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Wie extrem der Ukraine-Krieg Russland schadet – und seiner Bevölkerung

von | Nov 18, 2022 | Analyse

Vor knapp neun Monaten startete Russland seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine. Seither haben allein in Deutschland über eine Millionen Ukrainer:innen Schutz gesucht, laut Schätzungen der USA sind rund 100.000 im Kampf gegen die russische Armee gestorben. Etliche Kriegsverbrechen reihen sich hinter den Namen Putins und seiner Soldat:innen, die ukrainische Zivilbevölkerung blieb zu keinem Zeitpunkt verschont.

Doch auch der Bevölkerung in seinem eigenen Land tut der russische Präsident keinen Gefallen. Die Schädigung der russischen Wirtschaft ist hinreichend bekannt. Bereits im zweiten Quartal von 2022 verzeichnete sie einen Abfall von 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Blick ins Landesinnere verrät: Die Sanktionen gegen Russland zeigen seit Monaten Wirkung. Volksverpetzer berichtete schon im August:

Besonders fatal sind für das östliche Land jedoch die Bevölkerungsverluste – sie verschärfen eine existierende Krise und erschweren Putins militärische Pläne. Hier das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Die russische Bevölkerung schrumpft dramatisch

Bereits wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verließen die ersten Russ:innen ihr Heimatland. Schätzungen zufolge hatten bis Mitte März 2022, also keine vier Wochen nach Kriegsbeginn, bereits 200.000 Menschen Russland fluchtartig verlassen – aus Angst vor Konsequenzen einer freien Meinungsäußerung, weil sie den Angriffskrieg nicht unterstützen wollten oder um ihre westlichen Jobs fürchteten. Laut der Statistikagentur Rosstat war die Zahl Ende Juni 2022 schon auf 419.000 Menschen angestiegen.

Als Putin dann am 21. September 2022 eine Teilmobilisierung ankündigte, verlieh er der Abwanderung neuen Auftrieb. Binnen zwei Wochen flohen 370.000 weitere Menschen – insbesondere junge Männer. Nachdem Russland die Zahl zunächst bestritt, verkündete Forbes Russia am 4. Oktober dass die Teilmobilisierung mittlerweile 700.000 Einwohner:innen gekostet habe. Russland dürfte also seit Beginn des Angriffskriegs mehr als eine Millionen seiner vormals ansässigen Bürger:innen an Nachbarländer verloren haben. Hinzu kommen um die 100.000 Toten.

Echos der Geschichte treffen auf Ukraine-Krieg und Pandemie

Diese fluchtartige Abwanderung folgt auf ein bereits existierendes Bevölkerungstief des Vorjahres. Russlands Bevölkerung sank bereits 2021 um 997.000 Menschen. Russische Behörden machen insbesondere die pandemischen Todesfälle für den Schwund verantwortlich, darüber hinaus war auch die Geburtenrate so niedrig wie seit 2002 nicht mehr. Nicht erst seit Covid-19 und dem Angriffskrieg auf die Ukraine kämpft Russland mit niedrigen Bevölkerungszahlen. Tatsächlich attestieren Expert:innen dem Land schon seit Jahrzehnten eine demografische Krise.

Zum einen sind die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs in der russischen Bevölkerungsentwicklung noch immer spürbar, der Zerfall der Sowjetunion hat sein Übriges beigetragen. Die Sowjetunion verlor während des Zweiten Weltkriegs über 26 Millionen Menschen, insbesondere Männer im wehrpflichtigen Alter. Aus den hohen Todesraten resultierte eine deutliche Kluft zwischen der männlichen und weiblichen Bevölkerung der von 1889 bis 1928 Geborenen. Diese Verschiebung war in Russland besonders stark verzeichnet.

Russland Bevölkerungspyramide
Quelle

Und sie macht sich noch heute bemerkbar. Ein Blick auf eine russische Bevölkerungspyramide erinnert beinahe an einen Tannenbaum – einen sehr asymmetrischen, der besonders zwischen 1915 und 1945 große Ungleichheiten der Anzahl zwischen Männern und Frauen aufzeigt. Zudem fällt auf: Erstmals etwa 1945 und dann alle zwanzig bis 25 Jahre sinkt die Bevölkerungszahl stark ab. Das liegt daran, dass das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen um 1945 zu geringeren Geburten führt. Die geburtenschwachen Jahrgänge machen sich wiederum etwa zwanzig bis 25 Jahre später erneut bemerkbar, wenn sie selbst in einem realistischen Alter für Familienplanung sind.

In den 1990ern traf ein solches Echo des Zweiten Weltkrieges zeitlich auf den Zerfall der Sowjetunion, die für Russland zunächst eine verkürzte Lebenserwartung, weiterhin fallende Geburten- und steigende Abtreibungsraten mit sich brachten. Russland litt unter weit verbreitetem Stress, Massenarbeitslosigkeit, Alkoholismus, Suizid und einem versagenden Gesundheitssystems. Um 1995 sank die Geburtenrate als Echo des Zweiten Weltkriegs und aufgrund der gegenwärtigen Krisen also erneut ab. Zwanzig bis 25 Jahre später trifft das Echo nun verschärfend auf Covid-19-Todesfälle und Abwanderung infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

Wie ein Boomerang: Der Ukraine-Krieg zerstört auf lange Sicht auch Russland

Die russische Bevölkerungskrise könnte die wirtschaftlichen Probleme des Landes letztlich weiter vergrößern. BBC NEWS sprach bereits im März 2022 von einem drohenden Brain Drain, weil so viele gebildete, junge Leute Russland verließen. Auch auf Putins Angriffskrieg wirken sich fliehende Männer im wehrpflichtigen Alter wohl eher nachteilig aus. Und auch darüber hinaus ist dem russischen Präsidenten längst klar, dass ein Bevölkerungsrückgang seinem Land gefährlich werden kann. Der Plan seiner Regierung lautete: In 2022 kehren sie den Bevölkerungsrückgang endlich um, ab 2030 gebe es wieder echten Wachstum. Putin beschloss wohl kurzerhand, dass er das Jahr stattdessen nutzen würde, um hunderttausend Russ:innen im Krieg zu verlieren und rund eine Millionen aus dem Land zu vergraulen. Muss man sich leisten können.

Artikelbild: shutterstock.com, Canva