Kaugummis gegen einen schwachen Kiefer, Testosteron mit 15, zertrümmerte Wangenknochen – und immer wieder blanker Rassismus. Wie Looksmaxxing als Selbstoptimierung verkleidet junge Männer zu einer rechtsextremen Ideologie indoktrinieren kann.
Ein unscheinbares Online-Forum. Hier tauschen sich junge Männer aus, um ihren Körper zu optimieren – zumindest glauben sie das. Ihre Sprache klingt wie ein Mix aus Nazi-Floskeln und Incel-Slang. „Black genes is a nerf“, schreibt einer. „Schwarze Gene" seien eine Abschwächung, im Gamer-Slang. Gemeint ist: Schwarze hätten genetisch schlechtere Karten als weiße Menschen. „Looksmaxxing“ kommt als vermeintlich rationale „Selbstoptimierung" daher, landet aber schnell in Rassismus und Frauenhass. Wie ein TikTok-Trend verunsicherte, junge Männer radikalisieren kann.
Was ist „Looksmaxxing“?
Der Begriff „Looksmaxxing“ beschreibt eine Subkultur, der junge Männer angehören, die ihr äußeres Erscheinungsbild perfektionieren wollen. Die Methoden dafür reichen von harmlosen Sachen, wie Sport oder Kaugummis, die den Kiefer trainieren sollen, bis hin zu radikaler Selbstmedikation oder riskanten Eingriffen. Das Ganze hat einen tieferen Sinn. Looksmaxxer ordnen sich selbst in eine imaginäre sexuelle Rangordnung ein. Die Prämisse: Erfolg – egal ob bei Frauen, im Job oder sonst irgendwo – ist einzig und allein an physische Attraktivität gekoppelt.

Um diese „bemessen“ zu können, hat sich die Looksmaxxing-Community eigene, pseudowissenschaftliche Maßstäbe ausgedacht. Einer von ihnen ist der sogenannte „Midface-Ratio“, also der Abstand von den Augenbrauen bis zur Unterseite der Nase. Auch die richtigen Augen und das richtige Kinn werden innerhalb der Community streng vorgegeben.

Jeder Blick in den Spiegel wird zur Bewertung, jeder Millimeter des Gesichts zu einem Datenpunkt. Das führt zu radikalen Maßnahmen. Viele der jungen Männer nehmen schon im Teenageralter Testosteron und andere Androgene zu sich. Auch „Fett-weg-Spritzen“ werden in der Szene gerne genutzt. Die Folgen können drastisch sein. Ähnliche Spritzen sollen in den USA bei Dutzenden Nutzer:innen bereits zu Magenlähmungen und Zahnausfall geführt haben.

Doch es geht auch noch radikaler: Einige der jungen Männer schwören auf sogenanntes „Bonesmashing“. Hierbei zertrümmert man sich gezielt die eigenen Wangenknochen, mit der Hoffnung, dass diese durch Mikrofrakturen markanter und breiter zusammenwachsen. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür zwar keine, trotzdem scheint das nur die wenigsten abzuschrecken. Gerade auf TikTok polarisiert die Methode bereits seit Jahren.
Der Rassismus in der Looksmaxxing-Szene
Innerhalb dieses Schönheitswahns spielen auch rassistische Stereotypen eine große Rolle. Ein Grund dafür ist die ideologische Heimat der Community. Forschende verorten diese schon seit Jahren in der sogenannten „Manosphere“, also einem Netzwerk verschiedener antifeministischer Subkulturen. Dazu zählen unter anderem auch sogenannte Incels, also heterosexuelle Männer, denen unfreiwillig eine sexuelle Beziehung zu Frauen fehlt, oder „Pick up Artists“, die gezielt Techniken einsetzen, um Frauen zu verführen und ihre Erfolgschancen beim Dating zu optimieren.
Eines haben alle Strömungen aber gemeinsam. Sie sind ein Türöffner für Rassismus. „Male-supremacy und antifeministische Inhalte überschnitten sich in den untersuchten Regionen mit anti‑immigrantischen und anti‑muslimischen Narrativen“, stellte das deutsche „Institute for Strategic Dialoge“ (ISD) in einer Studie zum Thema fest.
Die in der Looksmaxxing-Szene verbreitete Ranglogik verstärkt diese Dynamik zusätzlich. In einschlägigen Foren geht das Ganze teilweise sogar so weit, dass offen über NS-Rassentheorien diskutiert wird oder einzelne Ethnien pauschal als weniger intelligent beschrieben werden. Oftmals werden diese gar als „subhumans“, also „Untermenschen“, betitelt.

Damit wird klar: Hier wird radikale Essentialisierung betrieben. Vermeintliche Eigenschaften, die einzig und allein auf rassistischen Stereotypen basieren, werden von der Community als unveränderliche Merkmale bestimmter Gruppen oder Ethnien festgeschrieben. Der Fantasie einiger Looksmaxxer scheint dabei kaum Grenzen gesetzt zu sein.
„Wann werden `Shitskins´ endlich verstehen, dass Dreadlocks sie nicht retten, wenn ihre Nase so breit ist wie eine Kanone“, schreibt ein User beispielweise in einem einschlägigen Forum. In einer anderen Diskussion tauschen sich mehrere Menschen über ihre Ethnie aus. Der Rassenbegriff scheint es ihnen ganz schön angetan zu haben. „Warum vermischt man (zwei Rassen) überhaupt? Ist das nicht ekelhaft?“, empört sich eine Person.

Anknüpfungspunkte an die rechte Szene
Kaum eine These scheint durch die Community als grenzüberschreitend aufgefasst zu werden. Dadurch radikalisieren sich die Mitglieder in den Foren gegenseitig. Die Folgen können drastisch sein. Das zeigt der Fall des schwarzen Influencers Stephen Imeh. Als dieser versuchte, als erster BIPOC-Looksmaxxer in der Community Fuß zu fassen, folgten Beleidigungen. „Ich glaube, es hat nicht einmal eine Stunde gedauert, bis ich Kommentare bekam wie: Du bist ein Affe, du bist ein N-Wort mit hartem R“, erinnerte er sich im Gespräch mit dem US-Portal Wired im vergangenen September.
Das Phänomen hat es inzwischen schon längst auch in den europäischen Mainstream geschafft. Gerade in Osteuropa fügt sich die Subkultur der Looksmaxxer eng in das bestehende Anti-LGBTQ-Establishment ein. Das Credo ist ähnlich: Strenge Hierarchien sollen über den Platz in der Gesellschaft entscheiden. Für Minderheiten, Frauen oder queere Menschen gibt es dabei keinen Platz.
Dabei steht hinter dem Hass ein System. Sowohl in der Looksmaxxing-Szene, als auch im Rechtsextremismus dominiert ein streng hierarchisches Weltbild: Menschen werden nach vermeintlich objektiven Kriterien in „höherwertig“ und „minderwertig“ eingeteilt. Im einen Fall sind es Kieferlinien, Hautfarbe oder „Midface-Ratios“, im anderen „Rasse“, Kultur oder Herkunft – die Logik dahinter ist dieselbe.
Diese radikale Einteilung macht Diskriminierung nicht nur möglich, sondern scheinbar logisch und notwendig. Genau darin liegt die Anschlussfähigkeit. Looksmaxxing wirkt wie Selbstoptimierung, reproduziert aber Denkweisen, die seit jeher zum ideologischen Kern rechtsextremer Weltbilder gehören.
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