Patzelt: Medien fallen wieder auf rechtes Opfer-Framing herein

Analyse

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Hintergrund

Rechte Medien und Blogs schreiben es derzeit überall: Professor Patzelt muss wegen seiner „politischen Tätigkeit „gehen. Er werde „politisch abgestraft“. Aber auch seriöse Medien machen es nicht besser. So „trenne“ sich die TU Dresden von ihm (Hier), man würde ihm eine Seniorprofessur „verweigern“ (Quelle) oder er bekäme eine „Absage“ (Hier). Seine Beschwerden werden weit verbreitet. Auf Facebook argumentiert der Politprofessor, dass „Kritik […] anscheinend unerwünscht“ sei (Quelle). Viele Medien verbreiteten diese Darstellung, ohne die Reaktion der TU Dresden einzuholen.

Eine Beschwerde, dass Kritik unerwünscht sei? Wer sich da an Gerede von „Meinungsdiktatur“ und „Gesinnungsterror“ erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Professor Patzelt war in seiner Karriere umstritten. Nach seinem Buch „PEGIDA: Warnsignale aus Dresden“ wurde er als „Pegida-Versteher“ gesehen. Der auch als Wahlhelfer der sächsischen CDU tätige Patzelt ist seit 2015 auch mehrfach als Berater der rechtsextremen AfD aufgetreten (Quelle).

Auch wissenschaftlich ist er umstritten, so soll er bei seinen Pegida Studien auf nicht repräsentative Zahlen zurückgegriffen haben (Quelle), aber auch Fehldeutungen und Relativierungen rechter Gewalt betrieben haben. In seinem Namen ist eine Petition mit Goebbels-Zitat veröffentlicht worden (Quelle).



Was ist wirklich passiert? Gar nichts

Kein Wunder, dass sich Patzelt einerseits der bewährten Opferrolle der Rechtsextremen bedient, andererseits die rechten Medien auf den Zug aufspringen. Da sie einen weiteren Beleg für ihre unsinnige „linksgrüne Meinungsdiktatur“-These wittern. Doch daran, dass so viele Medien dieses Framing der „Trennung“ oder „Absage“ unkritisch übernehmen – oder weil es bessere Auflage bringt – zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Denn was ist wirklich passiert?

Eigentlich gar nichts. Wirklich. Patzelt geht im März 2019 erst einmal einfach planmäßig in den Ruhestand. Seit dem Wintersemester 2009/10 gibt es jedoch an der TU Dresden eine „Seniorprofessur“. Sie ist nicht vergütet, und nicht mit Ressourcen ausgestattet. Einige wenige (!) scheidende Professoren bekommen diese ausschließlich auf Empfehlung des Dekans und durch Zustimmung der jeweiligen Fakultät. Laut Wikipedia gibt es insgesamt nur drei Seniorprofessoren der TU Dresden (Quelle).

Der Dekan begründet seine Entscheidung üblicherweise damit, dass die betreffende Person  herausragende Bedeutung für die Forschung und Lehre erlangt oder andere Verdienste für die Universität erreicht hat. Also: Einige wenige Professoren kriegen an der TU Dresden quasi einen Ehrentitel, wenn der Dekan meint, dass er oder sie sich diesen verdient hat. Einen Anspruch gibt es explizit nicht. (In anderen Universitäten läuft das manchmal anders oder gibt es diesen Titel nicht). (Quelle)

Patzelt wollte sich selbst für eine Seniorprofessur „bewerben“

Prof. Patzelt scheidet also ganz gewöhnlich altersbedingt aus seiner Professur aus und der Dekan sah keinen besonderen Anlass, ihm eine Seniorprofessur zu verleihen. Das war es eigentlich auch schon. Doch Patzelt hatte sich selbstständig jedoch an die TU Dresden gewendet und um eine Seniorprofessur gebeten. Doch weder ist das ein üblicher Vorgang, noch wollte die TU diesem Antrag nachgehen und hat dies Patzelt dann eben mitgeteilt.

Er ist damit nicht von der Uni verbannt und immer noch ein Angehöriger, sie hat keine Verbindungen zu ihm gekappt oder sonstiges. Er kann selbstverständlich immer noch Lehrveranstaltungen anbieten, wenn er das möchte. Doch durch seine irreguläre Anfrage und seine anschließende Inszenierung einer öffentlichen Beschwerde über die Absage wirkt es so, als würde man ihm die Professur „verweigern“.

Die TU Dresden sieht seine Personen auch kritisch an, in einer Stellungnahme, zu welcher sie jetzt gezwungen wurde, schreibt sie, dass er mit seiner Arbeit Politik und Wissenschaft „derart vermischt habe, dass dem Ruf der TUD und der Fakultät dadurch geschadet wurde“ oder dass er der Uni nichtzutreffenderweise vorgeworfen habe, eine Bundesfinanzierung verhindert zu haben, neben anderem (Quelle).

Opferrolle & Medienversagen

Wie man sehen kann, wenn man sich die Fakten ansieht, ist eigentlich gar nichts passiert. Hier wird eine journalistische Story und ein politischer Skandal aus einer Banalität konstruiert. Nach Kantholz und Co. sieht man immer deutlicher, dass immer mehr Personen sich des rechtsextremen Opfer-Narrativs bedienen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Und es funktioniert

Dass immer mehr Medien auf der Suche nach Aufmerksamkeit oder aus Faulheit diese falschen Darstellungen übernehmen, darf so nicht weitergehen. Dabei verbreiten sie gleichzeitig paradoxerweise die Opferdarstellungen, während sie sie dadurch offensichtlich widerlegen. Anstatt es rechten Blogs gleich zu tun und das Framing zu übernehmen, hätte man auch die TU Dresden kontaktieren können. Aber dann hätte es wohl einfach nichts gegeben, worüber man hätte berichten können.

Artikelbild: Metropolico.org, CC-BY-SA-2.0

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