Mit diesen rhetorischen Mitteln hat Özdemir die AfD genial zerlegt

Wie Sprache unser Denken formt

image_print

Die AfD wollte im Bundestag zwei Texte des deutschen Journalisten Deniz Yücel öffentlich missbilligen lassen. Özdemir platzt der Kragen. Und was danach kommt, ist genial: Er dreht geschickt ihre Narrative auf den Kopf und deckt das auf, wofür sie wirklich steht. Wir erklären, wie er das gemacht hat und was wir daraus lernen können.

Cem Özdemir (Grüne) hielt 5 Minuten eine Rede von dem deutschen Bundestag, welche immer wieder durch tosenden Applaus unterbrochen wurde – und durch empörte Aufschreie der AfD. Denn diese Runde hat sie definitiv verloren. Wer sie noch nicht gesehen hat, sollte das noch definitiv nachholen:

Genau so besiegt man nämlich die AfD: Gegen-Framing

Das große Glanzstück, das Özdemir hingelegt hat, hat er mit Rhetorik geschafft und die AfD mit ihren eigenen Waffen geschlagen: Diese Tricks hat er verwendet, um die Weltsicht, die die AfD unserem Land schleichend unterjubeln will, völlig zu dekonstruieren.

Gleich zu Anfang benutzt er Framing: „So etwas kennen wir eigentlich sonst nur aus autoritären Ländern.[…] Bei uns in Deutschland gibt es keine oberste Zensurbehörde.“ Er hat den Versuch der AfD, die ganz normale Arbeit eines deutschen Journalisten zu einem No-Go zu erklären und wiederum kritischen Journalismus als etwas schlechtes zu framen als das bezeichnet was es ist: Der Versuch eines Eingriffs in die Pressefreiheit. Die Schlagworte „autoritäre Länder“ und „oberste Zensurbehörde“ lassen uns jetzt im Kontext von Diktaturen und Unrechtsregimen denken.




Und er legt direkt nach: Mit direktem Blick nach rechts, zur AfD sagt er: „Das gibt’s in den Ländern, die sie bewundern, Deutschland gehört da nicht dazu!“ Dieses negative Framen wird dann sofort mit der AfD verknüpft – berechtigt, schließlich war es ihr Vorschlag. Somit hat er die Narrative der AfD, dass es Journalismus gibt, den der Staat bewerten kann und der offiziell als schlecht erklärt wird, auf den Kopf gestellt: Es gibt Politik, die das Menschenrecht der Pressefreiheit angreift und die betreibt die AfD.

Er macht das mehrfach in seiner Rede: Auf laute Proteste der AfD sagte er ihr: „Sie können mir mein Mikrofon nicht abstellen, ich weiß, von dem Regime, von dem sie träumen, könnt mer mir’s abstellen […] und sie werden es nicht schaffen.“

„Die AKP, die hat ’nen Ableger in Deutschland. Sie heißt AfD, und sie sitzt hier.“

Die AfD gewinnt deshalb so an Stärke, weil sie eine Rhetorik und eine Narrative aufbaut, die ein Wir-gegen-die aufbaut. Das sind „Deutsche“ gegen „Ausländer“ oder „Asylbewerber“, oder manchmal auch „Patrioten“ und diejenigen, die dem Land etwas schlechtes wollen. Anstatt den Fehler zu machen, diese absolut fiktiven Gruppeneinteilungen zu übernehmen, um ihr zu widersprechen, zieht Özdemir einfach neue Grenzen: „Diese Pressefreiheit werden wir ihnen gegenüber genauso verteidigen, wie ihren Genossen gegenüber, die Deniz Yücel in der Türkei ein Jahr seines Lebens geklaut haben.“ und ein paar Sätze später bezeichnet er alle Parteien außer der AfD als den „demokratischen Teil dieses Hauses.“, der sich gegen die türkische Regierung auch für die Freiheit aller Journalisten einsetzt.

Die neuen Grenzen zieht er jetzt zwischen „Rassisten“, wie er die AfD betitelt und den „Demokraten“. Die AKP, die türkische Regierungspartei Erdogans und die AfD stellt er rhetorisch auf eine Ebene durch Begriffe wie „Genossen“ und der Aussage: „Sie sind aus demselben, faulen Holz geschnitzt, wie Erdogan, der Deniz Yücel ein Jahr seines Lebens verhaftet hat!“ und am Ende ganz deutlich: „Die AKP, die hat ’nen Ableger in Deutschland. Sie heißt AfD, und sie sitzt hier.“ Er hat die Eigengruppen und Fremdgruppen neu festgelegt.

Die neue Grenze verläuft jetzt zwischen demokratischen Parteien und undemokratischen Parteien, die Deutschlands Grundrechte abschaffen wollen und autoritäre Regime zum Vorbild haben. Die AfD spielt sich als Verteidiger gegen andere Länder auf, doch Özdemir hat genial aufgezeigt, dass diese mit autoritären Regimen Geschwister im Geiste sind und sich derselben Methoden bedienen: Die AfD kämpft nicht gegen Unrecht im Ausland, die AfD will das Unrecht aus dem Ausland kopieren. Der Rest ist Rassismus.

Und der Sargnagel: Die AfD hasst Deutschland

Nachdem er diese Gruppenzugehörigkeit festgelegt hat, ist die Kür seiner Rede, die Weltsicht der AfD völlig auf den Kopf zu stellen. Nicht nur hat er der AfD die Illusion genommen, die Bürger unseres Landes nach ihren Vorstellungen einzuteilen, danach zerstört er auch noch ihre Selbstdarstellung: „Sie wollen bestimmen wer Deutscher ist und wer nicht. […] Wie kann jemand, der Deutschland, unsere gemeinsame Heimat so sehr verachtet wie sie, drüber bestimmen wer Deutscher ist?“ und „Sie alle, die sie da sitzen von der AfD, wenn sie ehrlich sind, dann würden sie zugeben, dass sie dieses Land verachten.“

Er erklärt weiter, dass die AfD alles verachtet, „wofür dieses Land in der ganzen Welt geachtet wird und respektiert wird“: Die Erinnerungskultur, die Vielfalt des Landes, auch Menschen mit Vorfahren aus Russland oder Anatolien, die stolz darauf seien, Bürger dieses Landes zu sein. Er wirft außerdem der AfD vor, den Bundestag zu verachten, die Werte der Aufklärung, aus der die Idee der Menschenrechte entsprang und sogar die Deutsche Fußballnationalmannschaft, deren Spieler bereits öfter rassistisch von der AfD angegriffen wurden. Und damit hat er der AfD ihre stärkste Selbstdarstellung zerstört: Die Behauptung, sie seien die „wahren Patrioten“ und müssen Deutschland „retten“.

Er hat diese Behauptung auf den Kopf gestellt. Die AfD ist der Feind Deutschlands, der unsere Heimat „kaputt machen“ möchte, der Deutschland hasst und alles schöne zerstören will. Das ist genau das Gegenteil dessen, was die AfD von sich predigt. Und durch die aufgezeigten Parallelen zwischen autokratischen Regimen, durch die Erinnerungen an die Hetzen gegen die Deutsche Fußballnationalmannschaft, an die Angriffe auf Yücel oder auf Özdemir selbst, hat er das auch deutlich gezeigt. Die AfD als Vorreiter Deutschlands, der es vor bösen Asylbewerbern schützen will: Das ist die fiktive Narrative, die die Rechtspopulisten etablieren wollen, doch Özdemir hat diese Illusion als solche entlarvt.

Und genau so muss man der AfD entgegentreten

Wir müssen gewaltig aufpassen, wenn wir der AfD widersprechen: Wir dürfen nicht die Gruppeneinteilungen und Lügen der AfD wiederholen. Wenn die AfD sagt, „Ausländer“ sind die „Anderen“, die schlecht sind, dürfen wir nicht versuchen, die „Anderen“ als etwas positives darzustellen, denn damit werden wir scheitern und der AfD in die Hände spielen. Nein, wir müssen, wie es Özdemir gemacht hat, klarstellen: Die „Anderen“, das ist die AfD. Man muss der AfD ihre Deutungshoheit wegnehmen. Die Einteilung: Deutsche vs. Türken muss ersetzt werden durch: AKP und AfD gegen Demokraten beider Länder. Denn diese haben in ihren Methoden und Zielen viel mehr gemein, wie Özdemir zeigte.

Und darin liegt das große rhetorische Kunstwerk des Grünen-Politikers: Er hat die vorgebliche Heimatliebe der AfD als Heimathass demaskiert. Und so gewinnt man gegen die AfD. Seine Rhetorik wird keinen glühenden AfD-Anhänger überzeugen. Aber vielleicht diejenigen, die sich noch nicht sicher sind, wofür die AfD wirklich steht, zeigen, zu welcher ideologischen Gruppe sie wirklich gehört.

P.S.: Was es mit den betreffenden Texten Yücels auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen.

Artikelbild: phoenix, Bildzitat

Ihr wollt mehr Recherchen und Analysen zu den Hintergründen von Mythen und Fake News? Oder auch von politischen Forderungen und aktuellen Ereignissen? Dann schreibt uns auf redaktion@volksverpetzer eure Wünsche für Themen oder auf Facebook oder Twitter. Und vielleicht wollt ihr dabei auch unsere Arbeit unterstützen und uns helfen, unsere Unkosten für Server, Mikrofone und den ganzen Kaffee zu decken:

% S Kommentare
  1. Wenn diese mit Hochdruckdampf betriebene Form von Ideologie-Judo eine „Zerlegung“ der AfD sein soll, dann sind wir wirklich verloren. Der Versuch, das Publikum beim Fußballnationalismus abzuholen, sagt dazu alles. http://www.fr.de/kultur/antisemitismus-sommermaerchen-bereitete-der-afd-den-boden-a-1409276

  2. Marcel K. sagt

    Das mit dem Hochdruckdampf ist ein sehr schönes sprachliches Bild…

    Vielleicht sollte man mal mit dem Kärcher durch den Bundestag gehen – wenn man sieht was sich dort in den letzten vier Monaten für ein Straßenschmutz in der versifften rechten Ecke angesammelt hat 🙂

  3. Wer immer glaubt, Özdemirs Fußballnationalismus während seiner Bundestagsrede sei harmlos oder gar „eine Zerlegung der AfD“ gewesen, kann sich mal diesen Tweet des Auswärtigen Amts zum Ergebnis der deutschen Auswahl über die kanadische Mannschaft in Südkorea ansehen. „Wir haben euch gefi-ickt! Bussi! Es gibt heiße Schokolade!“ Mit jedem Sieg über ein Team der ehemaligen Alliierten gewinnt der deutsche Sport den Zweiten Weltkrieg. Die WM im Sommer wird super. Hell erleuchtet von brennenden Flüchtlingswohnheimen. https://twitter.com/GermanyDiplo/status/967079630854291456

  4. Thomas Laschyk sagt

    Was redest du da für einen Unsinn?

    „Wir haben euch gefi-ickt! Bussi! Es gibt heiße Schokolade!“ <- Das steht da nicht. Das ist eine willkürliche Interpretation. Und was hat das mit Flüchtlingsheimen zu tun?

  5. Tobias sagt

    Ich fand die Rede nicht besonders gut. Er ging auf das eigentliche Thema, nämlich die Texte des Deniz Yücel, gar nicht ein. Es nutzte die Gelegenheit nur für eine Wutrede, in der er auch noch alle Kollegen der AfD als Rassisten bezeichnet. Es war einfach nur eine allg. Abrechnung mit der AfD. Argumente sehen anders aus. Und es gibt auch keinen Angriff auf die Pressefreiheit. Die AfD hat am Anfang selber gesagt, Yücel soll schreiben was er will und er darf das auch, aber man muss auch die Texte öffentlich missbilligen dürfen. Das gehört auch zu einer Demokratie. Yücel kann ja in Zukunft trotzdem schreiben was er will. Wie damals, als die Bundeskanzlerin öffentlich gesagt hat, dass Buch von Sarrazin sei „nicht hilfreich“. Wo war da eigentlich der Aufschrei wegen angeblichem Eingriff in die Pressefreiheit?

  6. Thomas Laschyk sagt

    Der Unterschied liegt hier: Die AfD darf über die Texte urteilen wie sie will, aber DAS DEUTSCHE PARLAMENT hat sich da gefälligst rauszuhalten! Wenn der STAAT anfängt, Texte zu missbilligen, ist das der erste Schritt Richtung Zensur. Die AfD selbst kann urteilen wie sie will (und das macht sie ja auch). Und wenn Frau Merkel als Privatperson einen Text als „nicht hilfreich“ bezeichnet, ist das erstens noch nicht mal eine Missbilligung und zweitens auch ihr gutes Recht. Der Unterschied liegt in den Werturteilen der Personen und des deutschen Staates als Institution!

  7. Tobias sagt

    Na ja, man muss auch mal auf dem Teppich bleiben. Eine Missbilligung ist erstmal keine Zensur und auch kein Schritt dahin. In Wahrheit liegt noch nichtmal ein Eingriff in die Pressefreiheit vor, denn die Texte sollen weder gelöscht noch in Zukunft verboten werden noch wird die Arbeit des Herrn Yücel in Zukunft behindert. Dafür gibt es andere, rechtliche Mittel. Für seinen Text gegen Sarrazin ist er und die Taz ja auch verurteilt worden. Und wenn wir schon von ersten Schritten Richtung Zensur reden, dann sollten wir das NetzDG der Regierung nicht vergessen, wodurch aktuell auch satirische oder harmlose Texte einfach gelöscht werden oder Autoren gesperrt werden. Das ist etwas, wo wir Richtung Zensur gehen. Dagegen ist ein Antrag auf Missbilligung ein Witz. Im übrigen ist Frau Merkel als Privatperson nicht wahrnehmbar. Alles was sie sagt, wird und muss ihr als Bundeskanzlerin zugeordnet werden, erst recht wenn sie als Bundeskanzlerin ein Interview mit der FAZ gibt, wo dieser Satz in Bezug auf Sarrazins Buch gefallen ist. Ansonsten muss sie eindeutig sagen, „meine Meinung als Privatperson ist“….Natürlich war das keine offizielle Missbilligung.

  8. Wen tröstet man mit heißer Schokolade? Kinder. Herablassung pur. Und natürlich haben brennende Flüchtlingsheime nichts mit (Sport-)Nationalismus zu tun. Natürlich.

  9. Danielle sagt

    Wer sich die Rede von Jem Özdimir genau anhört, der weiss genau, worum es hier geht. Rs geht nämlich um die Meinungs- und Pressefreiheit für alle Bewohner der Bundesrepublik Deutschland und nicht um die einseitig erklärte Meinungs- und Pressefreiheit der Partei, die Jem Özdimir anspricht. Einige Kommentatoren dieses Beitrages haben anscheineinend das nicht so ganz verstanden und versuchen eine Partei in Schutz zu nehmen, die das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit ausschließlich für sich selbst in Anspruch nimmt. Ich schlage vor einen Zusatzartikel in das Grundgesetz aufzunehmen der folgendermaßen lautet:
    Gemäß der Fabel Farm der Tiere von George Orwell sind alle Parteien gleich. Es gibt aber eine Partei die mit dem ersten Buchstaben des Alphabetes anfängt und die gleicher ist als die anderen. Diese Partei hat ein besonderes Recht die Meinungs- und Pessefreiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Kritiken an diese Partei sind im Vorfeld mit dem Innen-, dem Außenministerium und dem jeweiligen Parteivorsitzenden abzustimmen. Wer dieses Recht mißachtet wird mit 10 Jahren Pflichtteilnahme auf den Parteitagen dieser Partei verurteilt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.