„Superstraight“: BILD wirft funk Diskriminierung von heterosexuellen Männern vor

| Kommentar | 17. September 2021

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Warum es transfeindlich ist, Trans*Personen ihre Identität abzusprechen

Twitter lebt davon, schnelle Gedanken im Netz zu verbreiten. Twitter lebt auch davon, dass keine:r lange Recherchen vor jedem Tweet erwartet. Welch Glück, besonders für all jene, die ohnehin wenig Interesse an Zusammenhängen haben. Die lieber bewusst falsche Behauptungen und Vorwürfe in ihr Smartphone tippen. So funktioniert Twitter, nicht aber Journalismus – sollte man zumindest meinen. Erneut zeigt aber BILD-Journalistin Judith Sevinç Basad, dass auch beides geht.

Neuste Behauptungen werden nun gegen das Format „Aufklo“ von „funk“, dem Jugendformat von ARD und ZDF, aufgestellt. So titelt die BILD am 16. September 2021 „»Funk« beschimpft Männer, die nicht auf Transsexuelle stehen“ (Quelle). Bereits nach den ersten Sätzen des Textes kommt man nicht umher, sich zu fragen: Ermüdet die gewohnt populistische Überschrift oder das wirre Aneinanderreihen von falschen Aussagen mehr? Vermutlich kann auf diese Frage ebenso wenig Antwort gefunden werden wie auf die, wo die Autorin ihre Quellen herhat – von „Aufklo“ jedenfalls nicht.

Transfeindliches TikTok-Video

Dort wurde am 6. September ein – zuvor korrigierter – Post hochgeladen, der sich mit der Frage beschäftigt, ob es transfeindlich sei, „superstraight“ zu sein (Quelle). Zudem stellte sich „Aufklo“ die Frage, ob es transfeindlich sei, keine Trans*Personen daten zu wollen. Das Format geht damit auf eine bei TikTok verkündete vermeintlich „neue Sexualität“ ein. So sagt der TikToker Kyle Royce, er fühle sich nicht mehr durch die Bezeichnung straight repräsentiert, weil er keine Trans*Personen daten möchte. Weiter erklärt er: „Ich date nur das andere Geschlecht. Frauen, die als Frauen geboren sind. Echte Frauen“ (Quelle).

Die Aussage zeigt: Der TikToker hat die Zusammenhänge nicht verstanden. Unter anderem die Tatsache, dass eine Sexualität und die Zuordnung in eine solche keine individuelle sexuelle Präferenz und Vorlieben ausschließen. So kann eine straighte Person ebenso wie jede andere Person selbst bestimmen, wer gedatet wird und wer nicht. Eine individuelle Entscheidung jedoch zu begründen, indem man anderen Menschen ihre Identität abspricht, ist diskriminierend und transfeindlich. Frauen in die Kategorie richtige oder falsche Frau einzuteilen, ist transfeindlich.

Denn was so simpel erscheint, ist komplex: Trans*Personen werden in ihrem Alltag diskriminiert, oft nicht als „richtige“ Frauen akzeptiert. Sie aufgrund dessen nicht daten zu wollen, ist genau das: eine Diskriminierung. Wer Menschen ihre Identität abspricht und sie deshalb aktiv ausschließt, diskriminiert. In dieser Debatte geht es also nicht um sexuelle Präferenzen, sondern darum, dass sich eine Mehrheit als Minderheit stilisiert, um ihre transphobe und LGBTQI+-feindliche Agenda zu verwirklichen. Datet, wen ihr wollt, aber sprecht Menschen nicht ihre Identität ab!

Zusammenhangslose BILD-Behauptungen

Auch die BILD-Journalistin scheint diese Zusammenhänge entweder nicht zu verstehen oder stellt sie bewusst falsch dar. Was schlimmer ist, sei nun dahingestellt. So verkündet sie auf Twitter: „Der ÖRR flippt jetzt völlig aus.“ So soll „funk“ Personen, die keine Trans*Personen „begehren“ als transfeindlich bezeichnen.

Ein kurzer Blick reicht jedoch, um zu erkennen, dass sie das nie getan haben. Der Infopost der Instagramseite „Aufklo“ stellt zwar die Frage, ob es transfeindlich ist, keine Trans*Person zu daten, beantwortet diese aber nicht einfach mit Ja. Im Gegenteil. Er tut das, was guter Journalismus tun sollte: differenzieren. Wie so oft im Leben lohnt es sich auch hier, Dinge in Gänze zu betrachten. Denn der Post – der über mehrere Slides geht – thematisiert auch, dass es selbstverständlich persönliche Präferenzen und Vorlieben beim Dating geben darf.

Dennoch wird das direkte Ausschließen von Trans*Personen kritisch hinterfragt und auf mögliche Folgen eingegangen. So schreibt „Aufklo“, es sei trotz der Vorlieben wichtig, eigene Denkmuster zu hinterfragen. Zudem wird in diesem Zusammenhang auf die bereits genannte „superstraight“-Bewegung hingewiesen. Statt sich also zu fragen: „Was ist denn bei „funk“ los?“, hätte sich BILD diese Frage auch ausnahmsweise bei der – von Nazis gefeierten – Bewegung stellen können.

Rechtsextreme springen auf Bewegung auf

Ja, viele müssen jetzt stark sein. Denn: Fakten sind blöd, Nazis gibt es nicht und generell darf man ja gar nichts mehr sagen. So leicht ist es leider nicht. Wenn man sich auch wünschen würde, dass Zweiteres stimmen würde. Doch was auf TikTok startete, ist mittlerweile Teil von unter Rechten beliebten Plattformen wie 4chan und Kiwi Farms geworden.

Zwar ist „superstraight“ dort nicht entstanden, findet aber eine breite Anhänger:innenschaft. Diese hat innerhalb kürzester Zeit eigene Flaggen für die „Bewegung“ kreiert. In schwarz-orange und oftmals mit den stilisierten Initialen SS. Dass diese Initialen mit denen der Schutzstaffel (SS) des Naziregimes identisch sind, scheint viele Anhänger:innen im Netz zu freuen, wie die Kommentarspalten zeigen (Quelle).

Dass Judith Sevinç Basad den ÖRR gerne anprangert, ist klar geworden. Schade nur, dass sie vor dem Schreibprozess nicht mal einen Blick auf die Arbeit ihrer Springer-Kolleg:innen geworfen hat. Denn im Gegensatz zu Basad hat sich die WELT-Journalistin Anna Eube bereits im März mit dem Thema „superstraight“ beschäftigt – und es verständlich und sachlich zusammengetragen (Quelle). Wie gut es getan hätte, die eigenen Scheuklappen nicht jeden Tag aufs Neue wieder anzulegen.

Haltlose Anschuldigungen

Zum Schluss des Textes versucht Basad, die haltlosen Anschuldigungen gegen das funk-Format doch noch mit Inhalten zu untermauern. Es bleibt jedoch bei einem Versuch. Denn wenn es nur – wie der angeführte FDP-Politiker Oliver Luksic sagt – zum links-grünen Weltbild gehört, Menschenrechte in Form von der eigenen Identitätsbestimmung zu würdigen, sollte entweder Herr Luksic sein Verständnis von links-grün, oder – besser noch – gleich alle anderen Weltbilder hinterfragen.

Es bleibt festzuhalten: Wenn beim nächsten Mal spontan eine neue Sexualität ins Leben gerufen wird, sollte vorher nachgedacht werden. Wenn die einzigen Gründe fragile Männlichkeit und Angst vor der Existenz von Trans*Personen sind, sollte der Gedanke schnell verworfen werden. Denn Transfeindlichkeit und Diskriminierungen sind leider bekannt – dafür braucht es wohl kaum eine neue Kategorie.

Artikelbild: Screenshots

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