Faktencheck Thrombosen & Impf-Stopp: Sind Pille & AstraZeneca vergleichbar?

| Corona-Fake | 16. März 2021

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Faktencheck: Sind Pille und AstraZeneca vergleichbar?

Gestern sorgte das Aussetzen der Impfung mit AstraZeneca für große Empörung, vor allem auf Twitter. Auf Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) hat die Bundesregierung die Impfung mit AstraZeneca vorläufig ausgesetzt (Quelle). Es ging um 7 Fälle von Thrombosen im möglichen Zusammenhang mit der Impfung. Warum die Aufregung? Weil viele den Eindruck hatten, dass es eine unbegründete Übervorsicht war, denn gerade mal 7 Fälle bei 1,6 Millionen Impfdosen sind weniger, als man statistisch erwarten würde und deshalb gäbe es erst einmal keinen Grund zur Sorge. Expert:innen äußerten Unverständnis, auch Karl Lauterbach twitterte: “Auf der Grundlage der vorliegenden Daten halte ich das für einen Fehler.” Auch 10 Millionen Impfdosen in Großbritannien zeigten keine Häufung (Quelle).

Wir ärgerten uns, weil das Impfen ohnehin so langsam verläuft und es obendrein noch Wasser auf die Mühlen der fanatischen Impfgegner:innen war. Dabei wurde auch viel über das Risiko für Thrombose bei der Pille diskutiert. Es wurde vielfach kritisiert, dass die Pille doch das Thrombose-Risiko vergleichbar erhöht und trotzdem verwendet wird. Allerdings war vielen (Transparenzhinweis: Auch uns, mehr dazu) zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass es sich bei der möglichen AstraZeneca-Nebenwirkung um eine spezielle Thrombose (Sinusvenenthrombose) handelt, die sonst sehr selten vorkommt, nämlich nur 3-5 Fälle auf 1 Million Personen. Da sind 7 Fälle nicht so wenig – und die Empfehlung des PEI ist nachvollziehbarer. Man würde nämlich aus Zufall nur ein bis zwei Fälle erwarten. Auch aus rechtlicher Sicht müssen solche möglichen Nebenwirkungen abgeklärt werden, auch wenn sie extrem selten sind (Quelle).

Das macht es übrigens sehr wahrscheinlich, dass es sich hier wirklich um eine extrem seltene Nebenwirkung des Impfstoffs handelt. Ist der Vergleich von AstraZeneca und der Pille aber dann noch zulässig?

Zusammenhang Sinusvenenthrombosen und Pille

Viele Analysen fanden bereits einen Zusammenhang zwischen stark erhöhtem Thromboserisiko allgemein und der Nutzung der “Pille” (Quelle). Doch weniger bekannt ist, dass eben auch das Risiko für die sehr seltenen Sinusvenenthrombosen deutlich ansteigt:

Hier zu sehen ist das Risiko pro Jahr und Person, die Erkrankung zu bekommen (Quelle). Bei AstraZeneca liegt dieses mögliche Risiko bei der Impfung nach aktuellem Informationsstand bei 7 Verdachtsfällen auf 1,6 Millionen Impfungen (Quelle). Weitere Quellen deuten auch auf ein erhöhtes Risiko hin (Quelle, Quelle, Quelle). Also zusätzliches Risiko <0,5 auf 100.000 Personen. Allerdings wird der Zeitraum nie wirklich vergleichbar sein, weil man die Impfung nur einmal (bzw. zweimal) nimmt und nicht dauerhaft über Jahre, und man betrachtet dann z.B die Woche und nicht das Jahr nach der Impfung. Es ist auch denkbar, dass noch Verdachtsfälle hinzukommen und dass die Fälle anders ausgelöst und z.B. schwerer oder leichter verlaufen. Es fehlen also noch Daten, ob nun die Pille oder AstraZeneca “schlimmer” ist für das Risiko einer CVST und, es kommt eben auch immer auf den betrachteten Zeitraum an. Was man aber schon sagen kann, ist, dass die Größenordnung des erhöhten Risikos pro Jahr vergleichbar ist.

Besonders schädlich scheint die kurzfristige einmalige Anwendung der Pille zu sein. Das zeigen Auswertungen von Gesundheitsdaten muslimischer Frauen, die zum Ramadan mittels Pille ihre Periode stoppen wollen. Vermutlich steigen daher die Fallzahlen für Sinusvenenthrombosen im Ramadan extrem an (Quelle).

Es wird also in beiden Fällen ein Zusammenhang vermutet, weil es mehr Fälle gibt, als statistisch zu erwarten wäre. Das unterscheidet diese Fälle von zufälligen Ereignissen nach der Impfung. Wie solchen:

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Warum wird die Pille nicht gestoppt?

Die Pille löst also auch in sehr seltenen Fällen die potenziell lebensbedrohliche Sinusvenenthrombose aus. Und das zusätzlich zu den anderen Nebenwirkungen, wie Depressionen, erhöhtes Brustkrebsrisiko (Quelle) und dem generell höheren Thromboserisiko. Aktuell wird an einer “Pille für den Mann” geforscht. Deren Entwicklung ist aber schwierig, weil Testpräparate Nebenwirkungen wie Depressionen und Ähnliches aufweisen (Quelle). Richtig: Die “Pille für den Mann” gibt es noch nicht, weil sie noch solche Nebenwirkungen hat, wie die Pille für Frauen. Warum gibt es die Pille also noch?

Sowohl bei AstraZeneca als auch bei der Pille werden Risiko und Nutzen verglichen. AstraZeneca schützt nicht nur generell vor einer Infektion mit Covid-19, sondern auch besonders gut vor einem schweren Verlauf. Wer wegen Covid-19 ins Krankenhaus muss, hat ein extrem erhöhtes Thromboserisiko (Quelle, Quelle, Quelle). Und eben auch für Sinusvenenthrombosen, die zumindest in den Studien dazu auch einige Fälle bei jüngeren Menschen aufweisen (Quelle , Quelle).

Auch gibt es Hinweise darauf, dass die Impfung Long Covid abmildert (Quelle). Wir müssen eben davon ausgehen, dass wir ohne Impfung alle Covid-19 bekommen werden, wenn wir nicht für immer im Lockdown bleiben wollen. Was nach jetzigem Stand praktisch immer ein vielfach höheres Risiko aufweist als die Impfung. Allein die Aussetzung der Impfung mit AstraZeneca für eine Woche wird wohl schon zu hunderten weiteren Todesfällen durch Covid-19 führen, wenn diese nicht eine andere Impfung bekommen:

Statt Impfstopp vielleicht ein Kompromiss?

Das ist wohl auch aktuell das wichtigste Argument gegen den Impfstopp. Ein Kompromiss wäre, die Impfung vorerst nur bei Jüngeren auszusetzen, bis dort das Risiko-Nutzen-Verhältnis klarer ist. Aber der Gruppe der Menschen über 50, also mit Risiko für schweren Verlauf und Krankenhausaufenthalt, schadet der Impfstopp gerade enorm. Bisher waren alle von der Sinusvenenthrombose Betroffenen in Deutschland unter 50 Jahre alt, die meisten weiblich (Quelle, Quelle).

Die Pille hat natürlich auch großen Nutzen: Sie schützt vor ungewollter Schwangerschaft deutlich besser als z.B. ein Kondom (Quelle) (im Gegensatz zu diesem schützt sie nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten).

Andererseits schützt eine Kupferspirale noch besser bei weniger Nebenwirkungen (das ist aber auch individuell unterschiedlich). Sie ist aber teurer und ihr Einsatz wird nur für Frauen unter 22 Jahren von den Kassen übernommen (Quelle). Angesichts der vorliegenden Daten ist das unverständlich.

Ein Punkt, in dem der Vergleich mit der Pille hinkt, ist wie oben erwähnt der rechtliche: Bei der Pille ist das Risiko arzneimitteltechnisch bekannt und wird angegeben, bei den Impfungen eben noch nicht. Das muss man klären und transparent machen, damit Menschen sich der Risiken bewusst sind, wenn sie sich für die Impfung entscheiden, so erklärt es die Bundesregierung (Quelle).

Fazit

Ein Vergleich der Fälle von Venenthrombosen mit der gleichen Erkrankung bei der Pille erscheint durchaus angebracht, zumindest bei aktueller Datenlage. Es scheint also durchaus Doppelstandards bei den Risikoabwägungen zu geben. Bei Nebenwirkungen durch die Pille scheint die Gesellschaft untervorsichtig, die Kassen übernehmen keine harmloseren Alternativen. Die Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut handeln mit einem Impfstopp auch für ältere Personen eindeutig übervorsichtig und prüfen selbst extrem seltene Nebenwirkungen extrem genau. (Übrigens so viel zu der Panikmache von Impfgegner:innen, die behaupten, die Behörden würden nicht jeden seriösen Verdacht auf Nebenwirkungen ernst nehmen.)

Wichtig für AstraZeneca-Geimpfte: Karl Lauterbach empfiehlt jetzt, auf keinen Fall irgendwelche Mittel zur vermeintlichen Prophylaxe zu schlucken. Die Nebenwirkung ist wenn überhaupt enorm selten, die Geimpften sollten sich keine Sorgen machen. Würde man bei der Pille ja auch nicht machen.

Eine richtig gute Lösung für das aktuelle Impfproblem mit AstraZeneca wäre es, endlich #NoCovid umzusetzen. Dann hätte ein Impfstopp nicht so viele Todesfälle zur Folge und wir könnten uns in Ruhe alle Daten ansehen. Oder auch einfach etwas gemächlicher nur mit BioNTech weiterimpfen.

Artikelbild: WindNight

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