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Fake-Redaktion der „Ostdeutschen Allgemeinen“: Fast 400 Autoren „geklaut“

von  | Aktuelles | 2. Juni 2026 |  9 min

100 Tage nach dem Start stellte Holger Friedrichs „Ostdeutsche Allgemeine“ die Redaktion vor – mehr als 400 Leute wurden auf der Internetseite des Blatts gelistet. Viele von ihnen hatten noch nicht eine Zeile für die OAZ geschrieben. Und eine ganze Reihe war nach Zoff mit Verleger Friedrich bei der „Berliner Zeitung“ gegangen. Das Blatt behauptet einen „technischen Fehler“.

Florian Meyer (Name geändert) kennt das journalistische Metier in Berlin. Er berichtet seit Jahren aus der Hauptstadt. Und hat auch eigene Erfahrungen mit der „Berliner Zeitung“, die 2019 vom Verleger-Ehepaar Silke und Holger Friedrich gekauft worden war.

OAZ-Chefredakteur mit „langem Bart“

Vor ein paar Wochen berichtete er hinter vorgehaltener Hand über seine Erfahrungen dort als Redakteur: „Die Wahrheit ist: Der wahre Chefredakteur, und das weiß auch jeder im Haus, trägt einen langen Bart. Friedrich würde nie, nie, nie einen selbstbewussten, eigenständigen und unabhängigen Chefredakteur akzeptieren.“

Dann, pünktlich zum 100-Tage-Jubiläum der OAZ am vergangenen Wochenende, passierte etwas Kurioses. Meyer fand sich auf der Internetseite der „Ostdeutschen Allgemeine“ wieder in der Rubrik „Unsere Redaktion“, gemeinsam mit mehr als 400 anderen Menschen. Und die alle hatten bis auf wenige Ausnahmen eines miteinander gemein: Sie hatten noch nicht eine Zeile für die OAZ geschrieben. Und gar nicht so wenige hatten, wie auch Meyer, der „Berliner Zeitung“ den Rücken gekehrt, weil sie mit dem inhaltlichen und personellen Umbau seiner Blätter nicht einverstanden waren.

Friedrich: Trennung von Verlag und Redaktion „ahistorisch“

Bemerkenswerterweise fand sich in der Liste auch Verleger Holger Friedrich – anders als bei anderen Zeitungen sind bei OAZ und „Berliner Zeitung“ Redaktion und Verlag offenkundig nicht wirklich getrennt. Und Friedrich hatte diese Trennung vor Jahren auch als „ahistorisch“ bezeichnet.

Daneben zum Beispiel auch der aus Duisburg stammende Journalist Dorian Baganz, erster Chefredakteur der OAZ und im März schon nach vier Wochen ausgeschieden. Der ehemalige Grünen-Politiker Ludger Volmer, der 2021 im Open-Source-Format der „Berliner Zeitung“ einmal einen Aufsatz über den Schutz des Weltklimas geschrieben hatte. Die frühere Chefreporterin der „Berliner Zeitung“ Anja Reich-Osang, die nie für die OAZ geschrieben hatte. Ihre ehemalige Reporter-Kollegin Wiebke Hollersen. Oder auch der frühere Kulturchef der „Berliner Zeitung“, Hanno Hauenstein, der nach Streit mit Friedrich um ein Podium mit dem damaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán erst degradiert wurde und dann ganz ging.

Screenshots ostdeutscheallgemeine.com

Die Liste war, wie gesagt, ziemlich lang. Maxi Beigang, eine ehemalige Volontärin der „Berliner Zeitung“ und heute „Tagesspiegel“-Redakteurin stand darauf. Christine Dankbar, die zwar 26 Jahre lang für die „Berliner Zeitung“ gearbeitet hat, nun aber auch schon seit fast drei Jahren Ressortleiterin Politik der „Frankfurter Rundschau“ ist. Besonders kurios ist der Fall eines Werbetexters, der mit vier Werbetexten für die „Berliner Zeitung“ über Fußballfieber, Gartenbedarf, XL-Kleidung und „günstig shoppen“ bei der Lebensmittelkette Lidl in die Rubrik „Unsere Redaktion“ bei der OAZ aufrückte.

Screenshot ostdeutscheallgemeine.com

Autoren kritisieren redaktionellen OAZ-Kurs als „hochproblematisch“

Witzig fand das alles kaum einer. Auf verschiedenen Social-Media-Kanälen empörten sich Betroffene. Der freie Journalist Martin Rücker schrieb auf Bluesky und X: „Ich habe nie für die OAZ gearbeitet und werde das auch nicht tun. Meine freie Tätigkeit für die zur selben Gruppe gehörende Berliner Zeitung habe ich Ende November 2025 beendet. Der redaktionelle Kurs war schon lange hochproblematisch. Nach dem Wechsel der Chefredaktion waren die Vorstellungen von Journalismus gänzlich unvereinbar. Die Entwicklung bestätigt meine Befürchtungen, mit der OAZ hatte ich nie zu tun.“

In eigener Sache: Die "Ostdeutsche Allgemeine Zeitung" listet mich auf ihrer Seite als Teil der Redaktion auf. Das ist falsch. Ich habe nie für die OAZ gearbeitet und werde das auch nicht tun. Meine freie Tätigkeit für die zur selben Gruppe gehörende Berliner Zeitung habe ich Ende November 2025 ↘️

Martin Rücker (@martinruecker.bsky.social) 2026-05-31T07:48:38.604Z

Miray Caliskan, 2022 bei der „Berliner Zeitung“ ausgeschieden und heute Wissenschaftsredakteurin beim „Tagesspiegel“, schrieb auf LinkedIn: „Dass sie einfach meine Arbeit für die Berliner Zeitung abgreifen und so tun, als wäre ich heute Teil des neu gegründeten Verlags, zeigt, wie dort gearbeitet wird. […] Hier werden die Namen etablierter Journalist:innen ungefragt genutzt, um den eigenen Inhalten einen seriösen Anstrich zu verpassen.“

Screenshot LinkedIn

Karl Doemens, USA-Korrespondent der „Frankfurter Rundschau“, erklärte auf LinkedIn: „Das Archiv wurde offenbar einfach von der alten Berliner Zeitung kopiert. Ich bin bei der ,Ostdeutschen Allgemeinen‘ mit 50 Beiträgen verzeichnet – eine ausdrücklich mit dem OAZ-Fraktursignet gekennzeichnet – obwohl ich nie eine Zeile für Friedrichs Schwurbelblatt geschrieben habe.“ Selbst dem Textchef der „Bild“-Zeitung, Christian Seidl, war die Aktion der OAZ zu fett: „Ja, frech! Man will damit ja wirklich nichts zu tun haben“, schrieb er auf LinkedIn.

Aus mehr als 400 Redaktionsmitgliedern wurden über Nacht 30

Die OAZ pfuschte dann am Wochenende ein wenig an der Liste „Unsere Redaktion“ herum. Rücker wurde nach seinem Protest auf Social Media gestrichen, beim Klick auf seinen Namen erschien „404 Seite nicht gefunden“. Bei Baganz wurde sein Ausscheiden als Chefredakteur im Autorenprofil ergänzt. Etwa 48 Stunden nach den ersten Protesten ersetzte die „Ostdeutsche Allgemeine“ – die FAZ nennt sie übrigens „Onlinemedium mit wöchentlicher Printausgabe“ – dann die Liste „Unsere Redaktion“ durch eine Liste „Autoren“. Am Dienstagvormittag standen nur noch 30 Leute darauf.

Der Ex-Chefredakteur Baganz noch immer, auch die bei der OAZ nach wenigen Wochen ausgeschiedene Kulturredakteurin Katharina Schmitz.

Und, Pro-Tipp, werte Kolleg:innen, ein paar Namen fehlen noch: Beispielsweise Sven Versteegen, der von der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ zur OAZ abgeworben wurde. Der im Schwurbel-Milieu beheimatete ehemalige Oberbürgermeister von Kamenz, Roland Dantz, der sich für die „Ostdeutsche Allgemeine“ wenig umgewöhnen muss. Oder auch Michael Hametner, der 2022 dem renommierten Literaturfest Meißen Negativ-Schlagzeilen bescherte, weil er als Moderator die rassistische Schmähschrift „Negerküsse in Zigeunersauce“ präsentierte und dessen Autor eine „raffinierte Sprache“ bescheinigte.

OAZ spricht von „technischem Fehler“

Die OAZ begründete die Pannenserie mit einem „technischen Fehler“. Auf ihrer Homepage hieß es am Dienstag: „Die technische Bereinigung haben wir unmittelbar eingeleitet. Ein Großteil der Korrekturen wurde bereits umgesetzt, die verbleibenden Arbeiten werden im Laufe des heutigen Tages abgeschlossen.“ Die Redaktion bedauere die „entstandenen Irritationen bei unseren Leserinnen und Lesern sowie bei den betroffenen Autorinnen und Autoren“.

„Je nachdem, wie man zählt“

Dem Portal „Ostdeutschland.Info“ sagte OAZ-Geschäftsführer Dirk Jehmlich in einem Interview zur Frage nach der Zahl der OAZ-Mitarbeitenden: „Aktuell sind es zwischen 25 und 100 – je nachdem, wie man zählt.“ Zur Auflage gab Jehmlich laut Nachrichtenagentur epd an, sie variiere „aufgrund verschiedener Partnerschaften und Vertriebsaktionen“. Über konkrete Verkaufszahlen werde im laufenden Geschäftsjahr keine Auskunft gegeben. Im Editorial der vergangenen OAZ-Wochenendausgabe heißt es: „Mehr als 5000 Abonnements der OAZ wurden bisher verkauft.“ Die Nachfrage, wie hoch der Anteil preisgünstiger Probeabonnements ist, lässt Jehmlich wiederum unbeantwortet. Und auch die Frage, wann der ostdeutsche Chefredakteur nun endlich kommt, den sich die Leserschaft seinen Angaben zufolge so dringlich wünscht.

Podium in St. Petersburg

Verleger Holger Friedrich derweil ist in den Tagen rund um das OAZ-Jubiläum viel unterwegs. Vor ein paar Tagen war er Gast bei der privaten Geburtstagsfeier des CDU-Politikers Jens Spahn. An diesem Donnerstag ist er als Promi-Gast angekündigt bei einem Panel auf dem Propaganda-Kongress „St. Petersburg International Economic Forum“.

Auf dem Podium sitzen dort unter anderem der rechtsextreme Vize-Chef der AfD im Bundestag, Markus-Cornel Frohnmeier, der sächsische AfD-Chef Jörg Urban, und der deutsche Ex-Journalist Hubert Seipel. Seipel ist Autor von zwei Büchern über Wladimir Putin, laut Recherchen von Paper Trail Media, ZDF und „Spiegel“ hat er in diesem Zusammenhang mindestens 600.000 Euro aus Russland bekommen. Thema des Panels: „Kulturdiplomatie und Soft Power: Wichtige Instrumente des globalen Einflusses“. Holger Friedrich sollte ursprünglich in St. Petersburg reden, nach dem zu Wochenbeginn aktualisierten Programm ist er als „Gast in der ersten Reihe“ angekündigt.

Ende Juni tritt Holger Friedrich dann auf beim AfD-„Demokratiekongress“ im Bundestag, der Volksverpetzer hat diese Veranstaltung und die Rolle des Verlegers bereits eingeordnet.

Auf der Homepage des „Projekts Halle“ feiert sich die Zeitung derweil für anhaltendes „internationales Medien-Interesse an der OAZ“. Einziger Beleg für diese Feststellung ist, dass das chinesische Staatsfernsehen CCTV zum Besuch von US-Präsident Donald Trump Mitte Mai in China ein Interview mit Verleger Friedrich „abgedreht“ habe.

Aber es stimmt ja auch: Die Aufmerksamkeit von Peking, Moskau, von AfD (und auch BSW) ist Holger Friedrich wirklich weiterhin gewiss.

Artikelbild: Frank May/dpa-Zentralbild/dpa / Canva

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