Die 3 größten Probleme hinter der Abholzung des Hambacher Forst

Kolumne "Komm, wir bauen 'ne neue Welt

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jahrzehntelanges strukturelles Versagen

Seit Wochen streiten Menschen im Internet um die Besetzung, Räumung und Rodung vom Hambacher Forst, während sich die Aktivist*innen vor Ort hartnäckig widersetzen und sich auch immer wieder große Demonstrationen mit ihnen solidarisieren.

Die Frage drehen sich jenseits von den üblichen Fragen nach den Methoden der Besetzung und der angeblichen Gewalttätigkeit der Besetzer*innen auch um die Sinnhaftigkeit. Wie sinnvoll ist es, erbittert um ein kleines Stückchen Wald zu kämpfen? Ist so ein Stück Wald nicht viel zu unbedeutend, um einen solchen Aufwand zu betreiben es zu retten? Kann man so natürlich sehen. Aber letztendlich ist die Dimension und der Kontext in dem diese Proteste passieren, viel Größer als die 500 Hektar Bäume.



1. Nicht nur der Wald geht als Lebensraum verloren.

Manchmal scheinen wir Menschen ja eher Empathie für Tiere zu haben als für Mitmenschen. Fakt ist aber auch, dass für die Tagebauten im Rheinland viele Menschen ihr Zuhause verloren haben. Über 50 Dörfer wurden seit den 1960er Jahren abgebaggert, die Menschen umgesiedelt. Natürlich ist es leicht zu sagen, dass sie großzügig entschädigt wurden und neue Häuser bekamen. Aber ein Dorf und ein Ort sind ja mehr als nur ein Platz, an dem man schläft.

Es ist der Platz, an dem Menschen ihre Wurzeln haben. Wo ihre Erinnerungen liegen, wo sie jeden Stein und jede Straße kennen. Es ist also eine schmerzhafte Sache Menschen einfach zu entwurzeln – fernab von jedem (Lokal-)Patriotismus. Heute mehr denn je stellt sich hier dann auch die Frage, ob man Lebensraum – ob für Mensch oder Tier – einer Form der Energiegewinnung opfern will, die extrem Umweltschädlich ist und Gift bei der Bekämpfung des Klimawandels.

2. Braunkohle ist schmutzige Energie

Es wird mit dem Braunkohlebergbau nicht nur eine ganze Region zerstört, die Fortführung ist in Zeiten des Klimawandels auch sonst schwer zu rechtfertigen. Wir alle haben einen extrem heißen und trockenen Sommer 2018 erlebt. Mit allen Folgen. Dürre, Ernteausfälle, Waldbrände. Eine Art der Energiegewinnung weiterzuführen, die den Klimawandel eher verstärken als abschwächen wird, sorgt natürlich für Unverständnis.

Er ist aber auch eine Folge schlechter Energiepolitik.

Der sehr abrupte Atomausstieg nach der Fukushimakatastrophe scheint oberflächlich gesehen eine gute Sache. Gleichzeitig wurde aber der Ausbau von erneuerbaren Energien nicht konsequent genug betrieben. Es wurden keine dezentralen Stromnetze aufgebaut, Subventionen nicht sinnvoll genutzt, die Forschung und Innovation nicht gut unterstützt.

Auch deswegen ist nun eine Weiterführung des Braunkohlebergbaus nötig. Ein schrittweiser Atomausstieg wie geplant und eine bessere Förderung der erneuerbaren Energien wäre also womöglich sinnvoller gewesen. Bei allen Risiken von Atomstrom und egal wie sehr man diesen auch berechtigterweise ablehnt.

3. Aber die Arbeitsplätze!

Die unpopuläre Räumung des Hambacher Forsts setzt zwar die Schwarz-Gelbe Landesregierung um, aber die Weichen wurden in den letzten Jahren von Rot-Grün gestellt. Und auch die Grünen, die Umweltschutz groß auf ihren Fahnen stehen haben, haben das Argument, dass eine Einstellung des Braunkohlebergbaus eine Menge Arbeitsplätze kosten würde, mitgetragen und dementsprechend abgestimmt.

Das ist aber ein Stück weit symptomatisch für vieles, was in NRW schief läuft. Der Strukturwandel hat NRW hart getroffen. Industrie ist abgewandert. Arbeitsplätze gingen zu Zehntausenden verloren. Das ist keine Neuigkeit! Aber es wurde auch nicht so recht motiviert geschweige denn effektiv nach Alternativen gesucht um Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Ruhrgebiet beispielsweise ist ein eng vernetzter, multikultureller Ballungsraum – der größte in Deutschland. Und trotzdem gehen Menschen, die eine Innovative Idee haben, eher nach Berlin. Dort kommt Innovation an, das Ruhrgebiet hingegen pflegt ein nostalgisch verklärtes Bergarbeiter-Image, aber es ist nicht cool. Es hängt einem alten Mythos nach, der die Region einst reich machte, aber es traut sich nicht so richtig einen Schritt in eine digitale, hochentwickelte Zukunft zu gehen. Stattdessen verfällt die Infrastruktur, die Autobahnen erliegen regelmäßig dem Verkehrsinfarkt, Bahnstrecken sind marode. Keine gute Perspektive!

Fortschritt scheitert an Bequemlichkeit

NRW hätte also durchaus Perspektiven sich zukunftsgerichtet aufzustellen und auch Arbeitsplätze zu schaffen, aber es scheitert an der Bequemlichkeit. An dem ‚Das war schon immer so‘. Unter Rot-Grün wurde verschlafen, sich für strukturellen und sozialen Wandel einzusetzen. Schwarz-Gelb setzt eher auf Law-and-Order.

Was also sind die Alternativen? Die rechte Partei, die sich als solche bezeichnet, setzt auf Rechtspopulismus und Hetze. Zum Lachen in einem Bundesland, das seinen einstigen Reichtum vor allem der Zuwanderung zu verdanken hat. Die Linke hat es die zweite Wahlperiode in Folge nicht in den Düsseldorfer Landtag geschafft und ist auch allgemein in NRW nicht sonderlich präsent. Die Piraten, die eine Legislaturperiode zumindest immer mal wieder die Widersprüche zwischen Anspruch und Handeln von Rot-Grün aufgezeigt haben, haben sich selbst zerstört.

Am Hambacher Forst kristallisiert sich also jahrzehntelanges Versagen der Landes- und Bundespolitik. Am Ende wird der Wald vermutlich geräumt werden und verschwinden. Die Proteste womöglich im Rauschen des Alltags verstummen. Aber wir können allenfalls hoffen, dass sie laut genug sind, um zumindest an einigen Stellen ein Umdenken zu bewirken. Hoffnungsvoll ist aber anders.

Artikelbild: Andreas MagdanzCC BY-SA 3.0

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