Ich habe eine Umfrage über Verschwörungsmythen manipuliert. Ich war nicht allein.

| Social Media | 26. Mai 2020

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Meinungs-Manipulation

Schon seit einiger Zeit befasse ich mich mit Meinungs-Manipulation im Netz. Ich habe schon rechte Troll-Netzwerke aufgespürt (Quelle) und Klick-Farms auffliegen lassen (Quelle). Und ich habe gezeigt, dass man eine Online-Umfrage gezielt manipulieren kann (Quelle).

Obwohl Online-Umfragen extrem leicht zu manipulieren sind, werden sie von Online-Medien häufig eingesetzt. Das hat einfach den Grund, dass ein Artikel mit Umfrage öfter geklickt wird: Wird nach Klimapolitik gefragt, wird dann der Artikel viel häufiger in Gruppen von Gegner*innen und Befürworter*innen von Klimapolitik geteilt, die dann versuchen, die Umfrage in ihrem Sinne zu verändern. Reichweite durch Polarisierung. Die Schmuddelecke des Journalismus.

Die Teilnehmer*innen an der Umfrage haben davon gar nichts. Sie erhalten kein repräsentatives Bild, verschwenden Lebenszeit und werden von der Umfrage-Firma getrackt. Besonders aufgeregt hat mich dann diese Umfrage bei heute.at:

Das Problem daran: Die Frage selbst stellt die Aufklärung zur Debatte. Eine Verschwörungstheorie ist ja per definitionem nicht bewiesen. Kann sie sogar gar nicht. Darüber hinaus wird durch die hohe Zahl der Stimmen für “Ich glaube daran” auch noch der Eindruck erzeugt, dass Verschwörungsmythen etwas total Normales sind. Ich hab das ganze also ironisch auf Twitter kommentiert und angekündigt, die Umfrage zu manipulieren.

So habe ich die Umfrage manipuliert

Ich hatte in der Vergangenheit bereits eine Umfrage der Umfragefirma Pinpoll als Proof of Concept manipuliert, also musste ich nur mein vorhandenes Skript etwas anpassen.

Mein Umfragen-Bot funktioniert so: Erst tut der Bot so, als wäre er ein neuer Nutzer. Dann stimmt er als dieser neue Benutzer automatisch ab. Und außerdem wechselt der Bot auch regelmäßig seine IP-Adresse. Dadurch kann ich praktisch unbegrenzt oft abstimmen und eine Umfrage beliebig manipulieren. Ich entschied mich dafür, den Bot für “Das ist totaler Blödsinn” abstimmen zu lassen.

Und es dauerte auch nicht lange, da waren durch meinen Bot die Befürworter*innen von “Das ist totaler Blödsinn” in der Mehrheit.

Doch dann passierte etwas merkwürdiges: Die Verschwörungsgläubigen holten plötzlich wieder auf! Und das, obwohl der Artikel schon relativ alt war zu dem Zeitpunkt. Das wollte ich mir genauer ansehen. Ich hatte den Verdacht, dass ich nicht der Einzige bin, der diese Umfrage manipuliert:

Analyse der Stimmabgabe

Freitag Nacht ließ ich den Bot also durcharbeiten und speicherte dabei den Verlauf der Stimmen. Der folgende Graph zeigt den Verlauf der Stimmen seit Freitag Abend. ROT ist dabei “Das ist totaler Blödsinn”, BLAU ist “Ich glaube daran”.

An der Roten Kurve sieht man sehr schön, wann mein Skript läuft und wann nicht, je nachdem ob die ROTE Kurve linear ansteigt oder waagerecht wirkt. Freitag Abend um 22:00 hatte mein Skript zum Beispiel einen kurzen Aussetzer. Und man sieht auch: Die BLAUE Kurve hat auch erst einen linearen Verlauf und dann plötzlich so einen Knick, wo die Stimmen aufhörten, linear zu wachsen. Sehr verdächtig.

Doch das reicht noch nicht, um abschließend Manipulation nachzuweisen. Vielleicht sind zu dem Zeitpunkt einfach viele Leute ins Bett gegangen. Ich habe mir also angesehen, wie die anderen beiden Umfrageoptionen abgestimmt wurden vor und nach dem “Knick”.

Umfrageoption Stimmen abend 22.5. Stimmen morgen 23.5.
Ich glaube dran 4186 148
Funken Wahrheit 206 213
Interessant, mehr nicht 233 213
Totaler Blödsinn 3008 8864

Mein Bot hat fleißig Stimmen für “Totaler Blödsinn” abgegeben. Am Abend des 22. hat “Ich glaube daran” trotzdem mehr Stimmen bekommen als “Totaler Blödsinn”.

Mein Bot war nicht der einzige

Anhand dieser Zahlen halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass abends am 22.5. jemand anderes als ich einen Bot am Laufen hatte, der für “Ich glaube dran” abgestimmt hat. Dieser andere Bot wurde dann kurz vor Mitternacht abgeschaltet. Und die Stimmabgabe flachte sofort ab. Wie sonst ist das komplette Einbrechen der Stimmen für “Ich glaube dran” zu erklären, während die anderen beiden Optionen “Funken Wahrheit” und “Interessant, mehr nicht” etwa genauso viele Stimmen hatten wie am Abend?

Selbst bei einem Raid aus einer Q-Anon Telegram Gruppe wäre nicht zu erwarten, dass dieser erst komplett linear verläuft und dann einfach innerhalb von Minuten zum Erliegen kommt. Ich vermute also stark, dass hier ein anderer Bot die Umfrage ebenfalls manipuliert hat. Dadurch, dass mein Bot aber die Nacht über weiter abgestimmt hat, ist “Totaler Blödsinn” jetzt wieder vorn:

Fazit

Es scheint so, als wären wir hier Zeuge eines Bot-Wars geworden. Mein Bot hat für “Das ist totaler Blödsinn” abgestimmt, und ein anderer Bot für “Ich glaube daran!” Das zeigt, wie dumm solche Umfragen sind. Denn jeder kann sie einfach so manipulieren. Und das wird auch genutzt, wie wir gesehen haben. Die Aussagekraft dieser Umfrage ist null, ihr Gefahrenpotential hingegen groß.

Medien sollten keine solchen einfachen Online-Abstimmungen zu wichtigen Themen einsetzen, und sollten in solchen Abstimmungen schon gar nicht die Aufklärung zur Debatte stellen. Gerade in Zeiten von Corona können sich dann die Verschwörungsideolog*innen bestätigt fühlen.

Es ist klar, dass unsere Demokratie im Digitalen einige Schwierigkeiten hat. Denn wer kann eigentlich Online-Abstimmungen, Likes und Follower trauen, wenn das auch alles Bots sein können? Gerade die Corona-Krise sollte uns zeigen, dass wir das Internet als funktionalen Diskursraum brauchen. Nicht als Spielwiese für Hacker und Bots, die uns manipulieren können.



Artikelbild: Philip Kreißel

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