Köthen: Nazis instrumentalisieren Herzinfarkt: „Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!”

| Bericht | 10. September 2018

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Erst einmal die Fakten:

Erst einmal die Fakten: Am Samstagabend kam es in Köthen zu einem Streit zwischen Asylbewerbern. Dann sollen der 22-jährige und sein Bruder dazu gekommen sein. Es kam zum Streit. Laut Polizei stand der Tod „in keinem direkten Zusammenhang“ mit der Auseinandersetzung – der 22-jährige hatte wohl eine auf das Herz bezogene Vorerkrankung und hat einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Einer der Afghanen soll polizeibekannt sein, und auch der Bruder des Toten ist ein vorbestrafter rechtsextremer Intensivtäter. (Quelle)

In der Welt der Nazis ist es natürlich wieder einfach: Polizeibekannte Afghanen haben einen Deutschen umgebracht. Rechte Lügenmedien sprechen wahlweise wieder einmal von „Messerangriffen“ (wie unsere Recherchen zeigen, sind diese Meldungen in den meisten Fällen gelogen) oder zu den Umständen wird wieder allerlei hinzuerfunden und gelogen. Natürlich nicht auch, ohne Polizei und Presse ironischerweise der Lüge zu bezichtigen, wenn sie von den tatsächlichen Umständen berichten.



Nutzen den Vorfall aus Ausrede, um für Faschismus zu demonstrieren

Natürlich ist es jetzt, noch während der Ermittlungen zu früh, um die genau zu sagen, was passiert ist. Das hindert die rechte Lügenpresse natürlich nicht daran, ihre rechtsextreme Gefolgschaft mit Lügen und Gerüchten aufzuhetzen. Aber: Wenn der Mann tragischerweise an einem Herzinfarkt starb, sind dafür die Streitenden nicht verantwortlich. Auch wenn Alice Weidel da irre Korrelationen aufstellt. Das letzte Wort haben natürlich die Behörden und die Justiz. Den Fall jetzt zu instrumentalisieren ist nicht nur moralisch, sondern auch faktisch falsch.

Das hinderte Neonazis aber nicht daran, wieder offen ihre verfassungsfeindliche Gesinnung zur Schau zu stellen. Am Sonntag „trauerten“ 2500 Nazis in Köthen. Sie skandierten „Auge um Auge“, „Frei, Sozial und National“, aber auch „Nationaler Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ (Video). Einer der Redner, ehemaliges NPD-Mitglied und wegen Volksverhetzung vorbestraft, verwendete explizit Nazi-Sprache („Rassenkrieg gegen das deutsche Volk“) Wieder einmal wurden Hakenkreuze gesichtet, die von Demo-Teilnehmern getragen wurden. Mindestens ein Journalist wurde wieder Opfer von Angriffen Rechtsextremer.

Faschismus als Antwort auf Herzinfarkte

Diese Nazis trauern nicht um den Toten. Sie trauern darum, dass der Faschismus besiegt wurde. Und sie fordern offen und unter Augen der Öffentlichkeit, diesen wieder einzuführen. Also im Klartext: Faschismus als Antwort auf Herzinfarkte. Und zum Vorwurf, dass nicht jeder Demo-Teilnehmer ein „Nazi“ gewesen sein muss: Wer auf einer Demo mit Neonazis mit Nazi-Symbolen und vorbestraften Nazi-Rednern mit Nazi-Forderungen mitmarschiert, der unterstützt und befürwortet Nazis. Wer nicht dazu gezählt werden möchte, soll sich nicht dazu stellen.

Wenn der Demo-Redner fordert: „Wenn wir noch einmal die Macht bekommen, dann werden diese Flitzpiepen sich im dunklen Kellerverließ wiederfinden“, dann sollte jeder, der Nicht-Nazi ist, dort das weite suchen und die Polizei informieren. Und Faschismus nicht mit „Trauer“ verwechseln. Die Ermittlungen laufen noch, es ist noch viel zu früh, um zu sagen, was genau passiert ist. Aber offen und ungestraft den Faschismus wieder einführen zu wollen, und das auch noch als „Trauer“ und als politisches Statement verkaufen zu wollen, ist in jedem Fall nicht gerechtfertigt. Und dass wir das als Gesellschaft nicht mehr konsequent erkennen, ist äußerst besorgniserregend.

Artikelbild: Screenshot Twitter.de, Thomas Wieder

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