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Ungeimpfte auch in Israel weiter Covid-gefährdeter: Fake-Sharepic voller Fehler & ohne Kontext

von | Feb 17, 2022 | Aktuelles, Corona, Corona-Fake, Faktencheck

Nein, Geimpfte sind nicht anfälliger für einen schweren Corona-Verlauf – auch nicht in Israel

Jenny Beck

Ein Sharepic voller Fehler macht in Impfgegner-Kreisen die Runde, das ein vermeintlicher Beweis sein soll, dass die Impfung sinnlos sei. Jedoch stimmen einige Informationen darauf nicht, das Zitat ist aus dem Kontext gerissen. Ungeimpfte haben auch in Israel ein sechsfach größeres Risiko für schwere Verläufe, und auch der Zitierte erklärt deutlich: „Die wenigen künstlich beatmeten Corona-Intensivpatienten bei uns sind ungeimpft.“

Israel war lange Zeit Vorreiter in Sachen Pandemiemanagement – mit einer besonders hohen Impfquote glänzte das Land im globalen Wettbewerb. Doch der Erfolg lässt nach. Bereits seit August 2021 stagnieren die Impfungen (Quelle). Heute liegt die Impfquote bei 66,3 Prozent vollständig Geimpften (Quelle).

Falscher Name des Arztes und der Name des Krankenhaus ist auch falsch:

Fake News tragen sicherlich ihr Übriges zum langsamen Impftempo bei. So kursiert online aktuell ein vermeintliches Zitat von Yaakov Jerris, dem Direktor des Ichilov Hospitals in Tel Aviv. Darin scheint er die Bedeutung der Impfung bei schweren Verläufen anzuzweifeln. Doch am besagten Krankenhaus, das seit 1973 offiziell Sourasky Medical Center heißt, existiert kein Yaakov Jerris. Und die Aussage, die vom Direktor der Abteilung für Innere Medizin namens Jacob Giris stammt, wurde völlig aus dem Kontext gerissen (Quelle).

Eine missratene Übersetzung ist Wasser auf die Mühlen der Querdenker*innen

Das Zitat treibt seit über einer Woche sein Unwesen. Es entspringt einem Interview, das beim israelischen Fernsehsender Channel 13 ausgestrahlt wurde (Quelle). Eine missratene Übersetzung des Berichts zur Corona-Lage in Israel machte Jacob Giris zu Yaakov Jerris und seine Aussage zu einem vermeintlichen Appell gegen Impfungen. Und diese spielt Querdenker*innen in die Karten, die wissenschaftliche Erkenntnisse diskreditieren wollen.

Doch ein näherer Blick zeigt: Jacob Giris Aussage ist weder repräsentativ für ganz Israel, noch sprach sich der Mediziner gegen die Wirkung der Covid-19-Impfung aus. Bereits am 26. Januar schrieb der Direktor in einem Facebook-Post über seine Abteilung. Dort liegen demnach besonders viele Menschen zur Behandlung ihrer schweren Vorerkrankungen (Quelle). Covid-19 sei in diesem Fall nur mehr eine Begleiterscheinung.

Der Arzt stellt klar: „Die wenigen künstlich beatmeten Corona-Intensivpatienten bei uns sind ungeimpft.“

Im Interview mit Channel 13 äußerte er sich ähnlich. Laut TECHARP betonte der israelische Mediziner, dass die meisten seiner Patient*innen älter sind und bereits mit Vorerkrankungen eingeliefert werden (Quelle). Diese seien schließlich der Grund für ihren schweren Corona-Verlauf. So sagte Giris gegenüber Ynet: „Der Patient befindet sich nur in einem schwierigen Zustand, weil er eine schwere Grunderkrankung hat.“ (Quelle) Weiter:

„Tatsächlich erinnere ich mich an viel turbulentere Zeiten, in denen wir besonders heftige Ergebnisse erlitten, wie vor 4 Wellen. Bei dieser Welle ist es für mich anders, weil ich eine größere Vielfalt an inneren Krankheiten behandle und wir alle unter Isolation leiden.“

Da sie aufgrund ihrer Vorerkrankung schwere Verläufe erleiden, kann die Covid-19-Impfung laut Giris wenig für diese Menschen ausrichten (Quelle). In einem Beitrag des ORF III macht der Mediziner jedoch deutlich, dass Ungeimpfte sehr wohl gefährdeter sind: „Die wenigen künstlich beatmeten Corona-Intensivpatienten bei uns sind ungeimpft. Das ist die Wahrheit.“ (Quelle).

Der Prävalenzfehler lässt die Anzahl schwererkrankter Geimpfter unverhältnismäßig groß erscheinen

Giris identifizierte in seinem Krankenhaus etwa 80 Prozent der schweren Corona-Fälle als vollständig geimpfte Personen. Nun treten die schweren Verläufe laut dem Mediziner insbesondere aufgrund der Vorerkrankungen auf. Zudem wird die Prozentzahl ohne kontextualisierende Impfquote völlig verzerrt.

In Israel sind etwa 66 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Das bedeutet, sie haben sich entweder vor kurzem ihren Booster abgeholt oder ihre zweite Impfung liegt weniger als sechs Monate zurück. In Israel befinden sich demnach ohnehin etwa 1,5 Millionen mehr geimpfte als ungeimpfte Einwohner*innen. Diese Differenz im Impfstatus muss bei der Quote infizierter Geimpfter beachtet werden, um ein realistisches Bild der Verhältnisse zu erlangen – wird aber von Querdenker*innen häufig bewusst umgangen.

Wie die Covid-19-Lage in Israel wirklich aussieht: Ungeimpfte Menschen haben ein 6-fach höheres Risiko für schweres COVID-19

Jacob Giris zeichnete in seinem Interview ein Bild der Situation auf der von ihm geleiteten Covid-Station im Sourasky Medical Center. Dass diese nicht repräsentativ für ganz Israel ist, bestätigen Statistiken der Ministry of Health: Die farbigen Graphen zeigen ganz deutlich, dass weder die Geimpften unter noch über 60 Jahren den Großteil der schweren Corona-Verläufe ausmachen. Ähnlich verhält es sich mit den Verstorbenen – nur selten erhebt sich der dunkelgrüne Graph der Geimpften über die Null hinweg (Quelle).

Fazit: Viel Lärm um nichts

Jacob Giris – kein „Yaakow Jerris“ – aus dem Kontext gerissene Aussage war ein gefundenes Fressen für Menschen, die wenig Wert auf Fakten legen und die Covid-19-Impfung mithilfe vermeintlich wirkmächtiger Fake News diskreditieren wollen. Doch die offiziellen Zahlen der israelischen Regierung zeichnen ein anderes Bild – und zeigen, dass die Impfung sehr gut sowohl vor einem schweren, als auch vor einem tödlichen Verlauf schützt. Ungeimpfte haben weiterhin ein viel höheres Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf. Daran ändern auch keine fehlerhaften Sharepics mit aus dem Kontext gerissenen Zitaten.

Gastautorin: Jenny Beck. Artikelbild: pixabay.com, CC0

Unsere Autor:innen nutzen die Corona-Warn App des RKI.