220

Forscher bestätigen, dass Klimaschutz wirkt – deswegen wollen Rechte ihn jetzt abschaffen?!

von  | Faktencheck | 22. Mai 2026 |  11 min

Ein Klimaforscher-Gremium hat gezeigt, dass Klimaschutz-Maßnahmen wirken und wir das Worst-Case-Szenario vermeiden. Rechte verdrehen diese News PRO Klimaschutz und behaupten, der IPCC wäre „zurückgerudert“ und die Klimakrise damit ein Hoax. Das ist doppelt falsch: Denn der IPCC hat gar nichts dazu gesagt, das war ein anderes Gremium. So dumm versuchen sie, dich anzulügen:

Es gibt sie tatsächlich noch, die guten Nachrichten. Im April veröffentlichte ein Team um den niederländischen Klimawissenschaftler Detlef van Vuuren für das World Climate Research Program (nicht das IPCC!) ein Paper. Darin stellen die Wissenschaftler:innen ein neues Modell für mögliche Klimawandel-Szenarien vor, eingeteilt nach der Entwicklung der CO₂-Emissionen. Und dabei entscheiden sie etwas ziemlich Gutes: Sie entfernen das Worst-Case-Szenario (auch bekannt als RCP8.5-Szenario) aus dem Modell, weil es mittlerweile als "unplausibel" erscheint. Grund dafür: die gesunkenen Kosten für Erneuerbare Energien, das Aufkommen von Klimapolitik und aktuelle Trends bei den Emissionen. Yay!

Wer sich ein wenig mit dem Thema auskennt, wird jetzt einwenden, dass auch viele andere Szenarien sehr gefährlich für die Weltbevölkerung werden können. Das stimmt, das Worst-Case-Szenario war extrem. Es ging von einem komplett unregulierten CO₂-Ausstoß aus, bei dem die Erderhitzung bereits 2050 über zwei Grad und gegen Ende des Jahrhunderts auf fünf Grad über vorindustriellem Niveau angestiegen wäre. Auch Szenarien, die Klimaschutzmaßnahmen einbeziehen, gehen von einer Erhitzung über zwei oder über drei Grad aus, was extreme Klimafolgen mit sich bringen würde.

Und das Modell hat auch eine nicht so gute Neuerung: Auch das Best-Case-Szenario haben die Forscher:innen gestrichen: Die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels erscheine aufgrund der beobachteten Entwicklungen seit 2020 ebenfalls nicht mehr realistisch. Der Klimawandel ist bereits da, richtet bereits Schaden an und es muss viel mehr getan werden, um ihn auf ein überhaupt noch erträgliches Maß einzugrenzen. Also gleich zwei Argumente für mehr Klimaschutz!

Klimaschutz wirkt!

Trotz dieser Fakten sagt die Erkenntnis der Klimawissenschaftler:innen des WCRP uns etwas sehr Wichtiges und Positives: Klimaschutz wirkt! Wir können den Klimawandel beeinflussen, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der echten Welt, mit allen politischen Hürden und gesellschaftlichen Hindernissen. Selbst das, was bisher geschafft wurde, und was definitiv zu wenig ist, hat dazu beigetragen, das Worst-Case-Szenario abzuwenden. Diese Erkenntnis sollte uns und vor allem unsere Politiker:innen motivieren, jetzt richtig loszulegen.

Hier könnte der Artikel zu Ende sein. Mit einem motivierenden Aufruf an alle Politiker:innen, Aktivist:innen, Wähler:innen und Entscheider:innen, jetzt richtig anzupacken. Wir können noch so viel schaffen.

Rechtsextreme auch bei Klimaschutz faktenresistent

Aber wir haben ja noch die Rechtsextremist:innen und die Wissenschaftsleugner:innen in unseren Parlamenten. So eine gute und konstruktive Nachricht können sie nicht einfach stehen lassen. Nein, sie müssen sie verdrehen, das Gegenteil von dem behaupten, was sie beinhaltet, und sich dann aktiv gegen konstruktive Lösungen einsetzen.

Angefangen hat alles mit – wem auch sonst – Donald Trump. Der postete Mitte Mai auf seiner eigenen Plattform "Truth Social", das „Top-Klimakomitee der Vereinten Nationen" habe zugegeben, dass das Worst-Case-Szenario RCP 8.5 falsch gewesen sei. An diesem Post stimmte natürlich gar nichts. Das „Top-Klimakomitee“ sollte wohl der Weltklimarat, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), sein.

Screenshot

Der betreibt aber selbst gar keine Forschung und erstellt auch keine Szenarien, sondern fasst für seine Berichte die gesamte relevante Literatur zum Klimawandel zusammen. Das Paper wurde von einer Gruppe Wissenschaftler:innen innerhalb des World Climate Research Program verfasst, nicht vom IPCC. Ja, dabei gibt es personelle Überschneidungen, beispielsweise ist Co-Autorin Claudia Tebaldi auch Mitautorin am sechsten Bericht des IPCC. Natürlich setzt sich der IPCC aus Klimawissenschaftler:innen zusammen, die auch eigene Forschung betreiben. Trotzdem ist es ein Unterschied, ob ein Forschungsteam etwas publiziert oder der IPCC. Dieser Bericht kam nicht vom IPCC. Die mussten sogar deutlich klarstellen, dass alle aufhören sollen, ihnen diesen Bericht in die Schuhe zu schieben! Denn nicht nur Rechte haben das falsch verstanden.

Worst-Case-Szenario: wichtiger Teil der Klimaforschung

Also, es ging nie um den Weltklimarat oder das IPCC, das ist schon mal Fake News. Und es hat natürlich auch niemand geschrieben, dass das Szenario RCP 8.5 falsch war. Es war ein fiktives Szenario auf Basis von Fakten, unter der Annahme eines ungebremsten CO₂-Ausstoßes. „Zukunftsszenarien sind keine Vorhersagen für die Zukunft. Sie stellen mögliche zukünftige Entwicklungen dar – jeweils basierend auf dem aktuellen Stand des Wissens zum Zeitpunkt ihrer Erstellung", schreibt Diana Rechid, Leiterin der Abteilung Regionaler und Lokaler Klimawandel im Climate Service Center Germany des Helmholtz-Zentrums Hereon in Hamburg. Das Statement wurde vom Science Media Center Germany eingeholt.

Das Szenario hat einfach nur beschrieben, was passiert, wenn alles schiefgeht und wir gar nichts gegen die Klimakrise machen. Das haben wir nur zum Glück nicht gemacht und damit haben wir es vermieden. Das heißt nicht, dass es wissenschaftlich falsch gewesen sei oder gar ein Hoax oder dergleichen.

Ja, das Worst-Case-Szenario wurde schon länger als unrealistisch kritisiert. Für die Forschung war es aber wichtig und ist es bis heute. Nur weil es aufgrund technologischer, ökonomischer und politischer Errungenschaften nicht mehr plausibel sei, sei es noch lange nicht physikalisch unmöglich, so Rechid weiter. "Die für dieses Szenario durchgeführten Klimasimulationen liefern weiterhin wichtige Grundlagen, um die Auswirkungen sehr hoher Emissionen im Klimasystem zu verstehen und um Hochrisikoanalysen und Stresstests durchzuführen." Auch könne man an solchen Szenarien aufzeigen, was wir durch Klimaschutz alles vermeiden. Es ist ja gut zu sehen, was wir verhindern!

Ebenfalls unerwähnt bleibt, dass eben auch das Best-Case-Szenario als nicht mehr erreichbar erscheint und auch die plausiblen Szenarien von einer Erwärmung von bis zu 3,5 Grad bis 2100 ausgehen. Das Paper ändert also nichts an der Aussage, dass der Klimawandel extrem dramatische Veränderungen mit sich bringen wird, besonders dann, wenn keine ausreichenden Maßnahmen getroffen werden.

Fakten? Nicht mit der AfD

All das – Fakten, wissenschaftliches Arbeiten und konstruktive Lösungen – interessiert die AfD natürlich nicht. Und eigene Fake News brauchen sie sich auch nicht auszudenken, wenn Gesinnungsgenosse Trump sie einem schon so schön serviert. So sprang die rechtsextreme Partei gleich auf den Zug auf und beantragte eine Aktuelle Stunde dazu.

Die Hoffnung der phoenix-Kommentatorin Katharina Kühn, auf eine "auf den Fakten basierende Debatte" stirbt schnell, als Karsten Hilse (AfD) ans Mikrofon tritt. "Weltweit geht [...] der größte Betrug, der jemals an der Menschheit begangen wurde, zu Ende." Und viel weiter muss man eigentlich auch nicht hören. Es folgt der altbekannte Sermon an Klimaleugnung, neu angereichert mit der völlig verdrehten Aussage aus dem Paper von van Vuuren und geframed als große Verschwörung eines Weltklimarats, "der selbstverständlich seinen Geldgebern hörig ist."

Also nochmal: Das Worst-Case-Szenario wurde nicht zurückgezogen, wir haben es durch wirksamen Klimaschutz nur unwahrscheinlich genug gemacht, die AfD behauptet das Gegenteil von dem, was ihre eigene Quelle aussagt, und der Weltklimarat hat mit der gesamten Sache ohnehin nichts zu tun. Also kann der auch nicht hinter der Verschwörung stecken. Die AfD lügt einfach wie gedruckt.

AfD-Politik würde Klimawandel verschlimmern

Dabei zeigt sich eine gewisse Ironie, wenn sich AfD und Trump auf den IPCC berufen und einer Aussage von ihm (die nicht der IPCC und so wie dargestellt gar niemand getätigt hat) Kompetenz im Bereich Klimawandel zusprechen, die sie ihm ansonsten vehement absprechen. Plötzlich gilt der sonst so stark abgelehnte IPCC als Autorität im Klimawandeldiskurs.

Was den AfDler:innen offenbar auch nicht auffällt: Hätten sie ihre Politik durchgesetzt und den Klimaschutz eingestellt, wäre das Szenario nicht zurückgenommen worden. Dann wären wir auf dem besten Weg in ein Worst-Case-Szenario. AfD-Politik ist darauf ausgelegt, Worst-Case-Szenarien wieder wahrscheinlicher zu machen.

Und weil der Auftritt von Karsten Hilse, Ingo Hahn und Rainer Kraft im Bundestag nicht Blamage genug war, musste die AfD Hamburg das Ganze in der Bürgerschaft noch einmal wiederholen. Nicht fehlen durfte natürlich auch der Senf von Faschist Björn Höcke.

Es gehört zur Strategie der Rechtsextremist:innen und Wissenschaftsleugner:innen, immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse zu verdrehen und falsch zu deuten. So säen sie immer mehr Zweifel und bieten die einfache „Lösung“, das alles so bleibt wie es ist. Eine Lösung, die keine ist, aber Menschen in ihrer Verunsicherung abholt. Denn für eine sinnvolle Klimapolitik muss sich viel ändern. Diese Änderungen können aber so gestaltet werden, dass sie für die meisten Menschen positiv sind (Ausnahmen bilden vielleicht Investor:innen in fossile Energien und Multimiliardär:innen. Die Armen.)

Auch der Journalismus blamiert sich

Von den Trumps und Höckes dieser Welt ist also nicht viel anderes zu erwarten. Besonders enttäuschend ist es aber, wenn auch Journalist:innen das wirklich einfach zu widerlegende Geschwurbel verbreiten. Dass das bei den altbekannten rechtspopulistischen Medien wie Welt, Bild oder Nius passiert, mag kaum noch überraschen. Lobbycontrol hat ein paar der irreführendsten Schlagzeilen à la „Klimawandel ist also doch kein Weltuntergang" (beschäftigt sich eigentlich noch irgendwer damit, wie eine 3,5 Grad wärmere Welt aussähe?!?) zusammengesucht.

Aber auch die vielleicht so harmlos wirkende Lokalzeitung kann hier schwerste Desinformation verbreiten. Zum Beispiel, wenn jemand wie Andreas Becker die Berichterstattung für Nordkurier und Schwäbische übernimmt: Dieser Beitrag wirkt fast schon wie ein Lehrstück für schlechten Journalismus. Die Überschrift "Doch keine Horror-Szenarien? Weltklimarat rudert bei Erderwärmung zurück" vereint die Fehlinformation, dass "Horror-Szenarien" zurückgenommen wurden, mit der, dass der Weltklimarat bei irgendetwas "zurückgerudert" sei. Mittlerweile wissen wir ja, dass all das Unsinn ist. Ausgeschlossen wurde auch nur EIN "Horrorszenario", man fragt sich, wie sich der Autor eine 3,5 Grad wärmere Welt vorstellt.

Screenshot

Hier stimmt einfach gar nichts

Becker interpretiert nicht nur alles falsch, was die Wissenschaftler:innen veröffentlicht haben, er zitiert auch noch gleich im Teaser den bekannten Klimawandelleugner Fritz Vahrenholt. Selbst in der Bildunterschrift fragt die Zeitung suggestiv: "Hat der Weltklimarat Politik und Bürger über Jahre in die Irre geführt?" Im Text folgen falsch eingeordnete Ergebnisse des Papers, haltlose Vorwürfe von Vahrenholt, eine Verharmlosung einer weltweiten Erhitzung um 3,5 Grad, eine etwas zaghafte Einordnung des Studienautors und viel eigene Meinung.

Screenshot

Die Schwäbische hat eigentlich eigene Rubriken für Meinung und Kommentar. Becker hält sich auch in dem nicht als Meinung gekennzeichneten Artikel nicht mit subjektiver Meinung zurück und stellt am Ende "teure Klimaschutzprogramme" in Frage, "die, so Kritiker, die Deindustrialisierung Deutschlands vorantreiben." Ohne konkrete Quellenangabe bleibt der Verdacht, dass er mit den Kritikern sich selbst meint. Vielleicht liegt es aber auch an seinem journalistischen Selbstverständnis:„Journalistisches Leitmotiv: Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle" schreibt er über sich. Anti-Mainstream um jeden Preis hilft gerade in der Wissenschaft selten weiter. Besonders wenn man die Flussrichtung verwechselt, weil man weitaus weniger Ahnung hat, als man glaubt.

Rechtsruck und Absturz der Medien

Wer die Entwicklung des Schwäbischen Verlags zu dem die Schwäbische, aber auch der Nordkurier gehören, schon etwas länger verfolgt, den wundert all das nicht. Der Rechtsruck und der damit einhergehende journalistische Qualitätsverlust kommt überall an. Auch immer öfter in der heimischen Lokalzeitung.

Doch wir sollten uns vom Geschwurbel der Rechten und Wissenschaftsleugner:innen nicht ablenken lassen. Wer Studien richtig lesen und verstehen kann, erkennt die große Chance, die aus der Arbeit von Detlef van Vuuren und seinen Kolleg:innen hervorgeht: Wenn wir den Klimaschutz gemeinsam und konsequenter angehen als bisher, können wir vielleicht auch das neue Worst-Case-Szenario aus dem Rennen kicken. Und man sollte um Himmels willen weniger die heiße Luft der Rechten ernst nehmen, denn die helfen sicherlich nicht, das nächstschlechteste Szenario zu verhindern.

Artikelbild: canva.com

Danke, dass du Artikel bis zum Ende liest!

Unterstütze unsere Arbeit gern, indem du den Artikel teilst oder eine Spende dalässt:

Passende Artikel dazu: