Faktencheck: Alle Fakten Pro und Kontra Tempolimit – Klima, Unfälle, Zustimmung

| Analyse | 7. September 2021

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Tempolimit auf deutschen Autobahnen: Bremsen gegen die Klimakrise?

Der Hashtag Tempolimit trendet regelmäßig in den deutschen Twittertrends. Zuletzt vor einigen Tagen. Viel und vor allem kontrovers diskutiert wird das Thema schon seit Jahren – bereits lange vor Twitter oder anderen Sozialen Netzwerken. Denn schon 1973 wurde während der Ölkrise unter Willy Brandt ein Limit auf deutschen Autobahnen eingeführt, um Treibstoff einzusparen. Nur ein Jahr später wurden diese Maßnahmen von der neuen Regierung aufgehoben. Seitdem gilt auf vielen Abschnitten der Autobahn: Tempo 130 als Richtwert. Gefahren werden darf aber beliebig schnell. Dies trifft auf 70 Prozent der derzeitigen Gesamtstrecke zu (Quelle). Doch welche Auswirkungen hat das grenzenlose Rasen?

Reduziert Tempolimit Verkehrstote? Schwer zu sagen

Eines der wohl bekanntesten Argumente für ein Tempolimit dreht sich um die Sicherheit. Doch während Befürworter:innen sich häufig auf diese stützen, zeigt ein Blick in die Nachbarländer, dass ein Tempolimit auf Autobahnen nicht immer den Anteil der tödlichen Unfälle reduziert. Während in Deutschland rund 12 Prozent 2016 aller Verkehrstoten auf Autobahnen starben, waren es in Slowenien beispielsweise 18 und Spanien 18 Prozent – beides Länder mit Tempolimit. Den geringsten Anteil gab es mit drei Prozent in Finnland, zwei Prozent in Polen und einem Prozent in Rumänien (Quelle). Diese Zahlen hängen jedoch auch mit weiteren Faktoren –etwa der Fahrzeuge und Infrastruktur – zusammen, sodass sie einen geringen Aussagewert haben.

Laut dem Statistischen Bundesamt haben sich 2019 in Deutschland 6,7 Prozent aller Unfälle sowie 11,7 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Autobahnen zugetragen (Quelle). Von den tödlichen Unfällen ereigneten sich 71 Prozent auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit. Auch hier gilt es jedoch, die Zahlen in den Kontext zu setzen. Denn: Dies trifft auf rund 70 Prozent aller Autobahnstrecken in Deutschland zu. Ob sich die Autobahnunfälle durch ein Tempolimit verändert hätten, kann jedoch so nicht festgestellt werden.

Befürworter:innen beziehen sich auf Ergebnisse einer Studie aus Brandenburg (Quelle). Eine 62 Kilometer lange Autobahnstrecke war hier besonders häufig von Unfällen betroffen. Daher wurde die Strecke Anfang 2003 mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung markiert. Das Ergebnis: Die Zahlen sanken umgehend. In den folgenden drei Jahren reduzierte sich die Zahl der Verunglückten um 57 Prozent (Quelle). Allgemein gilt jedoch: Auch wenn sich eine Korrelation zwischen Tempolimit und niedrigeren Unfallzahlen teilweise feststellen lässt, kann nicht von einer Kausalität gesprochen werden (Quelle). Hierfür sind weitere Untersuchungen und Studien nötig. Fest steht jedoch, dass der Reaktions- und Bremsweg bei höheren Geschwindigkeiten deutlich länger ist, was sich auf die Härte des Aufpralls auswirkt.

Ist es gut für’s Klima? Ja

Befürworter:innen des Tempolimits argumentieren mit einen Beitrag für den Klimaschutz. Sie erhoffen sich eine Reduktion von Emissionen, sobald das Gaspedal nicht mehr durchgedrückt werden darf. Auch wenn besonders oft gegen dieses Argument angegangen wird, ist die Faktenlage reicht eindeutig. So zeigt eine Studie des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2020, dass der Treibhausgas-Ausstoß durch Tempo 130 jährlich um rund 2,2 Millionen Tonnen sinken würde (Quelle).

Bettet man diese Zahl in den Kontext ein, heißt das: 4,9 Prozent aller durch Fahrzeuge auf den Autobahn erzeugten Emissionen würden eingespart werden. Diese Zahl ist abhängig von der Geschwindigkeit. Bei Tempo 120 steigen die eingesparten Treibhausgase laut der Studie auf 2,6 Millionen Tonnen, bei Tempo 100 sogar auf 5,4 Millionen Tonnen (Quelle).

Es scheint daher fast verwunderlich, dass noch immer ein so großer Diskurs um das Thema Klimaschutz und Tempolimit herrscht. Verständlicher wird dies, wenn man die oben genannte Zahl in ein anderes Verhältnis setzt. So verteilen Gegner:innen eines Tempolimits die Einsparungen auf die gesamten Emissionen aller Verkehrsmittel im Land.

Werden nämlich Bahn, Flugzeuge und öffentlicher Nahverkehr mit einbezogen, reduzieren sich die Ausstöße auf rund 1,4 Prozent (Quelle). Das entspricht noch immer dem Effekt von vergleichsweise 17 Prozent mehr Rad- und Fußverkehr – oder einer Reduzierung um sechs Prozent des Autoverkehrs in Städten (Quelle). Auch wenn sich die bevorstehende Klimakrise selbstverständlich nicht alleine durch ein Tempolimit aufhalten lassen wird, zeigt sich deutlich, dass ein Limit einen positiven Effekt auf das Klima hat.

Kommt man ohne Tempolimit schneller ans Ziel? Schwer zu sagen

Schnell von A nach B kommen. Darum geht es den meisten Autofahrer:innen auf Autobahnen. Die Vorstellung, durch ein vorgegebenes Tempolimit Zeit zu verlieren, ist für viele ein Grund dagegen. Schaut man erneut auf die bereits genannte Studie aus Brandenburg, zeigen die Ergebnisse zwar, dass bei geringerer Geschwindigkeit für dieselbe Strecke mehr Zeit eingeplant werden muss (Quelle). Gegner:innen eines generellen Tempolimits fordern flexible Regelungen, um Strecken je nach Bedarf zu kontrollieren – etwa mit situations- und wetterabhängigen Verkehrsschildern, die sich digital steuern lassen (Quelle).

Laut Ulrich Schmidt, Forscher am Kieler Instituts für Weltwirtschaft, könnte das unmittelbare Folgen für die Wirtschaft haben. Seiner Berechnung zufolge hätte ein Tempolimit volkswirtschaftliche Folgen, die vor allem auf die Zeitverluste zurückzuführen sind. Laut seiner Studie wären das – selbst unter Berücksichtigung der eingesparten Treibstoffe – jährliche Verluste von 1,3 Milliarden Euro bei Tempo 130 und 7,3 Milliarden Euro bei Tempo 100 (Quelle).

Doch auch hier herrscht keine Einigkeit – und Schmidts Berechnungen wurden vielfach kritisiert (Quelle). So schreibt der Verkehrsclub Deutschland: „Niedrigere Geschwindigkeiten verringern nicht nur die Anzahl der Unfälle, sondern auch die Schwere. Nicht berücksichtigt wurde auch ein weiterer positiver Effekt (…): Die Geschwindigkeitsunterschiede (…) nehmen ab, die Kapazität nimmt zu und der Verkehr fließt gleichmäßiger“ (Quelle).

Auch die Studie aus Brandenburg zeigt, dass ein allgemeines Tempolimit für ein flüssigeres und gleichmäßigeres Fahren sorgen könnte. Zudem kann angenommen werden, dass durch weniger Unfälle auch Zeit durch ausbleibende Staus gespart werden könnte (Quelle).

Ist die Mehrheit dafür? Ja, die Bevölkerung befürwortet es

Das Thema Tempolimit sorgt nicht nur in den sozialen Netzwerken für Gesprächsstoff. Auch die Parteien behandeln das Thema in ihren Wahlprogrammen. So sind Grüne, SPD und Linkspartei für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. FDP, CDU/CSU und AfD lehnen ein solches hingegen ab (Quelle).

Während unter den Parteien die Meinungen zum Tempolimit also stark auseinandergehen, scheint sich die Bevölkerung eher einig zu sein. So waren laut Umweltbundesamt Ende 2020 42 Prozent der Befragten eindeutig für ein Tempolimit auf Autobahnen, 22 Prozent stimmten mit „eher ja“ ab. Gegen ein Limit waren nur 21 Prozent der Befragten und 15 Prozent antworteten mit „eher nein“ (Quelle). Interessant ist an dieser Stelle auch, dass sich auch 50 Prozent aller ADAC-Mitglieder für ein Tempolimit aussprechen (Quelle).

In den sozialen Netzwerken sind die Fronten beim Tempolimit-Thema oft verhärtet. Bei vielen inhaltlichen Punkten ist es jedoch nicht leicht, ein abschließendes Fazit zu schließen. Fest steht jedoch, dass die positiven Effekte – sowohl auf das Klima als auch auf die Sicherheit – deutlich überwiegen. Und auch, wenn ein Tempolimit nicht das Klima oder gar die Welt retten wird, scheinen einige Minuten mehr im Auto bei all den Vorteilen doch ein guter Kompromiss.

Artikelbild: Thomas Stockhausen

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