Der Osten ist in Wahrheit noch gar nicht blau, aber Wahlkarten, die so aussehen, dominierten die Wahlberichterstattung in den vergangenen Jahren. Das Problem: Sie verzerren ein wenig die Realität und helfen damit sogar der AfD. Kein Wunder, dass die Rechtsextremisten diese sogar aktiv für ihre Propaganda verwenden. Wie das ganze Bild aussieht und was du stattdessen verwenden kannst, erklären wir hier:
Jedes Medium nutzt sie, sie sehen objektiv und seriös aus, können aber zum Werkzeug für Rechtsextremist:innen werden und Desinformationen verbreiten: Wahlkarten, besonders die blauen.
Die Deutschlandkarte gehört neben Balken- und Halbkreisdiagrammen zum Standardprogramm der Wahlberichterstattung. Die Wahlkreise werden in der Farbe der Partei mit den meisten Stimmen eingefärbt, eine Karte für die Erststimmen, eine für die Zweitstimmen. Erst einmal wirkt das sehr neutral und objektiv. Die AfD gewinnt den Wahlkreis: blau. Die CDU: schwarz. Die SPD: rot. Und so weiter. Es ist aber nur ein Teil der Wahrheit.
"Bei diesen Karten werden zu viele Aspekte ausgelassen, wie das Verhältniswahlsystem und die Anzahl der Personen, die in den einzelnen Wahlkreisen leben. So eine Karte ist eine Gefahr als populistisches Werkzeug, deswegen sollte man damit sehr vorsichtig umgehen", sagt Leon Siefken, Doktorand am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, im Gespräch mit Volksverpetzer. Er hat gemeinsam mit Julius Kölzer, Christian Stecker und Daniel Kuhlen dazu geforscht, wie die Wahlkarten den Blick verzerren können.
"Nicht Landmasse wählt, sondern Menschen"
In Deutschland wird bei Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen das Verhältniswahlsystem genutzt. Das bedeutet, dass die Parlamentssitze genau im Verhältnis der abgegebenen Stimmen besetzt werden. Zehn Prozent der Stimmen bedeuten also zehn Prozent der Sitze – anders als beim Mehrheitswahlrecht, bei dem nur der oder die Kandidat:in mit den meisten Stimmen gewählt ist.
Bei der Bundestagswahl und den meisten Landtagswahlen wird das Verhältniswahlsystem mit dem Mehrheitswahlrecht kombiniert. Jeder Wahlkreis wählt mit den Erststimmen eine:n Direktkandidat:in. Hier gewinnt die Person mit den meisten Stimmen und zieht in das Parlament ein. Mit der Zweitstimme wird im Sinne der Verhältniswahl eine Partei gewählt, die Sitze im Parlament erhält.
Als besonders problematisch sehen Siefken und seine Kollegen die klassischen Wahlkarten für die Darstellung der Ergebnisse von Verhältniswahlen, also bei den Zweitstimmen oder der Europawahl, an. Der Erfolg der AfD werde durch das großflächige Blau auf solchen Karten übertrieben, schreiben sie: "Nicht Landmasse wählt, sondern Menschen, und diese finden sich in ganz unterschiedlicher Dichte in den Karten."
"Optische Täuschung": 93 % blau – aber nur 30 % der Stimmen
"Dort, wo die AfD stark ist, sind meistens ländliche Regionen, in denen nicht so viele Menschen wohnen. In den Kreisen, in denen mehr Menschen wohnen, wird mehr CDU oder SPD gewählt", sagt Siefken. Diesen Zusammenhang zeigt eine Abbildung der Forscher.

Die Wahlkarten würden nicht abbilden, dass in vielen AfD-Hochburgen nur ein geringer Teil der wählenden Bevölkerung lebe, schreiben sie in ihrer Studie weiter. Die Darstellung anhand von Wahlkreisen führe zu einer "optischen Täuschung": Die AfD war bei der Europawahl 2024 stärkste Kraft in 93 Prozent der Landesfläche von Brandenburg, Sachsen und Thüringen, hatte dort aber im Verhältnis "nur" einen Stimmenanteil von 30 Prozent, wie in der Abbildung unten dargestellt ist.

Wer wütend über die vielen Stimmen für die AfD aus Ostdeutschland ist, muss bedenken: Bei der Bundestagswahl 2025 kamen von rund 10 Millionen Stimmen für die AfD sieben Millionen aus WESTdeutschland. Tatsächlich zieht die AfD ihre meiste Stärke sogar aus dem Westen, entgegen der Vorurteile.
Zersplitterte Parteienlandschaft wird auf Wahlkarten nicht abgebildet
Doch die Kritik der Wissenschaftler geht über den verzerrten Einfluss von Wahlkreisen hinaus. Sie sehen in der Darstellung der Wahlkarten einen demokratietheoretischen Fehlschluss. Denn von einer absoluten Mehrheit, die sie als "Goldstandard demokratischer Unterstützung" beschreiben, kann in den meisten Wahlkreisen keine Rede sein.
"Gewinnen" kann man einen Wahlkreis auch mit 20 Prozent, wenn die Parteienlandschaft stark zersplittert ist. Trotzdem entscheidet sich dann eine Mehrheit der Wähler:innen gegen die AfD. Auf der Karte sieht es anders aus. Je zersplitterter die Parteienlandschaft, umso weiter weg sind diese Karten von der Realität.
"Für die Erststimmen können die Karten noch am ehesten Sinn ergeben", sagt Leon Siefken. Denn hier spielt es ja tatsächlich eine Rolle, wer relativ die meisten Stimmen bekommen hat. "Aber wenn es darum geht, wie viel Unterstützung die Partei wirklich in den Wahlkreisen hat, dann sind auch diese Karten weiterhin problematisch", so Siefken.
Diese Wahlkarten sind ein Instrument der AfD
Denn das Problem mit den blauen Karten sind weniger die Befindlichkeiten von Politikwissenschaftler:innen. "Klar, diese Darstellung war auch schon vor der AfD problematisch, wenn man den vollen Durchblick haben wollte", sagt Siefken. Die Karten verzerren schließlich auch die Wahlergebnisse anderer Parteien.
"Das, was die AfD anders macht, ist ihr Populismus. Populisten nehmen solche Karten als Beweis dafür, dass sie die eigentliche legitime Macht in der Parteienlandschaft sind", erklärt Siefken weiter. So sehe man das auch bei Donald Trumps Posts einer rot gefärbten Karte der USA, die suggerieren soll, dass eine überwältigende Mehrheit der US-Amerikaner:innen die Republikaner wählt, dabei aber unterschlägt, dass in vielen roten Wahlbezirken viel weniger Wähler:innen leben als in den blauen.

Auch die AfD nutzt die blauen Karten strategisch, wie exemplarisch auf dem Bild unten zu sehen ist. Es zeigt die AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla auf einer Veranstaltung im August 2024 in Görlitz mit einem T-Shirt mit einer Wahlkarte und dem Satz "Ich habe Glück, dort rechts zu wohnen."
Medien nutzen solche Karten ebenso, um das Thema Rechtsextremismus in Ostdeutschland zu bebildern, wobei Ostdeutschland hier dann meist negativ dargestellt wird – und im Falle des verlinkten Artikels der Welt auch noch geografisch falsch...

Wahlkarten sind irreführend bei Wahlentscheidung
"Diese Karten sind Wasser auf die Mühlen der Populisten. Andere Parteien haben sie nicht auf diese Weise genutzt", sagt Siefken. Am einfachsten lassen sie sich natürlich über Social Media verbreiten. Und dort befeuern sie nicht nur pauschalisierende Kommentare über "die rechtsextremen Ostdeutschen", sondern können auch Wähler:innen beeinflussen. "Wähler:innen nutzen solche Karten auch als Information, um ihre eigenen Wahlentscheidungen zu treffen", sagt Leon Siefken.
In der Politikwissenschaft werde immer wieder beobachtet, dass Wähler:innen, die sich nicht zwischen zwei Parteien entscheiden können, dazu tendieren, für die zu stimmen, die wahrscheinlicher Wahlsiegerin wird. "Es gibt dann diesen kognitiven Bias, dass man am Ende auf der Seite des Gewinners stehen möchte. Das ergibt in einem Verhältniswahlsystem natürlich wenig Sinn, entsprechend ergeben auch diese Karten wenig Sinn."
Aber nicht nur das Wahlverhalten in Ostdeutschland wird von den schwarz-blauen Karten mit rot-dunkelrot-grünen Sprenkeln verzerrt. Auch im Westen gehen Informationen verloren. Von absoluten Mehrheiten sind schließlich auch die Direktmandate der demokratischen Parteien meist weit entfernt.
Falls die interaktive Grafik nicht lädt, findest du sie auch hier.
Außerdem zeigen die Karten nicht, wie stark die AfD beispielsweise bei der Bundestagswahl 2025 in westdeutschen Wahlkreisen aufgeholt hat (solange der Wahlkreis nicht ganz an die AfD kippt, wie Kaiserslautern oder Gelsenkirchen).

Die AfD nicht stärker darstellen, als sie ist
Wo wie gewählt wurde, ist natürlich trotzdem informativ und interessant. Visualisierungen per Balken- oder Tortendiagramm funktionieren auf Bundesländerebene noch gut, auf Wahlkreisebene wird es da kniffliger.

Leon Siefken plädiert für eine Karte pro Partei, auf der dann per Farbverlauf die Stärke der Partei gezeigt wird. Um bei Zweitstimmen und der Europawahl auf die Gewichtung der Wahlkreise in der Verhältniswahl aufmerksam zu machen, könne man neben der Farbe noch ein Muster benutzen, das angibt, wie viele Menschen in den Wahlkreisen leben.
Detaillierte Aufschlüsselungen wie Siefken sie beschreibt, stellen einige Medien auch schon in detaillierten Wahlanalysen bereit. Als Aufhänger im Titelbild wird sie trotzdem gerne benutzt, auf Social Media viel geteilt. Schließlich ist sie plakativ und erzeugt schnell Emotionen und Aufmerksamkeit. Wer die AfD nicht stärker darstellen will, als sie ist, sollte jedoch ein bisschen vorsichtiger beim Teilen der Karten sein.
Artikelbild: Sebastian Kahnert/picture alliance/dpa
