Todeszählung: Diese Statistik aus Österreich widerlegt Corona-Verharmloser

| Analyse | 18. April 2020

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Fast 9 von 10 Corona-Toten starben auch an Covid-19

Die Corona-Pandemie fordert tragischerweise viele Todesopfer. An der Zählweise von Toten wurde in der Vergangenheit viel Kritik geübt: So kritisierte der Mikrobiologe Bhakdi die offiziellen Zählweisen. Das Robert-Koch-Institut zählt laut Angaben einer Sprecherin alle Todesfälle an Covid-19, wenn der Betroffene eine nachgewiesene Infektion gehabt hatte. Das heißt – so die Kritik von Bhakdi – nicht nur fließen die Todesfälle mit in die Statistik ein, von Menschen, die an Covid-19 gestorben sind, sondern auch von denen, die mit Corona gestorben sind. Also könnte es Fälle geben, in denen jemand an etwas anderem gestorben ist, und nur zufällig gleichzeitig infiziert gewesen ist.

Corona-Verharmloser*innen nehmen diesen berechtigten Hinweis der Zählweisen, um zu argumentieren, dass die Maßnahmen in Wahrheit übertrieben seien. Gerne ist das der Aufhänger für verschiedenste Verschwörungsideolog*innen, um die Verschwörung ihrer Wahl zu “belegen” – Mikrochipimpfungen (mehr dazu), 5G (mehr dazu), Flüchtlinge (mehr dazu) oder anderen Unsinn. Somit führt diese akademische Ungenauigkeit zu viel Verwirrung und liefert Grundlage für die Verharmlosung der Pandemie.

Unterschied wird gewaltig überschätzt

Diese Information muss jedoch eingeordnet werden, da viele Menschen diese Ungenauigkeit sehr überschätzen. Es ist richtig, dass die Todeszahlen-Statistik somit leicht verzerrt ist. Aber das RKI verheimlicht das ja auch nicht und verkündet, dass man das im Hinterkopf behält, wenn man ihre Todeszahlen analysiert. Aber “eine Trennung ist fachlich nicht zuverlässig durchführbar”, so eine Sprecherin des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit an den BR (Quelle). Denn selbst wenn man das unterscheiden wollen würde, ist das in der Praxis schwerlich möglich. Dazu bräuchte man eingehende Kenntnis des Krankheitsverlaufs einerseits und des morphologischen Befundes andererseits durch eine Obduktion. Letzteres soll aber vermieden werden, da auch tote Infizierte als ansteckend betrachtet werden (Quelle, Quelle).

Außerdem wird hier gezielt vergessen, dass die Ungenauigkeit auch in die andere Richtung gilt: Das RKI geht laut dem Corona-Briefing vom 3. April (Quelle) eher davon aus, dass die Todeszahlen UNTER- und nicht überschätzt werden. Denn es ist natürlich auch denkbar, dass Menschen an oder mit Corona sterben, ohne dass sie in die Zählung einfließen, weil sie nie getestet wurden. Die Dunkelziffer kann die Covid-19-Toten damit ebenso wieder erhöhen. Es handelt sich also um einen eher unbedeutenden, technischen Hinweis, der die Corona-Toten nicht “widerlegt”. Insbesondere, weil die Diskrepanz wohl nicht so groß ist:

Österreich: 86 % der Toten MIT Corona starben AN Covid-19

Eine Studie, die in “The Lancet” veröffentlicht wurde (Quelle) und die Patient*innen in Wuhan untersuchte, legt den Schluss nahe, dass die meisten Todesfälle eindeutig auf Covid-19 zurück zu führen sind. “Falsch” gezählte Todesfälle sind also eher die Ausnahme. Das Gesundheitsministerium in Österreich veröffentlicht jetzt jeweils zwei Statistiken zu den Covid-19-Verstorbenen: Demnach sind bisher 443 Menschen gestorben, die zuvor positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Bei 380 Menschen wurde Covid-19 als Todesursache nachgewiesen:

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Ein Unterschied in den Statistiken ist also selbstverständlich zu sehen, jedoch ist er nicht dermaßen gravierend, dass es eine Rolle dabei spielt, ob die Maßnahmen übertrieben seien. Oder würden 443 Tote die Maßnahmen rechtfertigen, aber 380 nicht mehr? Es macht argumentativ keinen wirklichen Unterschied. Insbesondere weil man bedenken muss: Hier wurden ja keine Toten hinzuerfunden, hier wird nichts “manipuliert” oder verheimlicht. Alle 443 Menschen sind gestorben. Tot ist tot. Nur bei einigen Patient*innen hatte die Infektion keinen großen Einfluss auf das Sterben.

Einen Unterschied in den Zahlen als Beweis für eine Verschwörung herzunehmen oder als Argument für irgendetwas, ist höchst befremdlich und sinnlos. Bhakdi folgerte aus der Diskrepanz, die Maßnahmen seien “kollektiver Selbstmord”, was als absurd anzusehen ist. Und wir dürfen ja immer noch nicht die Dunkelziffer vergessen an Menschen, die ohne Test verstorben sind. Diese Feststellung ist medizinisch sicherlich relevant, aber in einer Diskussion um Sinn und Unsinn der Maßnahmen ist sie völlig fehl am Platz, insbesondere, da die Fehlerquote von vielen stark überschätzt wird. Inbesondere ist es problematisch, wenn es zur unsachlichen Verharmlosung der Pandemie missbraucht wird.

Zum Thema:

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Artikelbild: Chaikom

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