Rechenfehler-Fake der Verbrenner-Lobby zu E-Autos fordert aus Versehen Rückkehr zur Petroleumlampe

| Analyse | 8. Juli 2021

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Keine 171 Wissenschaftler:innen, nur 6. Und kein Rechenfehler

Na, habt ihr das auch gehört? Dass sich angeblich 171 Wissenschaftler:innen an die EU-Kommission gewandt und darauf im Namen der Organisation IASTEC darauf hingewiesen hätten, dass E-Autos nur aufgrund eines Rechenfehlers viel klimafreundlicher gerechnet worden seien? So vermeldeten es zumindest diverse Medienhäuser, von Focus über Bild, Welt, Stuttgarter Nachrichten und Tagesspiegel. Problem: An dieser Geschichte stimmt einfach mal gar nichts. Der Rechenfehler stimmt nicht, die Organisation gibt es nicht und die 171 Wissenschaftler:innen schrumpfen bei näherem Hinsehen zu 6 (In Worten: sechs) Wissenschaftler:innen – mit Interessenskonflikt.

Wie leicht man Fake-Schlagzeilen bekommen kann

Es ist ja immer mal wieder bewundernswert, wie leicht große Teile der deutschen Presselandschaft sich bei einer viele Clicks versprechenden Meldung ihrer journalistischen Grundsätze entledigen und alles raushauen, was das Empörungskeyboard so zu bieten hat. Hauptsache die Wow- und Wütend-Reaktionen auf Facebook ballern schön rein. In diesem Fall ist es aber besonders schlimm:

Die 171-Wissenschaftler:innen-Rechenfehler-Geschichte ist wie ein Kuhfladen, den man in eine dieser golden schimmernden Isolationsdecken für Unfallopfer eingewickelt hat. Sieht von außen ganz hübsch aus, aber sobald ihr an einer beliebigen Stelle leicht reinpiekst, wirds eklig.

Eine Meinung mit einigen Unterschriften ist noch keine Wissenschaft

Ganz grundsätzlich ein Tipp von mir: Wenn es in einem Artikel darum geht, dass offene Briefe aus der Wissenschaft damit überzeugen wollen, wie viele massiv schlaue Leute und Nobelpreisträger:innen hinter einer Forderung stehen, wäre ich immer vorsichtig. In der Wissenschaft gibt es nicht umsonst ein paar sehr bewährte Verfahren, die den verzerrenden Einfluss von prominenten Einzelmeinungen korrigieren sollen. Ganz vorne mit dabei: Peer-Review, also das Begutachten eingereichter Studien von unabhängigen Profis desselben Fachgebiets.

Wer stattdessen eine Meinung veröffentlicht und möglichst viele Unterschriften darunterschreibt, umgeht dieses Verfahren. Das muss natürlich nicht heißen, dass offene Briefe aus der Wissenschaft grundsätzlich illegitim seien. Sie können auch das berechtigte Anliegen verfolgen, bereits gemachte wissenschaftliche Entdeckungen zu mehr öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen – sofern diese Entdeckungen eben aus seriöser Forschung hervorgegangen sind.

Überraschung: Initiator unterschrieb auch Papier der „100 Lungenfachärzte“

Hier ist das nicht der Fall. Initiator der ganzen Geschichte ist Professor Thomas Koch, Leiter des Instituts für Kolbenmaschinen am KIT. Ja, richtig gelesen, der Mann, der gerade als Galionsfigur für seine scheinbar wissenschaftliche Kritik an E-Autos durch die Presse getragen wird, hat einen Zielkonflikt in den Ausmaßen eines Saturnmondes am Start. Das allein muss natürlich nicht heißen, dass seine Kritik nicht plausibel ist, aber wer der eigenen Leserschaft diese Information vorenthält, berichtet unvollständig.

Zudem ist das nicht die erste Unterschriftenliste, an der Professor Koch beteiligt ist. Als im Februar 2019 die große Debatte um Dieselfahrverbote tobte, machte ein gewisser Lungenfacharzt namens Dieter Köhler auf sich aufmerksam: In einem Positionspapier behauptete er, die Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung sei weitaus geringer als von WHO und Fachverbänden behauptet. Dieses Papier schickte er an 3.800 Kolleg:innen, von denen nur 112 es unterschrieben – eine nicht gerade beachtliche Quote von 3 Prozent.

Damit das ganze etwas besser aussieht, ließ Köhler sein Papier daher auch fachfremde Personen unterzeichnen, unter anderem von Professor Thomas Koch vom Institut für Kolbenmaschinen (Nummer 75 in der Liste). Obwohl das in der Rückschau alles andere als eindrucksvoll aussieht, tingelte Dr. Köhler mit seinen alternativen Fakten wochenlang durch die Republik, am 23.01.2019 titelte die BILD noch „Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub“. Im Februar 2019 entlarvte die taz jedoch eklatante Rechenfehler in seiner Argumentation – die Unterzeichnenden inkl. Prof. Koch hatten also entweder denselben Rechenfehler gemacht. Oder nicht genau hingesehen, was sie da eigentlich unterschrieben haben.

Keine Belege, keine Experten: 5 Fakten zu den 100 Lungenärzten gegen Schadstoffgrenzwerte

Damals selbst Rechenfehler gemacht… heute Rechenfehler erfunden

Das ist also nicht der erste offene Brief mit Professor Kochs Namen darunter, dessen zentrale Argumente bei näherem Hinsehen in sich zusammenfallen. Erstaunlich, dass er nach der Blamage mit Dr. Köhlers Rechenfehlern noch Gefallen an dieser Strategie hat, aber solange deutsche Medien hier allzu gerne mitspielen, auch ein stückweit verständlich.

Also was ist denn jetzt mit dem Brief, in dem angeblich „170 Wissenschaftler“ vor einem Rechenfehler warnen? Kurz: Den gibt es nicht. Es gibt ein Positionspapier einer sich selbst als „IASTEC“ bezeichnenden Organisation, das es trotz Verwendung hübscher Bilder inkl. Zusammenfassung auf nur acht Seiten bringt, in dem die heiß diskutierte Rechnung aber gar nicht vorkommt. Dieses Positionspapier erklärt, dass die EU in Zukunft auch synthetische Kraftstoffe für PKW berücksichtigen sollte und wie man diese technisch erzeugen kann.

„Rechenfehler“ kommt gar nicht vor im Papier

Unterzeichnet ist dieses Positionspapier von einer Menge Personen, die indirekt oder direkt an Verbrennungskraftmaschinen forschen, einen Preis für Unbefangenheit gewinnt das Papier also schon mal nicht. Natürlich können auch diese Fachrichtungen öffentlich ihre Interessen vertreten, aber aus rein wissenschaftlicher Sicht ist das Ganze dann einfach ziemlich unbedeutend, da hier nur längst Bekanntes zusammengefasst wird.

Eine Aussage über irgendeinen Rechenfehler machen diese 170 Menschen also gar nicht, auch wenn viele Printmedien inkl. der Zeit nach wie vor so etwas in ihren Artikeln stehen haben. Die Politik habe sich verrechnet, so „170 Wissenschaftler aus aller Welt“, schreibt sie. Folgt man jedoch dem Link hinter „Offener Brief von 170 Wissenschaftlern an die EU-Kommission“, gelangt man zwar ebenfalls auf die Internet-Domain der IASTEC, aber eben nicht zum besagten Dokument mit den mehr als 170 Überschriften, sondern zu einem offenen Brief. Dieser offene Brief enthält tatsächlich die umstrittene Rechnung, aber auch nur 6 (In Worten: Sechs) Unterschriften.

Passend dazu scheint die IASTEC gar keine existente Organisation zu sein

Auf der IASTEC-Wordpress-Seite findet sich unter dem Menüpunkt „Legals“ der Wortlaut:

„The international association IASTEC is currently in the process of founding.“

Als einziger Contact Partner ist angegeben: Prof. Thomas Koch. Unter „Publications“ finden sich Veröffentlichungen von ihm persönlich oder von Personen, die gar nicht in Verbindung zur IASTEC zu stehen scheinen, so z. B. diese Studie von Öivind Andersson und Pål Börjesson. Es sieht also so aus, als hätte diese Organisation keine Rechtsform, keine festgelegten Ziele und außer Professor Koch keine Mitglieder, die dort was zu sagen hätten.

Keine 170 Wissenschaftler, kein Rechenfehler

Zwischenfazit: Es gibt keine 170 Wissenschaftler:innen, die in einem Brandbrief einen Rechenfehler monieren. Es gibt 6 Personen mit wissenschaftlichem Background, die zusammen mit Prof. Koch einen Brief an die EU-Kommission unterzeichnet haben und eine Internetseite von Professor Koch, auf der diese Dokumente verlinkt sind. Anstatt dieser Seite hätte er aber auch einfach seinen persönlichen Dropbox-Ordner verlinken können, das wäre in Bezug auf seine IASTEC genau so intransparent.

Gut, und was ist jetzt mit dem vermeintlichen Rechenfehler? Die Idee dahinter ist folgende: Bei der Berechnung von CO2-Emissionen kalkulieren die meisten Studien mit den Durchschnittswerten, also dem deutschen Strommix. Eine Kilowattstunde deutscher Strom emittiert im Schnitt 366 Gramm CO2, wenn ein VW ID.3 also 17 Kilowattstunden / 100 Kilometer verbraucht, sind das demnach 62 Gramm CO2 / Kilometer.

Professor Kochs Argumentation geht nun so:

Für ein neues E-Auto darf ich nicht einfach den Strommix ansetzen, denn dieses Auto erhöht ja den Gesamtbedarf. Wind- und Sonnenkraftanlagen erzeugen in der Regel bereits Strom, sobald die Wetterlage es zulässt, lassen sich also nicht mehr weiter hochfahren, wenn noch mehr Strom benötigt wird. Kommt nun ein ganz neuer Verbraucher ans Netz, muss dafür irgendein Kohle- oder Gaskraftwerk seine Leistung entsprechend erhöhen.

Der Strom für diese Leistungserhöhung benutzt dann den sogenannten „marginalen Kraftwerksmix“ aus fossilen Brennstoffen, und der ist selbstverständlich klimaschädlicher als der gewöhnliche Strommix. Klingt ja erst mal ganz plausibel, was? Hat aber zwei gewaltige Haken:

  1. Dass der marginale Kraftwerksmix klimaschädlicher ist, hat nicht Professor Koch herausgefunden, es handelt sich hierbei um Standardwissen der Energiemarktforschung. Dementsprechend fließt es in Modellrechnungen und entsprechende Studien bereits seit Jahren ein. Prof. Koch hingegen behauptet, die bisherigen Studien hätten einen „Rechenfehler“, damit das ganze medial gut als eine Geschichte funktioniert, die es gar nicht ist.
  2. Die Idee, nur bestimmten Stromverbrauchern diesen Marginalmix zuzuweisen, abhängig davon, wann welcher ans Netz gegangen ist, entspricht eher höherer Stromnetzesoterik als einer robusten Berechnungsgrundlage. Wir wissen nämlich gar nicht, wann die Hunderttausenden E-Autos genau laden und welcher Verbraucher „zuerst“ im Netz war. Und selbst wenn wir das wüssten, wäre Kochs Argument Grundlage einer vollkommen grotesken Handlungsanweisung:

Stromnetzesoterik

Wäre der Zeitpunkt des Einschaltens eines Geräts wirklich eine sinnvolle Maßgabe, dann müssten wir, um das Klima zu schützen, einfach früh unsere Verbraucher anstellen. Wir saugen dann relativ grünen Strom aus dem Netz, während die Leute, die das später tun, die letzten Klimarüpel sind. Ihr könntet dann um 12 Uhr mittags, wenn die deutsche Fotovoltaik aktuell schon mal 25 Gigawatt ins Netz speist, eure Bitcoin-Serverfarm im Wohnzimmer hochfahren und lasst sie einfach eingeschaltet.

Ja, natürlich muss dafür dann gegen Abend ein Kohlekraftwerk hochgefahren werden, aber das ist doch nicht eure Schuld, das ist die Schuld der neuen Verbraucher im Netz. Am besten geht ihr in den dritten Stock, da wohnt diese Krankenpflegerin, die gerade von der 12-Stunden-Schicht nach Hause gekommen ist und die macht sich jetzt allen Ernstes in der Mikrowelle was zu essen. Hallo? Das zieht mal locker mit 600 Watt Kohlestrom aus dem Netz? Am besten klopft ihr mal bei ihr und sagt ihr, was ihr von ihrer abstoßend egoistischen Einstellung haltet.

Absurde Berechnungsgrundlage

Ja, ich weiß, klingt komplett absurd, aber das ist die Konsequenz von der Koch’schen Berechnungsgrundlage, in der Grünstrom so was wie der Pool im Cluburlaub ist, an den man morgens um halb sieben sein Handtuch auf einer der Liegen drapieren muss und dann eben den ganzen Tag dort herumrekeln kann.

Ein neuer Kühlschrank? No way, lasst mal lieber die Retrokiste vor sich hinknattern, die ihr in den 80ern auf dem Flohmarkt gekauft habt. Ach was, Effizienz, papperlapapp, wichtig ist, dass er immer schon da war! Ich behalte auch meinen Röhrenmonitor und heize das Wohnzimmer per Wärmestrahler, anstatt mit einer neuen Wärmepumpe, denn die käme ja neu dazu und ist böse.

Laut ihm müssten wir die angesetzten CO2-Emissionen immer dann verdoppeln, wenn es eine nicht-elektrische Ausweichtechnologie gibt, denn dann erzeugten unsere Geräte einen vermeidbaren Mehrverbrauch. Tja, vielleicht verengt so eine Arbeit am Institut für Kolbenmaschinen ja etwas den Horizont, aber ich benutze in der Regel durchaus eine ganze Menge Geräte, für die es eine „Ausweichtechnologie“ gäbe.

Nach der Logik müsste man immer umweltschädlichere Geräte nutzen?!

Wollte ich Kochs Sichtweise konsequent in meinen Alltag integrieren, müsste mein E-Herd einem Gasherd weichen, der Motor am E-Bike müsste durch einen Zweitakter ersetzt werden und anstatt der fiesen Marginalstrom-LED-Lampen müsste ich bei Ebay nach Petroleum-Funzeln suchen. Finde ich bei MyHammer eine findige Bastlerin, die mir meinen Mixer, den Milchaufschäumer und den Rasierer auf Dieselantrieb umrüsten kann?

Ja, das wäre in der Tat vollkommen beknackt. Verbrennungsaggregate verschwenden den Großteil der ihnen zugeführten Energie und wandeln sie in meist nutzlose Wärme um. Es würde weniger Diesel verbrauchen, wenn man ihn in einem effizienten Kraftwerk mit 45 % Wirkungsgrad verstromt und damit ein E-Auto antreibt als direkt damit zu fahren.

Innere Widersprüche: Auf die Alternative E-Fuels träfe doch genau das gleiche zu, nur schlimmer!

Professor Kochs Argument geht letzten Endes wenig überraschend in Richtung E-Fuels, also Kraftstoff, der mit Hilfe von Strom hergestellt wird. Blöd nur, dass das von ihm skizzierte „Problem“ mit dem Marginalstrom für E-Fuels ja noch viel schlimmere Auswirkungen hätte, brauche ich dafür ungefähr 6-mal so viel Strom pro Kilometer verglichen mit einem E-Auto.

In seinen Interviews verweist er wie viele andere Fossil-Lobbyisten auf die Möglichkeit, diese in sonnenreichen Staaten zu produzieren. Nun stecken aber auch fast alle anderen Staaten in ihrer eigenen Energiewende und versuchen, ihren Strommix klimaneutral zu gestalten. Würden wir jetzt eine riesige Elektrolyseanlage in Marokko bauen, wäre das ein gigantischer neuer Verbraucher. Der laut Prof. Koch nahezu reinen Öl- und Kohlestrom aus dem Netz zieht.

Fun Fact: Die Marginal-Berechnungsmethode kann man nicht nur auf Stromerzeugung anwenden, sondern auch auf Rohstoffe wie Erdöl. In Deutschland fahren 48 Millionen PKW herum, jedes Jahr kommen netto ein paar Hunderttausend hinzu. Neue Erdölverbraucher also. Von wo bezieht Deutschland das dafür fehlende Erdöl? Oh, 2020 sind die Ölimporte aus den USA um 76 % gestiegen, laut Prof Koch tanken neue Autos also reines Ölsand- und Fracking-Benzin, denn damit konnten die USA ihre Fördermenge erhöhen.

Absurde Sinnlos-Argumentation von Lobbyisten, Presse fällt darauf herein

Fazit: Das Ganze ist eine durchsichtige Aktion von Menschen mit wirtschaftlichem Interesse daran, in Deutschland das fossile Zeitalter weiter zu verlängern. Es gibt keinen Rechenfehler, sondern eine längst bekannte Berechnungsmethode, die von den Unterzeichnenden falsch angewendet wird. Prof. Dr. Christian Rehtanz vom Institut für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft an der TU Dortmund sagt dazu:

„Der Brief ist hochgradig peinlich. Es ist ein wissenschaftlich verbrämtes Lobbyistenschreiben, welches krampfhaft versucht, die Kolbenmaschinen zu retten.“

Fallt bitte nicht darauf rein.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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