Um eine kleine Anpassung des Lehrplans in Niedersachsen wird von einschlägigen Kreisen wieder ein Kulturkampf entfacht. Durch gezieltes Framing wird skandalisiert, dass in Niedersachsen eine bestimmte Art zu dividieren nicht mehr verpflichtend in der Grundschule auf dem Lehrplan steht. Etwas, das andere Bundesländer schon so ähnlich umgesetzt haben oder noch planen. Und eine Entscheidung, die auch von verschiedenen Experten gelobt wird und keine Senkung irgendwelcher Standards darstellt. Ein Faktencheck zu dem rechten Empörungsversuch.
Keine so neuen Bildungsstandards
In Wahrheit stimmt an der ganzen Debatte genau ein Kern: Niedersachsen verschiebt im Einklang mit aktuellen Bildungsstandards das sogenannte „schriftliche Dividieren“ aus der Grundschule in die Sekundarstufe. Klingt weniger skandalös, als es dargestellt wird. Es wird auch weiterhin in der vierten Klasse das Dividieren beigebracht! Es wird weder die Division abgeschafft, noch wird Kindern verboten, schriftlich zu dividieren, noch ist das irgendein spontaner Alleingang einer grünen Ministerin. Schauen wir uns an, was der Hintergrund ist:
Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2004 einen ”kompetenzorientierten” Kurs eingeschlagen und die Länder setzen ihn seit Jahren unterschiedlich um. Darin wird schriftliches Dividieren schon nicht mehr angeführt. KMK-Sprecher Michael Reichmann erklärt Volksverpetzer gegenüber, dass seither immer wieder diskutiert wurde, wann Schüler die schriftliche Division lernen sollen. Mehrere Bundesländer sind längst dabei, schriftliches Dividieren nicht mehr zwingend in der Grundschule zu behandeln, was auf die Einführung von Bildungsstandards von 2022 zurückgeht. Genau das schreibt auch die KMK auf Anfrage von Volksverpetzer: Das Schriftverfahren verlor seinen Status als verpflichtende Vorgabe. Aber niemand hat die Rechenart aus dem Unterricht gestrichen, erst recht nicht vollständig.
Wenn rechte Akteure daraus eine skandalöse „Abschaffung“ machen – und das mit „Absenken der Standards” erklären, ohne die wahren Hintergründe zu recherchieren –, dann ist das nicht nur schlechter Journalismus, sondern auch ein Beispiel geschickten Framings: Man nimmt eine didaktische Schwerpunktsetzung, verschweigt den Kontext und verkauft sie als Bildungszerstörung, um ein politisches Feindbild zu bedienen. Aus einer wissenschaftsbasierten und lange geplanten kleinen Anpassung des Lehrplans werden implizit „Verdummung“ und „kultureller Niedergang“ konstruiert. Die wenigsten, die hier „Verdummung“ beklagt haben, haben wahrscheinlich verstanden, was konkret „abgeschafft“ wurde, geschweige denn, was die didaktischen Gründe dahinter sind.
Rechte Presse verzerrt wieder mal die Debatte

„Das geht gar nicht“, titelt die WELT, mit „Grünen-Ministerin schafft schriftliches Dividieren ab“ markiert die BILD natürlich wieder ihren Lieblingsfeind, die Grünen, als Schuldige. In Niedersachsen werde das schriftliche Dividieren in der Grundschule abgeschafft, was die „Zukunft unserer Kinder“ gefährde und die Bildungsstandards senke. Diese Kritik wurde lautstark von Politikern wie dem CDU-Bundestagsabgeordneten Christoph Ploß und Niedersachsens CDU-Landeschef Sebastian Lechner geäußert, die der grünen Kultusministerin Julia Willie Hamburg ideologische Motive und fahrlässigen Bildungsabbau unterstellen.

Auch einige Lehrerverbände – etwa der Deutsche Lehrerverband (Stefan Düll) und der Philologenverband (Susanne Lin-Klitzing) – sowie Medienberichte schlagen in die gleiche Kerbe.
Dividieren wird weiter beigebracht
Fakt ist: Niedersachsen verbietet weder die Division als Rechenart, noch wird Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit vorenthalten, schriftlich zu dividieren. Tatsächlich werden alle Kinder auch künftig lernen, solche Aufgaben zu lösen – allerdings erst ab Klasse 5 verbindlich und nicht mehr zwingend in der Grundschule. Im neuen Kerncurriculum Mathematik des Landes (gültig seit 2025) wird das formale Schriftverfahren der Division aus der Grundschule herausgenommen und in die Sekundarstufe I verlagert. Mehr auch nicht.
In den Grundschuljahren üben die Kinder stattdessen die Vorstufen der Division und nutzen halbschriftliche Rechenstrategien, bevor sie dann auf der weiterführenden Schule die klassische schriftliche Division lernen. Anders gesagt: Das Land verschiebt den Zeitpunkt des Lernens – nicht den Lerninhalt an sich – und teilt ihn in kleinere Zwischenschritte ein. Und das aufgrund einer lange etablierten Richtlinie. Das Kultusministerium in Hannover betont ausdrücklich, dass das schriftliche Dividieren „nicht abgeschafft“ wird und der Bildungsanspruch nicht gesenkt wird. Eine Sprecherin stellte klar: „Alle Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen werden es weiter erlernen.“
Nicht nur in Niedersachsen Trend
Einige Bundesländer – etwa Hamburg – hielten aus eigenen Gründen am Divisionsalgorithmus in der 4. Klasse fest; andere Länder entschieden sich bereits vor Jahren für eine spätere Einführung. Berlin zum Beispiel konnte das schriftliche Dividieren durch sein sechsjähriges Grundschulmodell intern auf Klasse 5/6 verschieben, ohne großes Aufsehen. Auch in anderen Bundesländern wird darüber diskutiert.
Niedersachsens Neuerung folgt also einem bundesweiten Trend, der auf wissenschaftliche Empfehlungen zurückgeht, und ist keineswegs ein Sonderweg einer einzelnen grünen Kultusministerin. Laut dem niedersächsischen Kultusministerium haben neben Niedersachsen bereits fünf weitere Länder entsprechende Änderungen angestoßen – es handelt sich um eine abgestimmte Umsetzung der gemeinsamen KMK-Standards von 2022. Mit anderen Worten: Was jetzt in Hannover geschieht, ist nicht spektakulär und kein ideologischer Alleingang.
Schriftlich vs. halbschriftlich – worum geht es eigentlich?
Schriftlich vs. halbschriftlich – worum geht es eigentlich? Die Debatte krankt auch daran, dass der Unterschied zwischen „schriftlichem“ und „halbschriftlichem“ Dividieren oft unklar bleibt. Schriftliches Dividieren meint das klassische Langdivisionsverfahren, bei dem Dividend und Divisor stellengerecht unter- und nebeneinander geschrieben und Schritt für Schritt geteilt, multipliziert und subtrahiert werden – jenes Verfahren, bei dem viele von uns das „Tafelwerk“ oder die „Ziehlinie“ aufschreiben und rechnerische Teilschritte notieren.

Halbschriftliche Methoden dagegen sind strategische Rechenwege, bei denen Aufgaben in einfachere Teilaufgaben zerlegt werden, ohne den strikten formalen Aufbau des traditionellen Algorithmus. So kann man z.B. 2340 ÷ 5 durch Zerlegen lösen: erst 2000 ÷ 5 rechnen, dann 300 ÷ 5, dann 40 ÷ 5, und die Ergebnisse 400 + 60 + 8 zusammenzählen – ergibt 468. Dieses Verfahren wird manchmal auch „geschicktes Kopfrechnen auf Papier“ genannt.
Fachleute unterstützen den Schritt
Es erlaubt den Kindern, die Zwischenschritte selbst aufzuschreiben und nachzuvollziehen. Forscher argumentieren, dass solch halbschriftliches Dividieren das Zahlenverständnis fördert und Fehlerquellen reduziert. Dass hier kein Untergang der mathematischen Bildung droht, wird von vielen Fachleuten bestätigt. „Es ist ja der Sinn der revidierten Bildungsstandards, stärker auf mathematisches Verständnis und weniger auf Routinen zu setzen“, erklärt etwa der Bildungsforscher Olaf Köller vom Leibniz-Institut in Kiel dem Tagesspiegel – daher könne man gut begründen, zunächst auf das schriftliche Dividieren zu verzichten.
Der Mathematik-Didaktiker Prof. Timo Leuders (PH Freiburg) hält die Reform sogar für fachlich richtig und empirisch begründet. Er verweist darauf, dass Kinder mit dem halbschriftlichen Dividieren deutlich bessere Fortschritte machen – „das bringt deutliche Vorteile, zeigt die Forschung“. Leuders gibt zu bedenken, dass die mühsam erlernte schriftliche Division im Alltag der meisten Menschen ohnehin kaum noch angewendet wird:
„Die schriftliche Division beherrschen die wenigsten im Erwachsenenalter“
„Die schriftliche Division beherrschen die wenigsten im Erwachsenenalter, ich schätze, 90 Prozent hätten das nicht hingekriegt.“ Viele vergessen die Schrittfolgen bald wieder. Wertvolle Unterrichtszeit in der Grundschule darauf zu verwenden, sieht er kritisch: „Um die schriftliche Division zu lehren, ist die Zeit zu schade.“ Wichtiger sei, dass die Kinder flexibel rechnen lernen und ein tiefes Verständnis entwickeln – denn „aus der Fertigkeit erwächst kein Verständnis“, so Leuders. Ein rein mechanisch antrainierter Rechenablauf garantiere noch lange nicht, dass das Kind wirklich versteht, was mathematisch passiert.
Im Gegenteil: Übermäßiges Pauken schriftlicher Verfahren könne flexibles Denken behindern und schwächeren Kindern die Lernzeit rauben, die sie für Grundlagen bräuchten. Diese Perspektive teilen viele Didaktiker. Auch Susanne Prediger, Mathematikprofessorin an der TU Dortmund, begrüßt ausdrücklich die Entschlackung des Lehrplans: Es werde an den richtigen Stellen gestrafft, um Zeit zu gewinnen, damit Kinder die Grundlagen besser lernen können.
Verkürzt, überspitzt, aufgeblasen:
Die Empörung rund um das „Abschaffen“ des schriftlichen Dividierens basiert auf einem sprachlichen Missverständnis – und teils auf politischer Zuspitzung. CDU-Politiker Christoph Ploß etwa stilisierte die Lehrplanänderung als „fatalen Skandal“ einer grünen Ministerin, die das Leistungsprinzip mit Füßen trete. Wie er darauf komme, dass es irgendjemandem schaden solle, ist sein Geheimnis.
Die schriftliche Division verschwindet nicht, sie wird in Niedersachsen nur von der Grundschule verschoben. Division an sich bleibt natürlich auch Teil der Grundschule und der algorithmische Rechenweg wird ab Klasse 5 nachgeholt. Und das ist auch nichts Schlechtes und keine Absenkung von Standards, im Gegenteil. Andere Bundesländer sind diesen Weg bereits gegangen, ohne dass dort reihenweise mathematische Defizite konstatiert würden. Und viele Experten halten das für eine gute Idee, die die Fähigkeiten der Schüler stärkt.
Fazit: Viel Lärm um nichts
Die Bildungsstandards werden nicht abgesenkt, sondern dem aktuellen didaktischen Wissensstand angepasst – und das im Einklang mit dem Stand der Forschung. Das oft bemühte Bild von der „Zukunft unserer Kinder“, die durch diesen Schritt in Gefahr gerate, entbehrt angesichts der Fakten jeder Grundlage. Vielmehr dürfte es der mathematischen Zukunft der Kinder nützen, wenn Grundlagen verständiger und stressfreier gelegt werden. Anstatt alarmistisch vom „Untergang der Rechenkultur“ zu sprechen, sollte man anerkennen, dass Schule sich weiterentwickelt – mit dem Ziel, mehr nachhaltiges Können zu vermitteln, nicht weniger.
Die Aufregung um das schriftliche Dividieren zeigt vor allem, wie emotional Bildungsthemen diskutiert werden. Ein kühler Blick enthüllt jedoch: Hier wird kein Mathe-Können gestrichen, sondern die Vermittlung optimiert. Letztlich zählt, dass unsere Kinder Division verstehen und anwenden können – wann und wie sie das lernen, sollte an empirischen Erkenntnissen orientiert sein, nicht an Tradition oder populistischen Zuspitzungen.
Artikelbild: canva.com, Screenshot bild.de. Teile des Artikels wurden mit maschineller Hilfe erstellt. Wie Volksverpetzer KI verwendet.
