BILD wirft NDR-Magazin unkritischen Journalismus vor – und verdreht Tatsachen

| Medien | 2. Oktober 2021

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Warum BILD-Chef Julian Reichelt sich anscheinend nicht mit der NDR-Sendung ZAPP auseinandergesetzt hat

Julian Reichelt fühlt sich ungerecht behandelt – diesmal von dem Medienmagazin ZAPP des NDR. Dieses kritisiert seiner Meinung nach zu Unrecht die Berichterstattung von BILD in dem von der Flut betroffenen Ahrtal. Vor Ort möchte BILD jedoch nicht mit ZAPP sprechen. Stattdessen macht sich Reichelt lieber live über das Magazin lustig, schießt gegen den ÖRR – und verdreht Tatsachen.

Aber von vorn. Das Medienmagazin ZAPP nimmt regelmäßig journalistische Arbeiten unter die Lupe. So heißt es etwa auf der Seite der Sendung, sie seien „die Menschen, die wöchentlich hinter die Kulissen von Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet schauen und die journalistische Arbeit im Auge behalten“ (Quelle). Mit diesem Vorsatz – hinter die Kulissen des Journalismus zu blicken – schickte ZAPP zwei Reporterinnen ins Ahrtal (Quelle). Für die Reportage – ein knapp vierzehnminütiger Videobeitrag – fragte die Redaktion auch BILD an.

BILD will nicht mit dem NDR sprechen

Denn seit der Überschwemmung hat BILD ein eigenes Büro im Ahrtal – genauer in Bad Neuenahr-Ahrweiler (Quelle). Die Reporterinnen wollten also auch mit BILD sprechen, durften es laut eigenen Angaben aber nicht. ZAPP fängt in dem Videobeitrag viele kritische Stimmen der Anwohner:innen in den Flutgebieten ein. Unter anderem auch solche, die die Arbeit der BILD kritisieren.

Damit für den Bericht beide Seiten zu Wort kommen – eben die Anwohner:innen, aber auch die BILD-Redaktion selbst – wendet sich ZAPP erneut an sie. So bezieht sich der NDR auf eine Aussage des Lehrers Christoph Amediek aus Bad Neuenahr-Ahrweiler, der zu der BILD-Berichterstattung Folgendes sagt: „Wenn man sich nur die Überschriften anschaut, dann geht es immer darum, dass irgendwelche Stellen versagt hätten. Dann bedienen sie ja genau ein Narrativ, was im Moment die ganze Zeit von queren und rechten Kreisen bemüht wird. (…) Und da muss ich sagen, dann ist vielleicht auch das privatwirtschaftliche Unternehmen BILD einfach nur daran interessiert, eine gewisse Klientel als Kernklientel zu halten.“ (Quelle).

Reichelt redet sich bereits vor der Veröffentlichung in Rage

Die Anfrage zeigt also: BILD hat die Chance bekommen, ihre Sicht auf die Vorwürfe zu schildern. Es wird erklärt, dass eine Stimme natürlich nicht repräsentativ sei, „aber auch keine Einzelstimme vertritt“ (Quelle). Die – offenbar sehr kurze – Antwort der BILD wird als Gegenstimme zu dem Kommentar von Amediek eingeblendet.

Es überrascht kaum, dass Reichelt kritischen Journalismus anscheinend doch nicht so wichtig findet, wie er vorgibt. Denn noch bevor der Beitrag ausgestrahlt wurde, schießt er gegen das Format. „Natürlich möchte man bei ZAPP keinen regierungskritischen Journalismus. Natürlich möchte ZAPP lieber, dass gefeiert wird, was die Regierung sagt“, so Julian Reichelt bei BILD TV.

BILD fährt mal wieder eine Kampagne gegen den ÖRR…

In einem längeren Beitrag ordnet ZAPP am 30. September die Vorwürfe ein und begründet auch, weshalb der Vorwurf der Regierungsnähe haltlos ist (Quelle). Dazu werden verschiedene Artikel angeführt, in denen beim ÖRR die Regierung kritisiert wird. Auch in dem bereits genannten Videobeitrag komme die Regierung nicht gut weg. Aber „für diese Erkenntnis hätte der Bild-Chef auf den Film warten müssen, der zum Zeitpunkt der ZAPP-Anfrage eben noch nicht fertig war – sonst hätte die Anfrage ja auch wenig Sinn ergeben“ (Quelle).

Stattdessen echauffiert sich Reichelt also am 29. September bei BILD TV, bevor der Videobeitrag überhaupt veröffentlicht wurde (Quelle). Auch einen Online-Artikel schreibt die BILD gegen ZAPP (Quelle): „Eine Redakteurin (…) zitiert dort »Kritik an der BILD«, die »in Gesprächen mit den Menschen kam«. Um wen es sich dabei handelt, erklärt sie nicht“, unterstellt BILD. ZAPP hat die – oben eingefügte – Anfrage veröffentlicht, in der es laut ihren Angaben heißt, es handle sich um besagten Lehrer aus dem Ahrtal.

…und verdreht die Tatsachen

Wie BILD – ebenfalls am 29. September – schreibt, gehe das Magazin aber noch „einen Schritt weiter“. Hier wird die Aussage des Lehrers zitiert und ZAPP zugeschrieben: „Dann ist vielleicht auch das privatwirtschaftliche Unternehmen BILD einfach nur daran interessiert, eine gewisse Klientel als Kernklientel zu halten.“

So heißt es vonseiten der BILD, dies sei „eine ebenso irrsinnige wie entlarvende Verzerrung der Medienrealität durch ein öffentlich-rechtliches Magazin (der »Zapp«-Sender NDR erhält jährlich mehr als eine Milliarde Euro aus GEZ-Gebühren) und ein Affront gegen die Menschen im Ahrtal, die mehr als zwei Monate nach der Katastrophe auf eine angemessene Hilfe und Unterstützung warten“ (Quelle).

Damit verdreht BILD die Realität: Die Aussage des Lehrers – ein Mensch im Ahrtal – wird ZAPP in den Mund gelegt, um einen vermeintlichen Affront gegen die Menschen im Ahrtal zu konstruieren. Dass die BILD die Karte mit den GEZ-Gebühren spielt, die übrigens bereits seit Jahren Rundfunkbeitrag heißen, mag einen kaum mehr verwundern. Die Aussage eines Flutopfers zu nutzen, um gegen das Magazin zu schießen, zeigt jedoch, dass es BILD mit journalistischen Grundprinzipien nicht so ernst meint – und mit den Menschen im Ahrtal offenbar auch nicht.

Quellen der Screenshots: ZAPP

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