Krampuslauf Fake-Video: Brauchen unsere “Patrioten” Nachhilfe in “Traditionen”?

| 14. Dezember 2019

5.870

Das große Krampuslauf-Fakevideo

Im Internet geht gerade folgendes Video um:

In Südtirol versuchten Asylanten den Krampus-Umzug zu stören. Da haben sie die Rechnung aber ohne die wehrhaften Einwohner gemacht. Traurig was die EU aus den Ländern macht

Gepostet von Mensch Sandy am Montag, 9. Dezember 2019

Es zeigt angeblich folgendes Szenario:

Asylsuchende stören scheinbar die Krampus-Tradition und bekommen dann mal so richtig zu spüren, dass sie “die Rechnung ohne die wehrhaften Einwohner gemacht” hätten (O-Ton Facebook-Post). Auch davon, dass “Merkels Gäste” jetzt mal so richtig lernen, was “unsere Kultur” bedeutet, ist in einschlägigen Gruppen die Rede. Natürlich ist das mal wieder Unsinn. Mimikama.at berichtete bereits.

Doch abgesehen davon, dass verwackelte Handyaufnahmen nur selten wirklich aussagekräftige Beweisstücke sind: Hier stimmen noch eine ganze Menge anderer Sachen nicht. Und die offenbaren, wie heuchlerisch die “Patrioten” sind – denn von Tradition und Bräuchen haben sie keine Ahnung.



Die Hintergründe

Nur am Rande erwähnen möchte ich, dass es unmenschlich ist, sich hämisch über körperliche Gewalt zu freuen (wenn das “unsere Kultur” ist, dann aber gute Nacht). Doch das ist nicht einmal der größte Fail. Denn: Der Krampuslauf ist ein Brauch im Ostalpenraum. Es gibt ihn zwar auch in einigen Regionen Bayerns, doch sein Kerngebiet liegt in Österreich und Südtirol. Der Video-Titel selbst gibt ja zu: Es spielt sich in Südtirol ab. Also nichts mit “Merkels Gästen”. Aber natürlich klingt es doof, sich über “Salvinis Gäste” auszulassen, denn der ist ja (aus Sicht viele “Patrioten”) auf “unserer” Seite. Weil er Flüchtlinge ertrinken lässt. Andere, traurige Geschichte.

Doch es kommt noch hetzerischer: Im Video ist kein einziger Asylbewerber zu sehen. Der Handlungsrahmen “Asylanten stören Krampuslauf und werden dafür verprügelt” ist komplett erfunden. Dazu muss man wissen: Beim Krampuslauf verkleiden sich traditionell einige als Krampus. Andere versuchen, diese zu stören und werden dann von ihnen “verprügelt”. Natürlich ist das alles vorher abgesprochen und folgt gewissen Regeln. Einer der Teilnehmer (der sogar im Video zu sehen ist) hat auf Facebook die rechte Häme von sich gewiesen:

Hallo ihr unwissenden Kritiker,es wird Zeit, dass ich mich zu Wort melde, denn ich bin der mit der blauen Jacke der am…

Gepostet von Maximoto Ploner am Sonntag, 8. Dezember 2019

Fazit

Keine Schutzsuchenden, keine “Gäste Merkels” und keine “Gefährdung der Kultur”. Das, was man in dem Video sieht, IST die Kultur bzw. der Brauch. Doch immerhin ein Schluss lässt sich aus der Reaktion doch ziehen:

Diese Leute sind keine “Patrioten”, die Wert auf Tradition legen. Brauchtum und Traditionen sind für sie ein politisches Werkzeug, mit dem sie ihr verkrampftes Weltbild aufrecht erhalten. Wenn sie sich wirklich für Traditionen interessieren würden, dann wüssten sie, dass die gezeigten Szenen keine “Vergeltung der Einheimischen” ist. Doch das ist ihnen egal.

Ein perfektes Beispiel für ein selektives Weltbild: Fakten werden so lange bearbeitet und zurechtgedreht, bis sie ins Schema passen. So kann man sich nahezu alle Sachverhalte der Welt in seinem Weltbild erklären. Doch dieses Weltbild beruht immer auf Zirkelschlüssen. Auch dieses Video ist so einer: Nur wenn man davon ausgeht, dass Angela Merkel massenhaft Flüchtlinge nach Europa holen möchte, kann man dieses Video auch als Beweis dafür sehen.

Es ist wichtig, dass wir diese Zirkel nicht zulassen. Teil diesen Artikel, wann immer ihr diese Video im Internet seht, sodass möglichst viele Leute die Chance haben, aus den festgefahrenen Weltbildern auszubrechen.

Artikelbild: Screenshot facebook.com

Hey, möchtest du mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von politischen Mythen und Fake News? Oder auch Kommentare zu politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann unterstütze unsere Arbeit mit einer kleinen Spende für einen Kaffee, dazu kannst du einfach hier entlangschauen. Oder besuche unseren Shop und unterstütze uns mit dem Kauf von T-Shirts, Tassen und Taschen, hier entlang. Vielleicht hast du auch Fragen oder Artikelwünsche? Dann schreib uns auf redaktion@volksverpetzer.de oder auf Facebook oder Twitter