf absurde Weise instrumentalisieren. Wir haben die seltsamsten Aussagen gesammelt und analysiert.
Wildtiere, die an Orten auftauchen, an denen Menschen sie nicht gewohnt sind, sorgen ja immer wieder für Schlagzeilen und Diskussionen. Aber der Wirbel um den Wal, der vor circa zwei Wochen in der Ostsee strandete, hat ganz neue Dimensionen erreicht. Die aufgewühlten Emotionen treiben vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern und im Netz ganz wilde Blüten. Das Schicksal von "Timmy" oder "Hope" (nicht einmal auf einen Namen konnte man sich in dem Chaos einigen) spricht jede Emotion, jede Ideologie, die man in Deutschland finden kann, an. Abstruse und teilweise aberwitzige Aussagen und Szenen häufen sich. Unter all dem auch: AfD-Anhänger:innen, die den Wal auf weirde Weise versuchen zu instrumentalisieren, eine Brandmauer-Wa(h)l-Debatte und viel Chaos, das rechte Debatten stärkt.
Eine kurze Ostsee-Wal-Chronik
Der Buckelwal, der sich Anfang März in die Ostsee verirrte, wurde schnell zum Krimi. Seit dem 23. März strandete er mehrmals in der Ostsee, konnte sich aber immer wieder durch Rettungsmaßnahmen freischwimmen. Seit dem 31. März hängt er erneut fest, vor der Insel Poel. Um die Walrettung gab es viele Diskussionen und Streit. Bei dem Versuch, den Wal aus dem flachen Wasser zu lotsen, gab es eine Auseinandersetzung zwischen Meeresbiologe und YouTuber Marc Robert Lehmann und der Einsatzleitung. Lehmann brach die Aktion ab und zog sich von der Walrettung zurück. Es folgten gegenseitige Vorwürfe zwischen Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) und Lehmann. Am 1. April stellten die Helfer die Rettungsmaßnahmen ein, weil das Tier zu geschwächt sei und bald sterben werde.
Da brach das Chaos erst so richtig los. Seitdem werden sowohl Möglichkeiten einer Tötung als auch einer neuen Rettungsaktion diskutiert. An Land gibt es Demonstrationen, Menschen durchbrechen den Sperrzaun oder springen von einer Fähre, um zum Wal zu gelangen. Andere singen für den Wal. Der Umweltminister bekommt Morddrohungen und Anzeigen.
Am 16. April kommt dann die Meldung, dass eine private Rettungsaktion von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und der Unternehmerin Karin Walter-Mommert genehmigt wurde. Wie sie ausgeht, steht zu Redaktionsschluss noch nicht fest.
Diese absurden Pro-AfD-Takes gibt es über den Wal
Hier soll es gar nicht um das Schicksal des Buckelwals und das Für und Wider seiner Rettung gehen. Wir wollen stattdessen schauen, wie die völlig eskalierte, wahnwitzige Debatte im Netz abläuft und wie weird rechte AfD-Anhänger:innen involviert sind. Spiegel-Reporter Jonathan Stock hat zum Beispiel bei einer Demonstration für den Wal folgenden Satz notiert: "Ich vertraue denen da oben nicht mehr. Da bleibt doch nur die AfD."
Andere sagen "Rettet Wale und keine Migranten." Und ein anderer "Für den Wal ist kein Geld da, aber die Ausländer kriegen ihr Terrorgeld". Absolute Gaga-Verbindungen, die diese offensichtlichen Rechtsextremisten da ziehen. Und diese Demonstranten sind mit dieser Schlussfolgerung nicht allein. Auf X finden sich einige Accounts, die offensichtlich nur in der AfD eine Rettung für den Wal sehen und rechte Narrative pushen. Sie versuchen zwanghaft, alles (vermeintlich) Negative an der Wal-Geschichte dem alten Feindbild "Altparteien" zuzuschieben und sehen sektenhaft mal wieder in der AfD die Lösung für alle Probleme.



Nicht alle Posts nennen die AfD konkret, instrumentalisieren den Wal aber genauso für eine rechte Agenda. So nutzt ein X-User den Wal, um gegen Migranten zu hetzten:

Der ehemalige Politiker der rechtsextremen, österreichischen Partei FPÖ, Gerald Grosz, sieht absurderweise im Wal ein Sinnbild für ein angeblich am Boden liegendes Deutschland (ein beliebtes rechtsextremes Narrativ):

Rechtsextreme Ideologen können die Welt nur durch ihre verzerrte Brille betrachten und sehen deshalb überall die gleichen Muster, die sie sehen wollen. So entstehen selbstbestätigende Weltbilder. Und absolut irrationale Menschen, die sich gegenseitig immer weiter indoktrinieren. Das klappt sogar mit der Geschichte eines Wals in der Ostsee.
Rechtsextreme instrumentalisieren Tierschutz schon lange, weil sich damit gut starke Emotionen nutzen und von menschenfeindlichen Ideologien ablenken lässt. Einen weiteren Schub bekam die Debatte durch eine Wal-Brandmauer-Diskussion. Ja, richtig gelesen.
Wal-Brandmauer erhitzt die Gemüter
Das Künstlerkollektiv Pixelhelper unter Oliver Bienkowski, das sich für Tier- und Menschenrechte einsetzt, plante mit Mediamarkt-Gründer Walter Gunz zusammen, die Rettungsaktion, die jetzt für den 16. April genehmigt wurde. Schweres Gerät war bereits an die Ostsee geschafft worden. Am 14. April entschied Pixelhelper jedoch überraschend, sich aus der Aktion zurückzuziehen, weil Mitorganisator Jens Schulz AfD-Mitglied sei und Gunz Sympathisant. Deshalb will der Verein die Aktion nicht mehr unterstützen. Der Wal solle "für die Demokratie sterben".

Die Antworten auf die von Pixelhelper sozusagen gezogene "Brandmauer" ließen nicht lange auf sich warten:


Schulz weist den Vorwurf, AfD-Mitglied zu sein, von sich und behält sich juristische Schritte vor.
AfD profitiert still vom Wal-Chaos
Und die AfD selbst? Die muss in dem ganzen Chaos gar nicht viel tun. Das lautstarke Zetern überlässt sie den Massen. Thore Stein, der naturschutzpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, "wundert" sich über die Wal-Rettungsstrategie und kritisiert vergleichsweise zahm Umweltminister Backhaus. Die Anfeindungen und Morddrohungen gegen das Ministerium und die Wal-Helfer erledigen andere.

Nicole Hess aus der Arbeitsgemeinschaft Tierschutz in der AfD-Bundestagsfraktion bleibt in einem von der Fraktion veröffentlichten Video vage: Ja, man hätte den Wal vielleicht frühzeitig retten können, aber das wäre auch sehr teuer gewesen und nicht klar, ob er vielleicht schon zu krank gewesen wäre. Das Schicksal des Wals sei traurig, aber junge Menschen heutzutage wissen auch einfach nicht mehr, was Tod bedeutet. Offshore-Windräder sind schon schlecht und wir brauchen sie nicht, aber im Fall von Timmy waren sie wohl doch nicht schuld. Schiffslärm könnte schon eher ein Grund sein, aber Schiffe abschaffen, das ist es nun auch nicht, der Mensch hat ja auch eine Daseinsberechtigung. Äh, was?
Hess sagt so wenig in den 25 Minuten Video, dass jede:r das heraushören kann, was sie oder er hören will. Nur konkrete Vorschläge für den Ostsee-Wal sind nicht dabei. So hält man sie alle bei der Stange, die verzweifelten Walfreund:innen und die, denen das alles zu viel Rummel um den Wal ist. Und instrumentalisiert die Stimmung, die sich durch das Wal-Chaos ausbreitet.
Verschwörungsmythen und rechte Narrative
Denn ein Narrativ, das treiben gerade fast alle voran, die sich in den völlig abgedrehten Debatten für den Wal einsetzen: Die deutsche Politik lasse einen Wal sterben, der SPD-Umweltminister sei zu nichts nütze und überhaupt: Was ist eigentlich in diesem Land los? Verschwörungserzählungen, die an Pandemie-Zeiten erinnern, machen die Runde: Wissenschaft und Politik steckten unter einer Decke, Expert:innen seien Scharlatane, oder gar: Der Wal soll absichtlich sterben, dahinter stecke das Meeresmuseum Stralsund.

Irgendwo bietet das Ganze auch Raum für Humor. Dusselig gescrollt, weiß man manchmal schon gar nicht mehr, was die Leute ernst meinen und was eine Persiflage auf das ganze Durcheinander ist. Pixelhelper schreibt ja anscheinend ernsthaft, dass der Wal für die Demokratie sterben solle. Da ist "Der Wal arbeitet jetzt im Media Markt Alexanderplatz und verkauft WLAN-Router" schon deutlicher als Witz zu erkennen.

Bei "Ich bin davon überzeugt, dass selbst Hitler mehr für den Wal getan hätte, als es die AfD jemals tun würde", ist man sich wiedrum nicht ganz sicher. Immerhin weisen auch User:innen darauf hin, dass man den Wal nicht von Rechten instrumentalisieren lassen darf.

Vom Wal-Unmut zur Wahl-Urne
Was gar nicht so witzig ist: Chaos und Planlosigkeit helfen den Rechten. Nicht, weil sie es besser machen würden, sondern weil es leicht ist, vom Seitenrand zu meckern und zu fantasieren, sie wären kompetenter. Und es verursacht Unsicherheit, verbreitet Erzählungen über unfähige oder gar in bösartigen Verschwörungen verstrickte Politiker, es erschüttert das Vertrauen in Wissenschaft und Staat. Wenn der Ostsee-Wal irgendwann gerettet oder gestorben ist, dann bleibt etwas hängen von dem Gefühl, dass in Deutschland Chaos herrsche. Und auf dieses Gefühl springt die AfD besonders gerne mit ihren vermeintlichen, einfachen Lösungen auf. Vom Wal-Unmut zur Wahl-Urne sozusagen.
Auch wenn einen das Schicksal des Wals mitnimmt, hilft es, sich nicht zu viel in den irren Debatten im Netz rumzuschlagen (werdet einfach nicht Journalist:in, um solche Recherchen nicht machen zu müssen … help) und lieber zu schauen, wie man sich gerade aktiv für Tierwohl und Meeresschutz einsetzen kann. Am besten mit ein paar Freund:innen, die dann auch keine Zeit haben, sich zu lange zwischen Wal-Posts aufzuhalten.
Artikelbild: Philip Dulian/dpa, Screenshot x.com
