Rassismus gegen (nichtweiße) Schutzsuchende aus der Ukraine hilft nur Putins Propaganda

| Kommentar | 3. März 2022


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Während Afrikaner:innen an der ukrainischen Grenze die Einreise wegen rassistischer Schikanen erschwert wird, machen Rechte Stimmung gegen eine „neue Fluchtroute für alle möglichen Migranten“

Von Isabel Knippel

Während Kriegsverbrecher Putin die Ukraine zerbombt, fliehen viele Menschen vor dem Krieg. Natürlich viele Ukrainer:innen, aber auch Ausländer:innen, die in dem Land lebten oder studierten. So viele ausländische Studierende, die vor der Invasion dort studiert haben. Darunter nicht wenige aus afrikanischen Ländern (Quelle). Auch sie müssen selbstverständlich fliehen, erleben jedoch Rassismus an der Grenze – und auch von Twitter-Rassist:innen bei uns. Eine neurechte Influencerin ließ trotz solidarischem Ukraine-Profilbild eine ganze Reihe an Tweets gegen Geflüchtete raus. Schwarze Geflüchtete. Das typisch rassistische Gerede hilft am Ende nur Putin.

Auf einen Artikel der Welt, laut dem Annalena Baerbock verlauten ließ, sie wolle alle Geflüchteten aufnehmen, „auch die ohne ukrainischen Pass“, sorgte sich die Achgut-Schwurblerin, dass da „wohl wieder eine neue Fluchtroute für alle möglichen Migranten aufgemacht“ werde. Dahinter fehlt nur noch das Clown-Emoji, denn mehr nach Pegida-Spaziergängerin hätte sie auch nicht klingen können. Was, denkt sie, Schutzsuchende machten jetzt einen Umweg über das Kriegsgebiet Ukraine, um nach Europa zu kommen oder was?

Gute Geflüchtete (weiß), böse Flüchtlinge (schwarz)?

Sie befürchte Böses und fragte, warum afrikanische Studenten nicht zurück in ihr Heimatland gehen könnten und habe Sorge „dass sich da jetzt nicht noch ganz andere wieder unter sie Flüchtlinge mischen (sic!)“. Außerdem sehe sie in einem Zug aus der Ukraine raus „nur Schwarze“ und unkte, ein Bild (!) zeigte mehr „afrikanische Studenten“ aus der Ukraine als Ukrainer. Für Rassist:innen offenbar wieder das wichtigste auch im Ukraine-Krieg Putins: Welche Hautfarbe die Geflüchteten haben. Und dass ausgerechnet irgendwie… Studenten mit schwarzer Hautfarbe „Sozialleistungen und Co.“ beanspruchen würden. Weil natürlich denkt sie das. Warum eigentlich die weißen Ukrainer:innen nicht? Der Rassismus hier könnte nicht deutlicher sein. Dass auch Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht gerne von Putin zerbombt werden, scheint da zweitrangig zu sein.

Die meisten ihrer Fans stimmten ihr begeistert unter dem Post zu. Die, die doch noch schwanken, sollten sich vielleicht mal lieber damit beschäftigen, was wirklich an der Grenze passiert. Volksverpetzer hat es ihnen leichter gemacht und mal die Situation für Geflüchtete arabischen und afrikanischen Ursprungs zusammengefasst.

Rassismus an der Polnisch-Ukrainischen Grenze=

Denn wenn sie aus der Ukraine rauskommen wollen, haben schwarze Schutzsuchende nämlich im Gegensatz mit Problemen zu kämpfen, die die Neu-Rechten gerne leugnen: In den letzten Tagen häuften sich die Berichte von Rassismus in den Zügen auf dem Weg raus aus dem Landesinneren wie auch an der Grenze.

So berichtet beispielsweise Mission Lifeline, dass sie bewusst nigerianische Personen aufgreifen würden. Diese würden schon seit Tagen an der Grenze ausharren. „Gut, dass wir die Menschen, die sich besonders fremd hier fühlen, als erstes mitnehmen können“, sagt einer der Helfenden in einem Video (Quelle, Quelle). Auch Axel Steier, Vorstand der Seenotrettungs-Organisation, empfiehlt bestimmte Grenzübergänge, die für Nicht-Ukrainer:innen leichter passierbar seien (Quelle).

„Es ist so traurig. Die behandeln ihre Haustiere besser als uns“

Und auch Welt-Reporter Ibrahim Naber spricht in einem Videobeitrag mit einem Nigerianer, der davon erzählt, aus dem Zug geschmissen worden zu sein, wegen seiner fehlenden ukrainischen Staatsbürgerschaft (Quelle). „Es ist so traurig. Sie ziehen ihre Haustiere, ihre Tiere und Menschen vor“, berichtete ein Student aus Kyiv.

Ein Mitarbeiter des südafrikanischen Außenministeriums wisse, südafrikanische Studierende seien „schlecht an der Grenze behandelt worden“ (Quelle). Es gebe eine Schlange für Ausländer:innen und eine für Ukrainer:innen, heißt es in einer STRG_F-Reportage (Quelle). Und auch der deutsche Journalist Malcolm Ohanwe, die BBC-Journalistin Stephanie Hegarty, die Irish Times, die Deutsche Welle und diverse afrikanische Nachrichtenseiten wie Okay Africa berichten von rassistischen Vorfällen. Die Liste ließe sich wahrscheinlich noch beliebig erweitern.

Laut der Irish Times sind 20 Prozent der ausländischen Studierenden in der Ukraine Afrikaner:innen (Quelle). Dass auch sie angesichts des grausamen Angriffskriegs aus dem Land wollen und auch das Recht dazu haben, sollte eigentlich keiner weiteren Erwähnung bedürfen. Musste es aber anscheinend: Aminata Touré, Landtagspräsidentin in Schleswig-Holstein beispielsweise, bat die Bundesregierung, „dass auch Schwarze Menschen und weitere Minderheiten, die versuchen diesem Krieg zu entfliehen, dies tun können. Es sind katastrophale Zustände.“ Die US-amerikanische Kongressabgeordnete Ilhan Omar verwies darauf, dass „Bomben deine Nationalität nicht überprüfen.“

„Wir können die Berichte weder bestätigen, noch dementieren“, sagte ein Sprecher der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR gegenüber der Tagesschau. Auch der Deutsche Caritasverband antwortete, dass sie die Anschuldigungen nicht verifizieren könnten. „Wir haben dazu von unseren Partnern vor Ort nichts gehört.“ Das gleiche gelte auch für Amnesty International.

„Alle“ Schutzsuchende, aber nur „Weiße“ gemeint?

Die nigerianische WHO-Gesandte Dr Ayoade Alakija klagte den vermeintlichen Rassismus an der Grenze an „Der Westen kann von afrikanischen Ländern nicht fordern in Solidarität mit ihnen zu stehen, wenn er uns gegenüber nicht mal ein bisschen Respekt zeigen kann. Ignoriert in der Pandemie, im Krieg zum Sterben zurückgelassen. Das ist NICHT AKZEPTIERBAR.“

Daraufhin schickten afrikanische Länder wie beispielsweise Südafrika und Nigeria ihre Botschafter persönlich an die Grenze, um die Geflüchteten ihrer Nation abzuholen und stellten Bescheinigungen aus, die versicherten, dass es für sie möglich sei, die Ukraine zu verlassen (Quelle, Quelle). Afrikanische Studierende organisierten sich laut der Irish Times an Whatsapp- und Telegram-Gruppen (Quelle). Sogar die Afrikanische Union verfasste ein Statement, das vor rassistischen Vorfällen an der Grenze warnte und alle Staaten anmahnte, die Rechte der Geflüchteten zu achten (Quelle).

Unser Rassismus hilft nur Putins Propaganda

Auch die polnische Regierung schreibt ausdrücklich auf ihrer Website, alle Nationalitäten, die aus der Ukraine Sicherheit suchen, aufzunehmen (Quelle). Innenministerin Nancy Faeser betonte das Wort „Kriegsflüchtlinge“ ohne ukrainischen Beisatz (Quelle). Die BBC-Journalistin Stephanie Hegarthy berichtet davon, dass eine nigerianische Medizinstudentin, die stundenlang mit den Worten „Ukrainians first“ an der Grenze abgewiesen worden seien, nun ebenfalls sicher in Warschau angekommen seien (Quelle). Und Ayoade Alakijas Twitter Seite wird überflutet mit Dankeschöns, weil sie helfende Links und Telefonnummern geteilt hatte und ihre Reichweite dafür nutze, Ansprechpartner:in zu sein (Quelle).

Dass Rechtsradikale selbst in einem solchen Konflikt nicht davor zurückschrecken, bestimmten Personengruppen Mitgefühl und Hilfe abzuerkennen, lässt tief blicken. Der russischen Propaganda kommt so eine Spaltung nur zu Gute – können sie so schön auf die Heuchelei und den Rassismus „des Westens“ und der Ukraine hinweisen.

Neurechte Rassist:innen mit ihren ideologischen Beißreflexen als die nützlichen Idioten für Putins Propaganda.

So will euch Putins Propaganda verwirren – Whataboutismen

Weitere Stimmen dazu:

 

Artikelbild: Markus Schreiber/AP/dpa

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