Teurer und krimineller Egoismus: Gefälschte Schnelltests & Impfpässe

| Corona-Fake | 19. April 2021

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Das Schwarzmarktgeschäft in Zeiten von Corona

Auf Telegram und auch anderswo finden sich inzwischen kriminelle Angebote, die es einem ermöglichen, gefälschte Schnelltests oder sogar Impfpässe zu kaufen. Dahinter stecken wohl Panikmache und Desinformation, die Angst über Tests und Impfungen schüren. Finanzielle Gründe oder mangelnde Angebote sind es wohl nicht, da diese viel schwerer zu beschaffen und oft sogar preiswerter sind. Sie zeigen aber auch die Lücken hinter dem Konzept von Impfausweisen.

Schwarzmarkt boomt

Nachdem es Ende März in Deutschland zu einer Testpflicht für Urlaubsreisende bei Rückkehr kam, dachte sich ein auf Mallorca ansässiger Arzt, dass er seine Kasse doch ein wenig aufbessern könnte, indem er Corona-Testergebnisse für 80€ verkauft. Ohne jemals einen Test durchgeführt zu haben. Freie Datumswahl inklusive: Gefälschte Schnelltests auf Mallorca. Bereits im November wurden am Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen sieben Menschen wegen Verkaufs falscher Corona-Test-Ergebnisse festgenommen. Preis der Ergebnisse: zwischen 180 und 360 Dollar.

QR-Armbänder erhöhen die Sicherheit

Tübingen war die erste Modellstadt für Lockerungsversuche und führte als zusätzliche Sicherheitsstufe (Tages-)Armbänder mit QR-Codes ein, nachdem Papiertests einfach via Kopierer dupliziert werden konnten. Diese Armbänder können nur vom Handgelenk entfernt werden, wenn man sie durchschneidet. Eine erneute Nutzung soll damit ausgeschlossen sein. So soll das Risiko unberechtigter Leute in der Innenstadt gemindert werden. Wird der QR-Code gescannt, spuckt eine Webseite das aktuelle Testergebnis aus.

Hohe Nachfrage nach QR-Armbändern

Die Nachfrage nach den Armbändern war jedoch zwischenzeitlich so hoch, dass es nicht mehr ausreichend Armbänder gab. Die Folge: Menschen konnten mit ihren negativen Testkassetten durch die Geschäfte laufen. Allerdings konnten sie diese Kassetten auch einfach an Freunde oder Unbekannte weiterreichen, das Papierergebnis-Problem war ebenfalls wieder aktuell. Ein negativer Test – viele Kund:innen, wenig Sicherheit. Zwar werden „Tagestickets“ auf Papier inzwischen nur noch in Ausnahmefällen akzeptiert, sollten aber möglichst vermieden werden. Es ist wie so oft in dieser Pandemie: gut gemeint, schlecht gemacht.

Impfpass via Messenger

Doch die Menschen gehen noch weiter, so werden mittlerweile auch gefälschte Impfpässe – bevorzugt über den Messengerdienst Telegram – gehandelt. Preis hier: 150€, echter Stempel des Frankfurter Impfzentrums und sogar ein Aufkleber des Impfstoffes sind darin enthalten. Einzige Aufgabe: Die personenbezogenen Daten muss man selbst eintragen. Langfristig also günstiger als ein Ausflug zum Pariser Flughafen und mit Aussicht auf mehr Privilegien als „nur“ negativ-Getestete. Und kauft man direkt zwei Pässe, so zahlt man sogar nur 200€. Mengenrabatt also inbegriffen. Recherchen von Report Mainz (SWR) belegen das in einem Vorabausschnitt der Tagesschau.

Ein US-amerikanischer Ebay-Account verkaufte Berichten zu Folge 100 gefälschte Corona-Impfpässe in nur zwei Wochen (Quelle).

Strafrechtliche Einschätzung

Für Personen, die diese gefälschten Pässe in Umlauf bringen, ist zumindest der Straftatbestand des gewerbsmäßigen Betrugs (§ 263 StGB, Strafmaß bis zu fünf Jahren Haft) als erfüllt anzusehen. Geschieht dies mit weiteren Täter:innen, kommt sogar der bandenmäßige Betrug (§ 263 Abs. 5 StGB, Strafmaß bis zu zehn Jahre Haft) infrage.

Die Urkundenfälschung (§ 267 StGB, Strafmaß als Einzelperson bis zu fünf, sonst bis zu zehn Jahren Haft) als weiterer infrage kommender Straftatbestand erfolgt nach juristischer Einschätzung jedoch eher durch die Person, die die personenbezogenen Daten einträgt.

Der Do-it-yourself-Impfausweis

Für alle, die es gerne günstiger möchten: Stempel von echten oder fiktiven Impfzentren können relativ einfach selbst hergestellt werden, Impfpässe gibt es en masse im Internet zu kaufen. U. a. bei Amazon:

Überprüfbarkeit von Impfpässen

Zwar werden die Impfungen an die Gesundheitsämter übermittelt, es gibt für Flughäfen oder andere Institutionen jedoch keine Möglichkeit, den Impfpass – entgegen Reisepässen oder Personalausweisen – gegenzuprüfen. Für Restaurants und andere Freizeitstätten ist dies erst recht unmöglich, da es sich hierbei um Gesundheitsdaten handelt und diese aufgrund des Datenschutzes einem noch höheren Schutz unterstellt sind als andere Daten.

Auch QR-Codes helfen nicht wirklich

Der QR-Code auf den Stickern dient medizinischen Einrichtungen in erster Linie dazu, potenzielle Impfnebenwirkungen in einer gemeinsamen Datenbank melden zu können, es sind jedoch keine personengebundenen QR-Codes, aus welchen hervorgeht, wer der oder die eigentlich geimpfte Person ist.

Zwar nutzt das im Video angesprochene Impfzentrum „personengebundene“ Stempel, bei welchem jede:r Impfende eine eigene Nummer auf dem Stempel hat, allerdings spricht auch das Landeskriminalamt in Hessen davon, dass Impfpässe keinerlei fälschungssichere Merkmale besäßen und weiter: „Aus Sicht der Urkundenprüfer sei keine vergleichende Untersuchung möglich.“

Die kriminelle Energie dahinter zeigt einmal mehr, wie weit Desinformation über Impfungen und Tests in Social Media führt, und dass es viele gibt, die nicht nur über Spenden oder Buchverkäufe davon profitieren. Es zeigt sich auch, wo die Schwäche der Impfpässe liegt, insbesondere, wenn im Zusammenhang damit zurückgewonnene Rechte einhergehen sollen.

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Artikelbild: Screenshot amazon.com

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