Das Märchen vom sogenannten „Großen Austausch“ gehört zu den einflussreichsten Verschwörungsmythen der extremen Rechten. Sie behauptet, die „einheimische“ Bevölkerung werde gezielt durch Migration ersetzt – eine Behauptung, die wissenschaftlich nicht haltbar ist und deren Grundgedanken der Verfassung widersprechen. Aber eine, die sich dennoch immer stärker im Diskurs niederschlägt. Wir erklären, wie dieses Narrativ funktioniert, welche rhetorischen Tricks und Denkfehler dahinterstecken und warum es so anschlussfähig ist. Wer versteht, wie diese Erzählung aufgebaut ist, erkennt schneller ihre manipulativen Muster – und kann ihr in Diskussionen fundiert widersprechen.
Alte Rassenlehre in neuem Gewand
Statt konkrete Probleme wie Wohnungsnot und Kinderbetreuungsplätze zu beleuchten, treten manche Medienhäuser bei ihrer Berichterstattung über den demografischen Wandel eine rassistische Angstdebatte breit: So hat die Berliner Zeitung kürzlich in einem Artikel den rechtsextremen Verschwörungsmythos vom sogenannten „Großen Austausch“ verbreitet. Der Autor sorgt sich in dem nicht als Meinung gekennzeichneten Beitrag um die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland.

Dabei behauptet er, es gehe nicht um den besagten Mythos, und bezeichnet diesen als "Angstprojektion". Inhaltlich jedoch trägt der Text erkennbare Merkmale klassischer Verschwörungserzählungen. Zum Beispiel wirkt der Beitrag wissenschaftlich, weil Statistiken genannt und Zukunftsprognosen abgegeben werden, doch es fehlen konkrete Quellen. Der deutschen Bevölkerung wird eine „kollektiv“ gestresste Opferrolle zugeschrieben. Außerdem zeichnet der Autor ein Schreckensszenario zu Straßenprotesten und Ausschreitungen wie in Frankreich und übernimmt den rechtsextremen Begriff „biodeutsche Bevölkerung“.
Auf den ersten Blick merkt man dem Beitrag vielleicht gar nicht an, dass dahinter ein verschwörungsideologischer Kern steckt. Wer bereits die Überschrift als schlüssig empfindet, für den macht die anschließende Argumentation zur Bevölkerungsentwicklung durchaus Sinn. Doch schon die ganze Debatte um Migration als „Verlusterfahrungen“ zu verkaufen, ist der Denkfehler. Die Wissenschaft ist sich einig: Migration und auch Fluchtbewegungen gehören zum Menschsein dazu und das ist nicht erst ein Phänomen der letzten Jahre. Ganz egal, wie wir aussehen oder woher wir kommen – alle Menschen haben irgendwie Migrationserfahrung. Es ist also falsch und wissenschaftlich nicht haltbar, zu behaupten, es gäbe eine Unterscheidung zwischen einer „biodeutschen“ Bevölkerung und einer „mit Migrationshintergrund“.
Kein Randgruppen-Phänomen mehr
Das tückische an Verschwörungsmythen wie diesen? Wer sie absichtlich verbreitet, spielt ganz bewusst mit rhetorischen Manipulationstricks wie der sogenannten Rosinenpickerei. Hier werden einzelne Geburten- oder Migrationszahlen aus wissenschaftlichen Studien gezielt so ausgewählt, dass sie beispielsweise die Behauptungen einer bedrohten „biodeutschen Bevölkerung“ stützen. Logische Fehlschlüsse zählen auch zu beliebten Täuschungsmanövern. Dabei passen Schlussfolgerungen zu etwa Geburtenraten nicht wirklich zu den Angaben, auf die sie sich berufen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Prognosen ohnehin keine Garantien und die Ursachen für Geburtenrückgänge sind komplex.
Die Erzählung vom „Großen Austausch“ ist längst kein Randgruppen-Phänomen mehr, sondern zunehmend sichtbar im öffentlichen Diskurs. Das legen scheinbar journalistische Beiträge in etablierten, aber umstrittenen Medienhäusern wie der Berliner Zeitung nahe. Klassische internationale Beispiele aus der Politik bilden etwa die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni oder der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán.
Auch die AfD nutzt dieses Narrativ
In Deutschland fällt vor allem auf, dass Politiker:innen der AfD und die Partei selbst regelmäßig Begriffe benutzen, die genau in dieses Sprachbild passen. Eine Reihe von Beispielen listet das Bundesamt für Verfassungsschutz in einem Gutachten auf, das aktuell Grundlage für ein AfD-Parteiverbotsverfahren ist. Das Gutachten umfasst mehr als 1000 Seiten. Die Autor:innen tragen etwa Äußerungen von AfD-Abgeordneten, programmatische Schriften und Beiträge auf Social Media zusammen, die über mehrere Jahre hinweg geprüft wurden. Wie tagesschau.de berichtet, wurde das Gutachten eigentlich als geheim eingestuft.
Umstrittene Medien wie Cicero oder Nius haben das Dokument allerdings in Teilen veröffentlicht – mit dem Hinweis, dass Transparenz und öffentliche Debatten wichtig sind. Das Gutachten widmet dem „Großen Austausch“ ein eigenes Kapitel, inhaltlich zieht sich die Idee jedoch durch nahezu das gesamte Dokument, analysiert belltower.news. Demnach wird die Erzählung über alle Parteihierarchien hinweg verbreitet und es fällt auf, dass Neuschöpfungen des Begriffs zugenommen haben. Aktuell lässt das Bundesinnenministerium das Gutachten fachlich prüfen.
Dass insbesondere der von der AfD verwendete Ausdruck „Remigration“ in den allgemeinen Sprachgebrauch vorgedrungen ist, macht die Wahl zum Unwort des Jahres 2023 deutlich. Auch die kürzlich kontroverse „Stadtbild“-Aussage vom deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz greift Motive vom „Großen Austausch“ auf. Und ein Blick auf eine wissenschaftliche Untersuchung, die Originaldaten aus einer Umfrage in 10 EU-Ländern aus dem Jahr 2022 verwendet, gibt dem weiter Futter: 41 Prozent der etwa 20.400 Befragten stimmen der Aussage eher oder voll und ganz zu, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die „versucht, die einheimische Bevölkerung durch Einwanderer zu ersetzen“. Warum also verfängt dieser Mythos vom „Großen Austausch“ bei so vielen Menschen?
„Von Anfang an auf Anschlussfähigkeit ausgelegt“
Nadja Kutscher forschte für ihre Dissertation zur extremen Rechten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ging dieser Frage in ihrem Buch unter dem Titel „Das Narrativ vom ‚Großen Austausch‘“ ausführlich nach. Ihren Einschätzungen nach ist dieser Verschwörungsmythos so erfolgreich, weil er wie ein Puzzlestück gut mit anderen Themen zusammengesetzt werden kann. „Der ‚Große Austausch‘ war von Anfang an auf Anschlussfähigkeit ausgelegt und dieser Aufbau ist kein Zufall. Man hat gezielt Migration und Geburten als Themen dieser Erzählung genutzt, wie sie in breiteren Diskursen zu finden sind und nicht nur bei den Extremrechten.“
Kutscher sagt auch, sie würde die Erzählung keinesfalls als eine Form legitimer Migrationskritik einordnen – davon sei man weit entfernt.
„Ich finde es wichtig, dass wir diesem Narrativ den Anschein davon rauben, weil es sich nun mal um eine Erzählung handelt, die ein ganz bestimmtes Ziel hat, auch ein politisches. Es geht immer nur um eine komplette Ablehnung von emanzipatorischen Errungenschaften und von Menschen in diesem Land, die rassifiziert werden.“
Die Erzählung ist also bewusst so formuliert, damit sie glaubwürdig wirkt. Am Ende geht es darum, Fortschritte bei Gleichberechtigung herunterzuspielen beziehungsweise zu schmälern, und Gründe zu finden – wie Hautfarbe, Name oder Herkunft –, um Menschen in Schubladen zu stecken und sie abzuwerten.
Gezeichnetes Gefahrenbild ist alles andere als neu
Der Kern der Behauptung dreht sich um den rassistischen Appell, als Gruppe zu überleben, weil westlich geprägte Gesellschaften wie in Europa oder den USA als bedroht gesehen werden. Dieses Narrativ ist nicht neu und wir sehen das gerade ziemlich deutlich an der Identitätspolitik von US-Präsident Donald Trump und an der von Russlands Präsident Wladimir Putin. Beide sind mit ihrem "Kulturkampf" erfolgreich und spalten die Bevölkerung. Nach der Erzählung vom "Großen Austausch" muss die eigene Gruppe entschieden vor drei Feind:innen geschützt werden:
• vor mächtigen Eliten, die einen angeblich demografischen Austausch steuern beziehungsweise eine Mitverantwortung für demografische Entwicklungen zugeschrieben bekommen
• vor untätigen Mitbürger:innen
• vor zugewanderten oder "einheimischen" Muslim:innen (insbesondere im europäischen Kontext)
Das gezeichnete Gefahrenbild ist alles andere als neu
Untergangsszenarien für die Nation hatten beispielsweise bereits um den Ersten Weltkrieg Konjunktur. So warnte etwa der Bevölkerungstatistiker Friedrich Burgdörfer in seinen Schriften vor der „Volksvergreisung“ und dem "Volkstod" des deutschen "Volkskörpers", was später in Teilen von der NS-Ideologie übernommen wurde. Oswald Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von 1918 spielt hier ebenso in die Karten. International ist das 1916 erschienene Werk "Der Untergang der großen Rasse" vom US-Amerikaner Madison Grant wegweisend.
Mittlerweile wird die Erzählung vom „Großen Austausch“ vor allem mit dem französischen Schriftsteller Renaud Camus verknüpft. 2011 erschien sein Buch „Le Grand Remplacement“. Darin legt er unter anderem die typischen uns geläufigen Feindbilder von angeblich gebärfreudigen und gewalttätigen Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten fest. Das machte ihn zum prägenden Ideengeber der Neuen Rechten, die sich auch ganz konkret auf ihn berufen, wie in Kutschers Buch nachzulesen ist.
Gerade Social Media und Messenger-Gruppen helfen, rechtsextreme Ideen und Verschwörungsglauben zu verbreiten, um eigene Anhänger:innen (oder die, die es werden sollen) zu radikalisieren. Welche Folgen das haben kann, sieht man an rechtsextremen Terroranschlägen wie beispielsweise im norwegischen Utøya 2011, in Halle 2019 und im US-amerikanischen Buffalo 2022. Denn die Attentäter bezogen sich in ihren Bekennerschreiben auf die Ideologie, die hinter dem „Großen Austausch“ steckt. Nicht zuletzt macht das deutlich, wie wichtig es ist, die Merkmale dieses weltweit populären Mythos zu erkennen. Wie für Verschwörungserzählungen typisch, wirkt er oft glaubwürdig und greift Ängste und Unsicherheiten auf, die viele Menschen sowieso haben.
Tipps zum Enttarnen verdächtiger Inhalte
Um Videos, Memes & Co. mit verschwörungsgläubigen Weltbildern vom „Großen Austausch“ aufzudecken, empfiehlt es sich, analytisch vorzugehen. Achte auf den Aufbau von Argumenten, Wortwahl und Gestaltung. Die wichtigsten Hinweise auf einen Blick:
• Aussagen, die Migration und Gleichberechtigung grundsätzlich infrage stellen – und auch Integration und Deutsche nach Herkunft unterscheiden ("Biodeutsche" vs. "Die Anderen")
• Bezüge zu Autoren wie Renaud Camus und Alain de Benoist
• Rechtsextreme Schlagwörter wie „Remigration“, „Große Transformation“, „Bevölkerungsaustausch“, „Umsiedlung“, „Ersetzungsmigration“ und „Volkstod“.
• Starke Emotionalisierung und Bedrohungsrhetorik, etwa „Wir werden ausgelöscht“ oder „Europa stirbt“, sollen Angst erzeugen und kritisches Prüfen verhindern.
• Zuweisungen an Hauptschuldige wie „Wirtschafts- und Geldeliten“, „gesteuertes System“, „UNO“ und teils antisemitisch wie „jüdische Eliten“, „Finanzkapital“, „Rothschild“ und „FED“ und George Soros als konkretes Feindbild.
• Rassistische Darstellung von Migrant:innen als angeblich faule, ausschweifende, wenig intelligente Wilde (Motiv des unzivilisierten Anderen und der Dummheit), zügellos sexuell und sexuell gewalttätig (Sex-Motiv).
• Orientierung an traditionellem Familienbild und Darstellung von Frauen als zugleich Opfer sexualisierter Übergriffe und Mitschuldige am „Volkssterben“.
• diffuser Verweis auf Statistiken zum demographischen Wandel oder Kriminalitätsstatistiken, ohne Quellen zu nennen
• Einsatz von Statistiken, die nicht den klassischen wissenschaftlichen Gütekriterien entsprechen, etwa Zuverlässigkeit von Messergebnissen
• Rhetorische Manipulationstricks wie logische Fehlschlüsse oder "Rosinenpickerei" ("Cherrypicking")
Fazit
Der Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“ zählt zu den wohl bekanntesten und diente bereits in mehreren weltweiten Fällen als Begründung für tödliche Terrorangriffe. Es wird ein Untergangsszenario beschrieben, wie man es aus apokalyptischen Filmen kennt. Dabei wird behauptet, dass die „einheimische, weiße“ Bevölkerung gezielt durch Zuwander:innen ersetzt werde. Das knüpft an gängige gesellschaftliche Ängste und Debatten zu demografischen Entwicklungen an und liefert vermeintlich einfache Erklärungen für komplizierte Probleme.
Um die Erzählung attraktiv zu machen, werden typische rhetorische Strategien wie Emotionalisierung, Rosinenpickerei und pseudowissenschaftliche Geburtenraten und Kriminalitätsstatistiken herangezogen. Versatzstücke dieser Erzählung – allen voran der Begriff „Remigration“ – sind in den alltäglichen Sprachgebrauch eingezogen. Das zeigt, wie erfolgreich die Neue Rechte inner- und außerhalb Deutschlands ist, ihre rassistischen und nationalistischen Ideologien zu normalisieren. Und das ist nur ein Grund, die Tricks hinter solchen Erzählungen zu erkennen und gleichzeitig Mut zu haben, offen und fair über Migration zu diskutieren.
Artikelbild: dpa / picture alliance / Lise Aserud (Breivik); Kay Nietfeld/dpa (Weidel)
