Billig, niveaulos und unreflektiert: Die Zerstörung der CSYOU

Analyse, Kommentar

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Die CSU liefert (?)

So ähnlich lauten Punchline und Hashtag der Episode 1 des neuen CSU / CSYOU-Channels auf YouTube.

Ob das YOU in „CSYOU“ für jetzt für YouTube oder vermeintliche YOU-gendlichkeit steht? Vielleicht erfahren wir es noch, was sich die Partei der Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär, dabei gedacht hat.

Aber von vorn. Wir alle kennen mittlerweile Rezos Video über die Zerstörung der CDU und warten vergeblich auf den sachlichen Diskurs oder eine angemessene Antwort. Selbst Strahlemann und Sympathieträger Philipp Amthor von der CDU wurde in letzter Sekunde zurückgepfiffen. Anscheinend wollte man lieber in Ruhe und wohlüberlegt antworten, was ja generell kein so schlechter Ansatz ist.

Es verstrichen Wahlen, die Europawahl bekam einen relativ grünen Anstrich. Und immer noch wartete der geneigte Durchschnittswähler auf Reaktionen.

Anscheinend wurde es nun auch der CSU als Partner einfach zu viel. „Hold my beer!“ muss sich ein Stratege dort gedacht haben. Und hat wenige Tage vorm Beginn der Oktoberfestivitäten und Monate nach dem Politischen Aschermittwoch einmal richtig in die vermeintliche Trickkiste gegriffen.

Leider scheint sich die CSU ihren Lagerraum der Kisten mit der AfD zu teilen, anders ist dieser taktische Griff wenige Stunden vor der Landtagswahl in Brandenburg und Sachsen kaum zu erklären.



Aber fangen wir vorne an:

Ein junger Darsteller namens Armin (Moderator Armin Petschner ist Social-Media-Chef der CSU-Landesgruppe in Berlin), eine andere Frisur als Rezo, aber mit etwas aufgefrischter blonder Farbe und einem pausbackig kernigen Lächeln in schlechter Farin Urlaub-Kopie, erklärt uns, was die wirklich gute Partei der CSU für Werte vertritt und in der GroKo aktuell alles so Besonderes leistet.

Ein scheinbar lustig gemeinter Versprecher über die „Klima-Ikone Greta Abramowitsch“ zum Einstieg zeigt uns schon einmal, in welche Richtung es gehen wird.

Es wird billig, es wird niveaulos und unreflektiert.

Folgerichtig folgt eine Abhandlung, die seit Wochen widerlegt ist: Das alte Märchen der fünf Extra-Flugreisen, die die Segelreise Gretas verursacht hätte. Ziel davon ist natürlich, Gretas vermeintlichen Heilgenschein zu zerstören.

6 Fakten über Gretas Segelreise: Keine 5 extra Flüge, kein „Filmteam“

Die CSU tut absolut nichts gegen den Klimawandel, weist aber hier auf scheinbare Verfehlungen anderer hin. Es ist schon frech und ein Argumentum ad hominem, ein sehr billiges Scheinargument, wie es im Lehrbuch steht.

Whataboutismen

Wo wir gerade so schön beim Whataboutism sind, machen wir weiter und bashen die Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen für ihr Flugverhalten. Das Wort Legislaturperiode wird Armin sicherlich bis zum nächsten Video auch fehlerfrei aussprechen können.

Wir sind glücklicherweise alle nur Menschen und so etwas darf auch einem ausgewiesenen Social Media Experten passieren. Hier habe ich vollstes Verständnis, dies als Outtake im Video zu belassen, lässt es das Ganze doch ein bisschen volksnah wirken.

Ok, zurück zu den Fakten

Nehmen wir die totale CO²-Bilanz aller Fraktionen, sieht die Welt natürlich schon wieder anders aus. Da die Grünen dies wenigstens kompensieren, wäre es interessant, ob die Union das auch so macht.

Armin, wir freuen uns auf Infos dazu (Hier).

Als nächstes knöpft sich unser Host dann die #unteilbar-Demo letztes Wochenende vor, in der von vielen Bündnissen In Dresden friedlich für eine offene und ebenso friedliche Welt demonstriert wurde. Leider kann er dies nicht so ganz akzeptieren, es sollten schließlich dort laut angeblichem Reglement keine Nationalflaggen gezeigt werden. Er appelliert an den Patriotismus, dämonisiert und etikettiert.

So weit geht die Liebe halt ohne Schwarz-Rot-Gold bei ihm nicht. Da kamen ihm einzelne gezeigte Symbole des vermeintlichen Antifa-Blocks und einiger „DDR-/Kommunismusflaggen“ gerade recht, um 35.000 aufrichtige Bürger und deren Teilnahme, zu denen auch die ökumenischen (christlichen – wie das C in CSU) Kirchen im Land aufgerufen hatten, vollends zu diskreditieren.

„Nein zur Antifa- und DDR-Romantik!“ ist sein Fazit zu dieser sehr diversen Veranstaltung, welches mich sprachlos macht. Wer dort hingeht, sei demnach möglicherweise ein Extremist oder liebäugelt mit diesen. Armin würde sich wahrscheinlich Montags bei Pegida-Märschen in Dresden eindeutig wohler fühlen als auf solch einer friedlichen Veranstaltung. Über Deutschland-Flaggen müsste er sich dann ja keine Sorgen machen, auch die Reichskriegsflagge wäre dabei.

Ich werde dies nicht weiter kommentieren, nutzen wir lieber die Zeit und konzentrieren uns auf mögliche konstruktive Themen, die im Video noch folgen könnten.

Nach niveauloser Kritik folgt Eigenlob

Nach mehr als der Hälfte der Zeit des CSYOU-Videos, in der anscheinend nur politische Gegner gebasht werden sollen, kommt er dann endlich auch zu den vermeintlichen Erfolgen der GroKo. Unterstützt durch eine Statistik der unabhängigen Bertelsmann-Stiftung.

„In den ersten 15 Monaten ihrer Regierungszeit hat unsere Koalition schon fast zwei Drittel ihrer Versprechen aus dem Koalitionsvertrag TEILWEISE oder VOLLSTÄNDIG umgesetzt“ heißt es jetzt.

Als erster Punkt werden hier die Erhöhung des Kindergeldes (bei 1-2 Kindern sind es 10 Euro pro Monat) und des Kinderfreibetrags genannt, es folgen im Zeitraffer weitere aufgelistete Erfolge, im Zeitraffer wohl auch deshalb, damit der geneigte Zuschauer nicht unbedingt als erstes mitbekommt, dass die genannten Initiativen zum größten Teil nicht auf CSU-Mist gewachsen sind, sondern von Partnern eingebracht wurden.

Am Schluss wird noch publikumswirksam auf die kommende Abschaffung des Solidaritätszuschlags hingewiesen.

Wer hier die Nachrichten der letzten Tage verfolgt hat, weiß sicherlich, dass die Initiative auch in diesem Fall nicht von der CSU ausging. Das Thema, welches aber tatsächlich noch weit von einer Lösung entfernt ist, erinnert mich ein wenig an das planlose Vorpreschen bei der PKW-Maut.

Das Desaster kennen wir alle, die finalen Kosten sind noch ungeklärt, die Rechnung für den Steuerzahler folgt in Kürze (Mehr dazu).

Bahn-Freifahrten

Um hier noch ein bisschen Schwarz-Rot-Gold für den zuschauenden Patrioten zur Geltung zu bringen, wird dann noch einmal das Militär gewürdigt (die CSU kümmert sich, da „die Grünen“ sich ja angeblich einen Dreck um unser Militär kümmern bzw. wörtlich, „sich noch nie um die Bundeswehr gekümmert haben“). Worauf diese Feststellung die exakte Antwort war, wissen wir leider nicht.

Nun wird der Erfolg der Bahn-Freifahrten ab Januar 2020 präsentiert.

Er hat wirklich Recht, viele Berufsgruppen hätten es verdient, für tolle Leistungen an der Allgemeinheit kostenlos Bahnfahren zu dürfen, leider wird das Militär aufgrund der eingeschränkten Befugnis nicht helfen können, wenn in gnadenlos überfüllten ICEs und ICs rund um das Wochenende wieder einmal Züge aufgrund von Überfüllung geräumt werden müssen.

Dafür sind dann die Kollegen der Polizei als Unterstützung für die Bahnmitarbeiter dort, die diesen Vorteil schon länger – mit einer hoheitlichen Aufgabe verbunden – wahrnehmen.

Wer bezahlt das?

Jetzt reden wir von einem Bundeswehretat von über 40 Mrd. Euro und die Bundeswehr bezahlt für das Jobticket einen augenscheinlichen Fliegendreck von 4 Mio. Euro.

Zwei Drittel der Züge bei der DB sind laut neuesten Statistiken nicht fehlerfrei. Die Strecken maßlos überlastet, auch andere Unternehmen wären froh, ihren Mitarbeitern aus der Portokasse so ein tolles Jobticket überlassen zu können.

Denken wir hier einmal eine paar Sekunden über Fairness und Relation nach und was dieser gefeierte Coup für Auswirkungen haben kann.

Es kommt nämlich noch schlimmer. Die kostenfreien Fahrten gehen nämlich vom Bahn-Kontingent für Sparpreise ab. Die Kontingente an Sparpreisen werden sich also für die anderen Reisenden definitiv verringern. Der einfache Bürger zahlt damit recht schnell die Zeche dafür. Und die Flatrate von unter 25.- Euro je Soldat direkt einmal mit.

Danke, CSyou

Endlich sind wir wieder solidarisch, das wird der neue Solidaritätszuschlag für den Reisenden, die Zielgruppe ist nur eine andere. Es ist einfach ein GEBEN und NEHMEN in anderem Ausmaß.

Danke, kann ich nur sagen, lieber Armin: Danke, dass du uns an deiner geskripteten Welt teilhaben lässt. Du hast Recht, CSYOU, die #CSUliefert, die #GroKo auch, aber die Frage ist, ob ich an einem heißen Tag noch so viel heißere Luft gebraucht hätte.

Ich bin zwiegespalten, ob ich mich über eine Antwort oder gar ein zweites Video freue oder das Ganze als „One NoHit-Wonder“ oder Social Media-Alptraum abhaken und vergessen will.

Danke, dass ihr uns zeigt, wie man es nicht macht, ein Satirehinweis wäre so wertvoll gewesen, hier wird jede*r CSU Groupie statt dem Hashtag #Flugscham doch lieber bei der #Fremdscham bleiben.

#dorobaer, bitte übernehmen Sie, Kontakte zu Medienprofis sollten aus dem beruflichen Umfeld ja reichlich vorhanden sein.

Artikelbild: Screenshot facebook.com

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1 Kommentar
  1. […] nicht, sich auf die eigene Arbeit zu konzentrieren, sondern strotzt nur so vor Selbsherrlichkeit. Über andere herziehen und Whataboutism ist selten eine kluge […]

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