Die „Generation Deutschland" soll der AfD-Jugend einen seriöseren Anstrich geben und ein Verbot vermeiden. Unsere Analyse aller 15 Landesvorsitzenden zeigt: Es sind fast überall dieselben Leute aus der gesichert rechtsextremen Vorgänger-Vereinigung – und sie geben sich nicht mal Mühe, das zu verstecken. Wir zeigen die Ergebnisse unserer großen Recherche auf unserer interaktiven Karte:
Den 8. Mai, Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, nutzen Rechtsextremisten als regelmäßigen Anlass, den widerlichsten Geschichtsrevisionismus zu propagieren. So auch dieses Jahr, so auch die neue AfD-Jugendorganisation:
Höchste Zeit, uns die einzelnen Vorsitzenden der 15 Landesverbände der neuen AfD-Jugend "Generation Deutschland" genauer anzuschauen.
„Generation Deutschland“: ein Sammelbecken an Rechtsextremisten
Nach der Gründung der neuen AfD-Jugend auf Bundesebene im letzten Jahr in Gießen haben sich nun auch fast alle Landesverbände der "Generation Deutschland" gegründet. Nur Baden-Württemberg fehlt noch. Dort soll der Landesverband Medienberichten zufolge Mitte des Jahres gegründet werden. Es stellt sich auch auf Landesebene heraus, was schon bei der Gründung der Bundes-Parteijugend vermutet wurde: Die "Generation Deutschland" unterscheidet sich personell kaum von der "Jungen Alternative" (JA). Die alte Parteijugend war gesichert rechtsextrem und hat sich dann aufgelöst, wohl um einem Verbot zuvorzukommen.
In unserer Analyse zeigen wir, dass die meisten Vorsitzenden der "Generation Deutschland" - Landesverbände JA-Mitglieder waren und eng mit dem rechtsextremen Vorfeld der AfD verknüpft sind und/oder es unterstützen.
Die meisten Vorsitzenden unterstützen das rechtsextreme Vorfeld und waren in der JA
Diese interaktive Karte kategorisiert die Vorsitzenden der "Generation Deutschland" - Landesverbände. Die meisten Vorsitzenden unterstützen das rechtsextreme Vorfeld der AfD und waren zuvor in der "Jungen Alternative" aktiv, die vor ihrer Auflösung als gesichert rechtsextrem eingestuft war. Klicke einfach auf dein Bundesland für mehr Informationen und anklickbare Quellen.
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In 13 Bundesländern waren die Vorsitzenden vorher in der JA
Schauen wir nun ausführlicher auf die einzelnen Rollen, die die jetzigen Vorsitzenden der AfD-Jugend-Landesverbände damals in der JA spielten.
Franz Schmid, Vorsitzender in Bayern, war Bundesschatzmeister der Jungen Alternative und stellvertretender Vorsitzender der Jungen Alternative Bayern. Über die JA sagte er nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der "Generation Deutschland" in Bayern: „Wir hatten gute Inhalte.“ Distanzierung? Fehlanzeige. Er wird als Rechtsextremist eingestuft und vom Landesamt für Verfassungsschutz gesondert beobachtet.
Anfang März musste der dritte Stellvertreter Schmids, Tim Schulz, nach einer Recherche der Abendzeitung München zurücktreten. Er soll sich in Budapest mit einem bekennenden Nationalsozialisten getroffen haben. Es ist einerseits ein Beispiel, was gut gemachter Journalismus bewirken kann. Andererseits steht mit Schmid immer noch ein Rechtsextremist an der Spitze des bayerischen Landesverbands der AfD‑Parteijugend. Schulz ist nach Informationen von Endstation-Rechts trotz des Skandals weiterhin für einen oberbayerischen AfD-Landtagsabgeordneten tätig und wird somit aus Steuergeldern bezahlt.
In Nordrhein-Westfalen wurde die AfD-Jugend bereits kurz nach ihrer Gründung als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft. Der WDR berichtete, dass es laut NRW-Verfassungsschutz "gewichtige Anhaltspunkte" gebe, "dass es sich bei der Generation Deutschland Nordrhein-Westfalen de facto um eine Fortführung der Gruppe Junge Alternative NRW handelt". Der neue Vorsitzende der Generation Deutschland NRW, Luca Hofrath, war zuvor bereits in der JA tätig.
Die einzige Frau unter den ersten Vorsitzenden der Landesverbände ist Carolin Lichtenheld in Thüringen
In Hessen wurde Nafiur Rahman zum Vorsitzenden der AfD-Jugend gewählt. Er saß zuvor im JA-Landesvorstand.
Der Vorsitzende des sächsischen Landesverbands der "Generation Deutschland", Lennard Scharpe, war zuvor Vorsitzender der Jungen Alternative Sachsen.
In Niedersachsen ist der AfD-Bundestagsabgeordnete Micha Fehre Vorsitzender der AfD‑Jugend. Er war zuvor Mitglied der JA Niedersachsen. Ende letzten Jahres reiste er in die USA, um sich dort mit den Jungen Republikanern, also der Nachwuchsorganisation der Partei des Faschisten Donald Trump, zu vernetzen.
Letztes Jahr haben wir alle AfD-Bundestagsabgeordneten auf verschiedene Extremismus-Kategorien gescreent. Hier findest du die Giga-Recherche:
Als einzige Frau unter den ersten Vorsitzenden der 16 Landesverbände wurde Carolin Lichtenheld Vorsitzende des Thüringer Landesverbands der "Generation Deutschland". Ihr Stellvertreter ist Eric Engelhardt, ehemaliger Vorsitzender der JA Thüringen. Lichtenheld war ehemalige Vizechefin der JA Thüringen. Zur Gründung kam auch Faschist Björn Höcke vorbei.
Manche Führungspersönlichkeiten trugen bereits zur Einstufung der JA als gesichert rechtsextrem bei
In Schleswig-Holstein wurde mit Jasper Griebel der ehemalige Regionalvorsitzende der JA Südholstein zum Vorsitzenden der neuen AfD-Jugend.
In Mecklenburg-Vorpommern wurde Alexander Tschich zum Vorsitzenden der neuen AfD-Jugend gewählt. Er war bereits zuvor Chef der JA im Bundesland.
In Rheinland-Pfalz gibt es mit Jan Richard Behr und Bailey Wollenweber eine Doppelspitze. Behr sitzt zudem im Bundesvorstand der "Generation Deutschland". Wollenweber war Teil des Führungskreises der ehemaligen JA.
Sachsen-Anhalts Landesvorsitzender heißt Florian Ruß. Er war Mitglied der JA und trug während seiner Zeit dort dazu bei, dass der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt die dortige JA als gesichert rechtsextrem einstufte.
Auch Brandenburgs Vorsitzender Fabian Jank war zuvor in der JA, ebenso der Berliner Vorsitzende Martin Kohler. Er war drei Jahre lang Chef der aufgelösten Berliner "Jungen Alternative". Last but not least: Auch Michael Schumann, Vorsitzender der Hamburger AfD-Jugend, war laut taz in der JA.
Von 10 Bundesländern wissen wir, dass die Vorsitzenden das rechtsextreme Vorfeld unterstützen
In Bayern sitzt der Vorsitzende, Franz Schmid, für die AfD auch im Landtag. Wir erinnern uns: Schmid wird vom Landesamt für Verfassungsschutz gesondert beobachtet, unter anderem weil er seine Rolle als Landtagsabgeordneter dafür nutzen soll, rechtsextreme Bestrebungen gezielt zu fördern. So soll ein "patriotisches Zentrum" auch für das rechtsextreme Vorfeld der AfD geschaffen werden. Bei der Wahl Schmids zum Vorsitzenden war auch der Bundessprecher der Identitären Bewegung, Maximilian Märkl, anwesend.
Luca Hofrath, der Mann an der Spitze der "Generation Deutschland" in Nordrhein-Westfalen, wird dem völkischen Lager um den rechtsextremen AfD-Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich zugeordnet. Also genau der AfD-Abgeordnete, den die AfD selbst schon loswerden wollte, der aber immer noch für sie im Bundestag sitzt. Das Berufungsverfahren gegen seinen Parteiausschluss läuft. In geleakten Chats aus den Jahren 2016 und 2017 bezeichnete sich der NRW-Abgeordnete als "das freundliche Gesicht des NS".
Mit der Wahl Hofraths stärkte Helferich seine Position – der AfD-Landesparteichef Vincentz, der Helferichs Parteiausschluss vorantrieb, verließ die "Generation Deutschland" - Gründungsveranstaltung sogar vorzeitig. Hofrath "fordert, dass die AfD offen mit Gruppen aus der rechtsextremen Szene zusammenarbeiten soll", wie der WDR schreibt.
Enge Anbindung an die Identitäre Bewegung geplant
Auch in Sachsen stößt das rechtsextreme Vorfeld bei der dortigen "Generation Deutschland" auf freudige Zustimmung. Der Vorsitzende Lennard Scharpe, der in Bautzen für die AfD im Stadtrat sitzt und auch Finanzbeauftragter im Bundesvorstand der "Generation Deutschland" ist, war selbst in Aktionen der Identitären Bewegung aktiv, beispielsweise bei einem Fackelmarsch der Identitären in Wien 2019. Für die AfD hat er eine klare Vision: Sie "sollte auch Ideen der Identitären Bewegung übernehmen."
In Thüringen macht Vorsitzende Carolin Lichtenheld auf ihrem Instagram-Profil deutlich, dass ihr Landesverband der "Generation Deutschland" am äußersten rechten Rand bleiben wird. Sie inszeniert nicht nur Faschist Björn Höcke, sondern zeigt sich auch in rechtsextremer Kleidung, hier zu sehen: ein T-Shirt der Marke "Phalanx Europa". Es handelt sich um eine rechtsextreme Bekleidungsmarke aus der rechtsextremen „Identitären Bewegung“.

In Schleswig-Holstein kündigte Vorsitzender Jasper Griebel direkt an, "dass es unter ihm keine Distanzierung vom rechten Vorfeld geben werde", wie der NDR schreibt.
Spenden ans rechtsextreme Vorfeld werden stolz gefeiert
In Sachsen-Anhalt ging die neu gegründete AfD-Jugend sogar einen Schritt weiter und gab öffentlich bekannt, an den rechtsextremen Verein "Ein Prozent e.V." gespendet zu haben. Ausdrücklich, um sich noch enger an das Vorfeld zu binden.

Bereits während seiner Studienzeit fiel Florian Ruß, Vorsitzender der neuen AfD-Jugend in Sachsen-Anhalt, durch Kontakte zum rechtsextremen Vorfeld auf.
Auch Fabian Jank, neuer Vorsitzender in Brandenburg, betonte, er wolle sich nicht vom Vorfeld distanzieren. Er "fiel bisher durch seine Nähe zur rechtsextremen Identitären Bewegung und durch das Posten von NS-Parolen in Social Media auf", so die Tagesschau. Er bestätigte, dass er an Aktionen der Identitären Bewegung teilgenommen hatte, als Student wohnte er sogar in einem identitären Hausprojekt.
Burschenschaften, Kontakte zu Sellner und Identitären – in der "Generation Deutschland" alles dabei
Nebenan, in Berlin, wurde Martin Kohler zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er ist Mitglied in der Berliner Burschenschaft Gothia. Der Berliner Landesverfassungsschutz beobachtet Berliner Burschenschafter, darunter wahrscheinlich auch Burschenschafter der Gothia. Simon Brost von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) ordnet die Gothia als »Scharnier zwischen rechtem Konservatismus und Rechtsextremismus« ein, wie er in "nd-aktuell" sagte.
Auch im Stadtstaat Hamburg fällt der neue Vorsitzende, Michael Schumann, mit Verbindungen in den Rechtsextremismus auf. Im Jahr 2022 war er aktives Mitglied der „Landsmannschaft Mecklenburgia Rostock“, so die taz. Es handelt sich um eine Hamburger studentische Verbindung, die bereits 1870 gegründet wurde. Der Hamburger Verfassungsschutz schrieb 1993, dass die Landsmannschaft "zumindest rechtsextremistisch beeinflusst" sei.
Zu guter Letzt fällt auch Jan Richard Behr, einer der beiden Vorsitzenden der AfD-Jugend Rheinland-Pfalz, mit seiner Nähe zum Vorfeld auf. Die FAZ schreibt über ihn: "In Rheinland-Pfalz ist er im Umfeld der vom Verfassungsschutz beobachteten rechtsextremen Burschenschaft Germania Halle zu Mainz unterwegs. Gelernt hat er gemeinsam mit Sellner und alten JA-Größen wie Anna Leisten in einer Sommerakademie in Schnellroda bei dem Vordenker der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, das belegen Fotos." Auch aus seiner Vernetzung zur Identitären Bewegung macht er keinen Hehl.
Experten rechnen mit sogar stärkerer Radikalisierung
Der wesentliche Punkt ist spätestens jetzt klar: Die Neugründung der AfD-Jugend diente lediglich dem Zweck, einem Vereinsverbot der JA zu entgehen und die Jugendorganisation näher an die AfD zu binden. Von Deradikalisierung kann keine Rede sein. Überschneidungen mit dem rechtsextremen Vorfeld der AfD, insbesondere mit der Identitären Bewegung, stehen an der Tagesordnung – wie auch schon bei der JA. Die Vorsitzenden selbst geben sich nicht einmal Mühe, dies zu vertuschen. Es sollte ein deutliches Warnsignal an den Verfassungsschutz und an alle demokratischen Politiker:innen sein. Lassen wir die AfD wirklich mit so einem billigen Taschenspielertrick davonkommen?
Expert:innen rechnen sogar damit, dass sich die "Generation Deutschland" noch stärker radikalisieren wird. Der Spiegel analysierte schon bei der Gründungsveranstaltung der Bundes-AfD-Jugend in Gießen letztes Jahr, wie viele Delegierte dort entweder in Organisationen sind, die noch rechtsextremer sind als die AfD, oder zumindest mit diesen verknüpft. In der Recherche heißt es: "Das professionellere Image, das sich die neue Jugendorganisation geben will, ist reine Fassade. Die »Generation Deutschland« ist nicht mehr nur ein Sammelbecken von Burschenschaftern, Identitären und Völkischen, sondern noch radikaler. In ihr tummeln sich nun mehr junge Menschen, die bis ins Neonazi-Milieu aktiv sind, als zuvor." Eine FAZ-Recherche zeigt, dass extrem viele Personen des Bundesvorstands rechtsextreme Verbindungen aufweisen.
Und erinnerst du dich noch an den AfD-Politiker, der in Gießen das Motto der Hitlerjugend verwendete? Nach heftiger Kritik kündigte die AfD ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn an, doch nun darf Kevin Dorow in der Partei bleiben.
Den AfD-Taschenspielertrick durchschauen!
Selbst das Bundesinnenministerium schreibt in der Antwort auf eine Kleine Anfrage einer Grünen-Abgeordneten, dass es bei der "Generation Deutschland" wohl nicht zu einer Mäßigung kam. Es heißt dort: "Die Zusammensetzung des Bundesvorstands der GD zeigt besonders auf Funktionärsebene eine hohe personelle Kontinuität zur ehemaligen ‚Jungen Alternative‘ (JA)."
Wie diese Recherche zeigte, ist eine "personelle Kontinuität" auch auf Landesebene anzutreffen. Die Tagesschau schreibt, dass die Verfassungsschutzämter bezüglich der "Generation Deutschland" "fortlaufend Belege für deren Verfassungsfeindlichkeit" sammeln würden. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die neue AfD-Jugend Einfluss haben wird auf die zukünftige Debatte um die Verfassungsfeindlichkeit der AfD. Schon jetzt scheint die Beweislage jedoch mehr als erdrückend zu sein.
Artikelbild: Andreas Arnold/dpa; Screenshot Datawrapper.
