AfD-Fake: In Schleswig-Holstein wird NICHT auf Türkisch unterrichtet

Faktencheck

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AfD lügt über türkischen unterricht

Es ist die Kunst der AfD, durch Falschdarstellungen, Lügen und Framing einen Sachverhalt derart verzerrt darzustellen, dass er eigentlich nichts mehr mit der Realität gemeinsam hat. So geschehen bei einem Post auf ihrer Facebook-Seite vom 4. September. Dort schreibt die AfD plakativ: „Schleswig-Holstein: CDU belohnt Integrationsverweigerer! Irre: Ab Herbst wird auf TÜRKISCH unterrichtet!“

Label von uns nachträglich eingefügt

Im Begleittext steht unter anderem:

„++ Schleswig-Holstein: Ab Herbst wird an den Schulen auf Türkisch unterrichtet! ++

Was treibt diese Dame bloß um? Die CDU-Bildungsministerin Karin Prien setzt muttersprachlichen Schulunterricht für Integrationsverweigerer durch!

Wundern Sie sich nicht, wenn ihre Kinder bald irritiert vom Unterricht heimkehren. Spätestens nach den Herbstferien wird in Lübeck und Kiel auf Türkisch in den Klassenräumen unterrichtet. Der bunten CDU geht es offenbar nicht schnell genug, die deutsche Sprache abzuschaffen, den Nachwuchs der schon länger hier Lebenden zu benachteiligen und die Integration ins Absurde zu verkehren. Das Angebot an herkunftssprachlichem Unterricht soll jetzt sukzessive ausgebaut werden.“

Am Ende verlinken sie die Quelle für ihre Behauptungen, diesen Stern-Artikel.



Das Problem: Das ist nicht wahr

Nein, an den Schulen wird nicht auf Türkisch unterrichtet werden, es wird keine Benachteiligung geben und auch Integration soll nicht „über Bord geworfen“ werden, sondern völlig im Gegenteil, weiter voran getrieben werden. Offenbar ist sich die AfD so sicher, dass ihre Anhänger nicht die Quelle für ihre waghalsigen Behauptungen durchlesen, wenn sie sie sogar selbst verlinkt. Denn in dem Artikel steht etwas völlig anderes:

An zwei Politschulen in Lübeck und Kiel soll nicht „auf Türkisch“ unterrichtet werden, sondern herkunftsprachlicher Unterricht angeboten werden, sprich, sollen Fächer wie „Türkisch“ ähnlich wie „Deutsch“ oder „Englisch“ angeboten werden. Der gesamte Unterricht für alle Schüler*innen wird nicht auf Türkisch abgehalten, sondern Unterricht auf Türkisch soll ergänzend angeboten werden. Die AfD stellt es durch ihre plakative Überschrift und Formulierungen wie „Wundern Sie sich nicht, wenn ihre Kinder bald irritiert vom Unterricht heimkehren“ so dar, als würden alle Kinder künftig Mathe auf Türkisch beigebracht bekommen oder so etwas.

Doch auch wenn es sich um arabische Zahlen handelt, hat das nichts mit fehlender Integration zu tun. Im Gegenteil, Bildungsministerin Karin Prien besteht darauf, dass alle Deutsch können. „Unsere Bildungssprache an den öffentlichen Schulen ist Deutsch.“ Im Zeitalter der Globalisierung sei Zweisprachigkeit ein Geschenk, antwortete sie dem Stern. Sie glaubt, dass Kinder auch ihre Herkunftssprache lernen sollen, weil sichere Sprachkompetenz auch das Deutsch-Lernen erleichtert.

Der feine unterschied

Ein geneigter AfD-Wähler mag hier wohl Haarspalterei sehen, doch mit diesem Unterschied steht und fällt die gesamte Hetze der AfD. Die hat gezielt durch das Framing von „Integrationsverweigerern“ (Wie kommt sie darauf, dass es sich um diese handelt? Oder sind alle Menschen mit Migrationshintergrund automatisch welche?) und „Integration“ den Sachverhalt falsch und irritierend dargestellt, um dann den selbst konstruierten Unsinn zu kritisieren.

Natürlich kann man über den Sinn und Unsinn von Türkischunterricht an Deutschen Schulen streiten und ob dieser wirklich bei der Integration und dem Lernen von Deutsch hilft, das soll hier nicht behandelt werden. Es wird aber niemand plötzlich auf Türkisch unterrichtet. Allein schon, weil es bisher keine einzige Lehrkraft gäbe, die die Fakultas Türkisch beherrsche. Deshalb soll auch der Studiengang „Türkisch als Ergänzungsfach“ angeboten werden. Hier übrigens der dezente Hinweis bei „Ergänzung“, dass es sich dabei nicht um den ganzen Unterricht handelt.

Fazit

Die AfD hat absichtlich den Sachverhalt falsch dargestellt und so formuliert, dass ein falscher Eindruck entsteht, um ihre Wählerschaft empört zu halten. Nein, lediglich an zwei Pilotschulen soll ergänzend Türkisch-Unterricht angeboten werden, um Zweisprachigkeit zu fördern. Das ist auch schon alles. Wer die Zweisprachigkeit fördern will, will wohlgemerkt auch die „Deutschsprachigkeit“ fördern. Durch ein typisches AfD-Framing und das Porträtieren von türkischstämmigen Menschen als „Integrationsverweigerer“ wird der Vorschlag absichtlich „irre“ dargestellt, um ihn dafür zu kritisieren. Die Sinnlosigkeit dieser Übung sollte selbst-evident sein.

Tatsächliche Integrationsprobleme (Mehr dazu) werden nicht dadurch gelöst oder gar angesprochen, wenn Projekte, die als Integrationsmaßnahme dienen sollen, durch Falschdarstellungen lächerlich gemacht werden sollen oder den Betroffenen gar die Fähigkeit oder der Wille abgesprochen wird, diese Integration durchzuführen. Anstatt für eine bessere Integration zu werben, ist die AfD selbst das größte Hindernis dafür. Allein schon, weil sie durch eine derart unehrliche Darstellung einen konstruktiven Dialog unmöglich macht.

Artikelbild: Cookie Studio, shutterstock.com

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