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Merz hat nicht Unrecht: Der 2. Weltkrieg in der Ukraine dauerte weniger als 4 Jahre

von Philip Kreißel | 24. Feb. 2026 | Faktencheck

Merz wird verspottet, weil er gleich zweimal behauptet haben soll, der Zweite Weltkrieg habe vier Jahre gedauert. Doch er wollte jeweils den Krieg auf ukrainischem Boden vergleichen, wie sich herausstellt. Er hat es seinen Kritikern wieder mal leicht gemacht.

Bundeskanzler Friedrich Merz hielt zum politischen Aschermittwoch in Trier eine Rede. Darin attackierte er die rechtsextreme AfD, und bekräftigte, dass Deutschland sich gegen die Feinde der Freiheit verteidigen müsse. Auch erklärte er, er habe „vollkommen unterschätzt“, was über Algorithmen und Künstliche Intelligenz an „gezielter und gesteuerter Einflussnahme“ von innen und außen möglich sei. Ein Satz zum Ukraine-Krieg wird jetzt Anlass von Spott.

Die Ukraine war im Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion, die 1941 von der Wehrmacht überfallen wurde. Die Ukraine war damit bis 1944 besetzt, bis die Rote Armee die deutschen Soldaten zurückdrängte. Der Deutsch-Sowjetische Krieg war Teil des Zweiten Weltkrieges und dauerte von Juni 1941 bis zur Kapitulation des Naziregimes im Mai 1945 und damit fast vier Jahre.

Merz sprach gleich zweimal von „vier Jahren Krieg“

In seiner Rede zum politischen Aschermittwoch nimmt Merz auf diese knapp vier Jahre Bezug, als er sagte:

„Wenn wir eines Tages – sagen wir in fünf, vielleicht in zehn Jahren – auf diese Zeit zurückblicken, deren Zeitzeugen wir heute sind, werden wir wohl erst dann wirklich verstehen, was wir gerade erleben.

Der Krieg in der Ukraine dauert nun, in wenigen Tagen, vier Jahre an. Er währt damit bereits länger als der Zweite Weltkrieg. Und das Wort von der „Zeitenwende“, das uns seitdem begleitet, oder der Begriff „Epochenbruch“, den der Bundespräsident prägte – wie immer Sie es nennen mögen –: Es ist eine tiefe Zäsur. Eine tiefe Zäsur in unserer Geschichte.“

Herr Merz hatte sich hier offenbar ungeschickt ausgedrückt, denn der Zweite Weltkrieg dauerte aus europäischer Sicht knapp sechs Jahre. (In Asien begann er 1937 mit dem Überfall Japans auf China). Sein Satz sorgt deshalb im Netz für einiges an Spott. Dass der Kanzler mit seinem Satz die Perspektive der Ukraine meinte, bestätigt uns das Bundeskanzleramt auf Nachfrage:

„Der Bundeskanzler hat das aus der Sicht der Sowjetunion als eines angegriffenen Landes im Zweiten Weltkrieg genannt. Die Kriegszeit aus dem Ukrainekrieg ist aus russischer bzw. sowjetischer Perspektive jetzt länger als der Große Vaterländische Krieg, den die Sowjetunion gekämpft hat. [...] Es geht darum, dass das Leid, das Russland der Ukraine nun zufügt, in ein Verhältnis zu einem Krieg gesetzt wird, den Russland in seiner Tradition auch stets zu achten und zu wahren betont. Deswegen gibt es keine Vergleichsebene, die Anlass zu Spekulationen bieten sollte.“

Dafür, dass Merz sich nicht nur verplappert hat, sondern das meinte, spricht auch, dass er wenige Tage zuvor bei der Münchner Sicherheitskonferenz exakt das Gleiche gesagt hatte. Es liegt nahe, dass er diese Darstellung aus ukrainischen Kreisen übernommen hat, ohne zu hinterfragen, wie das auf deutsches Publikum wirkt.

Häme über ungeschickte Formulierung

In den sozialen Medien wurde Merz dafür kritisiert, die Dauer des Zweiten Weltkrieges nicht zu kennen – ohne Kontext leicht nachzuvollziehen. Er macht es seinen Kritikern von allen Seiten sehr leicht, ihn misszuverstehen, aber Hintergrundwissen über die ukrainische Geschichte und der Kontext der Debatten über die ukrainische Lage auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz machen es plausibel, dass die Dauer des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine und der Sowjetunion gemeint war. Hier Reaktionen auf Bluesky:

Oder auf Youtube:

Oder auf X:

Die entsprechenden Poster denken, Merz entlarvt zu haben, dabei ist es durchaus möglich, aus dem Kontext von Merz’ Rede darauf zu kommen, dass hier über die Kriegsdauer für die Sowjetunion und die Ukraine gesprochen wird.

Der Kampf der Ukraine für Freiheit

Man könnte anmerken, dass Merz durchaus mehr Angriffsfläche für Kritik bietet, als ob er die genaue Zahl an Jahren nennt oder nicht. Wenn man etwas an Merz' Statement kritisieren möchte, dann vielleicht, dass die bloße Dauer eines Krieges hier eines Vergleichs nicht ganz gerecht wird. Dem Zweiten Weltkrieg fielen in der Ukraine allein mindestens 5 Millionen Zivilisten zum Opfer. Darunter waren 1.5 Millionen Juden. Allein beim Massaker von Babyn Jar töteten die Nazis über 33 000 Juden.

Bereits vor der Nazi-Besatzung führte die sowjetische Besatzung der Ukraine zur Hungerkatastrophe „Holodomor“, die 3,5–4 Millionen Menschen das Leben kostete. In Deutschland und vielen anderen Ländern wird der „Holodomor“ als Völkermord anerkannt.

Seit 2014 befindet sich die Ukraine im Krieg mit Putins Russland, das damals die Halbinsel Krim völkerrechtswidrig annektierte, nachdem russische Truppen ohne Rang- und Hoheitszeichen auf ihren Uniformen wichtige Knotenpunkte und Verwaltungsstrukturen besetzt hatten. Die Uno meldete durch die Kampfhandlungen in der Ostukraine bereits vor der vollständigen Invasion fast 13 000 Getötete.

Putins Russland ist hier in bester Gesellschaft historischer Ausbeutung der Ukraine: Diebstahl von Getreide, Verschleppung von Kindern, gezielte Angriffe auf zivile Infrastruktur, Massaker.

Der Kanzler spricht also aus einer sehr westlichen Perspektive, wenn er ausgerechnet im russischen Überfall 2022 einen historischen Bruch sieht. Die Ukraine kämpft nämlich schon seit ihrer Entstehung gegen Fremdherrschaft und brutale Unterwerfung.

Statt Häme über Merz zu verbreiten für dessen missverständliche, aber nicht zwangsläufig falsche Aussage, könnte dieser Kampf der Ukraine im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen.

Artikelbild: Screenshot https://youtu.be/Wv-BWVNCbkE?t=382, Screenshot x.com

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