Propaganda at its best: Das rechte Krawallportal Nius und Holger Friedrichs „Ostdeutsche Allgemeine“ (OAZ) wollen den Medienmarkt aufmischen. Bei den Zielen und Gesprächspartnern gibt es viele Überschneidungen.
Wer in diesen Tagen das neue ostidentitäre Produkt „Ostdeutsche Allgemeine“ des Ost-Berliner Verlegers Holger Friedrich liest, nach Interviewpartnern oder Gastautorinnen schaut, hat gute Chancen, alte Bekannte zu treffen. Es sind auffällig oft Leute, die zuvor eine Bühne bei Julian Reichelts Parallelmedium „Nius“ bekommen haben. Viele von ihnen gehören zum rechten Rand des demokratischen Spektrums, manche haben diesen überschritten.
Michael Kretschmer zum Beispiel, der sächsische Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzende. Ohne die „Ostdeutsche Allgemeine“ überhaupt zu kennen, aber mutmaßlich mit positiven Erwartungen an das Schaffen des Verlegers Holger Friedrich, gab er für die erste OAZ-Ausgabe ein doppelseitiges Interview. Es erschien unter der Überschrift: „Man wird Russland nicht auf dem Schlachtfeld besiegen können“. Im Vorspann lobte die Redaktion, Kretschmer verschanze sich nicht hinter Schlagworten wie „Brandmauer“.
Wie Kretschmer Parallelmedien fördert
Kretschmer sagte, Sachsen sei „schon immer“ für eine restriktivere Flüchtlingspolitik gewesen. Worauf die Interviewer fragten: „Eine Folge dieser Flucht- und Migrationsbewegungen ist der hohe Zuspruch für die AfD. Was halten Sie vom Konzept der Brandmauer?“. Kretschmer antwortete: „Der Begriff Brandmauer hilft aus meiner Sicht nicht weiter. Er erzeugt in der Öffentlichkeit falsche Bilder und lenkt von der eigentlichen inhaltlichen Auseinandersetzung ab. Entscheidend ist, ob Vorschläge tatsächlich Probleme lösen – oder nicht.“
Das ist, was das Verhältnis zur AfD angeht, zwar nicht ganz so eindeutig wie die Aussage des sächsischen CDU-Landtagsabgeordneten Sven Eppinger, der eine alleinige CDU-Minderheitsregierung in Sachsen bevorzugt hätte und seit jeher eher mit der AfD gemeinsame Sache machen will. Eppinger sagt: „Es ist besser, das Richtige mit den ,Falschen‘ zu tun, als das Falsche mit den ,Richtigen‘.“ Aber das nur nebenbei.
„Nius“ im Kampf gegen die Brandmauer
In diesem Kontext: So wie Kretschmer kämpft auch das Krawallportal „Nius“ seit Jahren gegen die Brandmauer. Ende Januar 2025 brachte Friedrich Merz mit der Abstimmung zum „Zustrombegrenzungsgesetz“ im Bundestag die Brandmauer zum Einsturz – und machte einen Sieg der AfD bei der Bundestagswahl 2029 damit wahrscheinlicher. „Nius“ jubelte damals, der „Mega-Machtkampf um die ‚Brandmauer‘“ sei entschieden. Eine „links-grüne Minderheit hat die sogenannte ‚Brandmauer‘ genutzt, um den Willen der konservativen Mehrheit zu unterdrücken“. Diese „links-grüne Dominanz“ sei nun „am Ende“.
Holger Friedrich wiederum bilanzierte in einem Anfang März erschienenen Interview mit der „Welt am Sonntag“: „Die Brandmauer ist genauso ineffizient wie die Mauer, die man in Berlin gebaut hat.“
Propagandamedien werden normalisiert
Es ist nicht überraschend, dass Kretschmer jetzt nicht nur die „Ostdeutsche Allgemeine“ für seine Öffentlichkeitsarbeit nutzt – und ein Propagandamedium so normalisiert –, sondern zuvor auch „Nius“. Ende August 2024 – kurz vor der Landtagswahl in Sachsen – ließ er sich dort von Ralf Schuler befragen, dem ehemaligen „Bild“-Hauptstadtbüroleiter. Schwärmerisch wurde Kretschmer vorgestellt: Er sei der „Marathon-Mann der Ost-CDU“.
Schon vor Kretschmer war Armin Schuster, CDU, Innenminister in Sachsen, im August 2023 zu Gast bei „Nius“. In einer Rezension des ebenfalls von Ralf Schuler geführten fast einstündigen Interviews mit Schuster schrieb die „taz“ damals: „Natürlich muss eine Ortsumfahrung nicht blockiert werden, weil auch ein AfD-Landrat sie will. Doch wer diesen Umstand in einer einschlägigen Echokammer geltend macht, möchte vor allem Türen in die Brandmauer nach rechts einbauen – und keine Ortsumfahrungen.“
Die „taz“ bescheinigte Schuster, „zu wenig Berührungsängste“ mit dem „rechtspopulistischen Reichelt-Portal“ zu haben. Und zitierte den gebürtigen Pfälzer, der damals erst seit gut einem Jahr Innenminister in Sachsen war, mit seiner Lobrede auf die ausgebufften Sachsen: „Das Entscheidende: Sie haben keinen Political-Correctness-Filter vor dem Maul.“
Nun ist politische Korrektheit erst seit einer Weile zum Schimpfwort geworden – und dazu beigetragen haben vornehmlich Menschen aus rechten Milieus. Uwe Tellkamp zum Beispiel, Schriftsteller aus dem Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch. Er ist über Interviews und Gastbeiträge verbandelt mit „Nius“ und auch den Blättern des Verlegers Holger Friedrich.
Uwe Tellkamp sieht „totalitäre Wahrheitszüge vorschimmern“
Auch Sachsens CDU-Regierungschef Kretschmer hatte ihm stets die Treue gehalten. 2022 setzte sich Kretschmer mit Tellkamp auf eine Bühne in der Landesvertretung Sachsen in Berlin. Der Schriftsteller verglich dort die Zustände in der heutigen Bundesrepublik mit denen in der DDR. Im Lande würden „totalitäre Wahrheitszüge vorschimmern“, sagte er in gestelztem Literatendeutsch. In der ersten Reihe, auf den für Ehrengäste reservierten Plätzen, saß damals die neurechte Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Zu ihr später mehr.
Im August 2024, also fast zeitgleich mit Kretschmer, wurde Tellkamp auch von „Nius“ eingeladen. Im Interview wiederholte er seinen DDR-BRD-Vergleich: Die DDR habe „andere Dinge praktiziert, aber ähnlich durchgeführt, und das wollen viele Menschen einfach nicht mehr“. Und: „Ich will nicht, dass ihr mir dauernd reinredet, was ich zu wählen, sagen, denken, lesen und sonst wie zu meinen habe.“
Ralf Heimann schrieb damals im Medienblog „Altpapier“ über das Interview des – wie Heimann „Nius“ nannte - „Wutportals“, Tellkampf ordne Stimmen für die AfD als logische Reaktion auf politische Entwicklungen etwa in der Migrations- oder Energiepolitik ein. Was dieser medialen Erzählung gelinge, sei: „Sie entlastet die Menschen, die rechtsextrem und autoritär wählen, indem sie das Verhalten als plausibel darstellt und Verständnis aufbringt.“ Vermutlich geht es auch genau darum.
Abgrenzung von der extremen Rechten
Im Mai 2025 schrieb Tellkamp ein schier endlos wirkendes Gedicht zum 80. Geburtstag der „Berliner Zeitung“. Er überschrieb es „Das Staatsschauspiel“. Es ging wieder um das vermeintlich fehlende Rückgrat der CDU. Zum Thema Abgrenzung von der extremen Rechten dieser Vers:
„Die AfD ist eigentlich
doch Fleisch vom Fleische, glaube ich,
und jene Mauer wissentlich
verlogen und auch lächerlich.“
In einem Interview mit der weit gedruckten Ausgabe der OAZ warf Tellkamp Ende Februar der CDU vor, sich dem Zeitgeist anzubiedern. Auf die Frage, ob er Migration in der bisherigen Form überhaupt wolle, antwortet er klipp und klar: „Nein“. Wenn er in Frankfurt am Main durch das Bahnhofsviertel laufe, frage er sich: „Bin ich hier in Kabul? Diese Verhältnisse möchte ich in Dresden nicht haben.“ Tellkamp sagt in dem Interview Sätze wie: „Wenn der Klimawandel so furchtbar ist, warum haben die Frauen dann acht Kinder in Namibia?“
Auf die Frage „Haben Sie keine Sorge, dass die Republik in den nächsten Jahren zu stark nach rechts kippen könnte?“ antwortet er: „Zurzeit nicht. Das halte ich für einen aufgeblasenen Popanz.“
Lange Liste der gleichen Gesprächspartner und Autoren
Die Liste derjenigen, die zwischen „Nius“ und den Blättern von Holger Friedrich hin- und hergereicht werden als Gesprächspartner:innen oder Autor:innen, lässt sich fortführen. Kristina Schröder, Vorstand der rechtskonservativen Denkfabrik Republik 21, gehört ebenso dazu wie die ehemalige Grünen-Politikerin Antje Hermenau. Diese schrieb Ende Februar in einem Gastbeitrag für die OAZ: „Das Vertrauen in die Aufrichtigkeit der CDU ist längst dahin.“ Bei „Nius“ ist Hermenau seit Jahren Stammgast. Dort wird sie vorgestellt als „eine der klügsten Politik-Beraterinnen Deutschlands“. Und natürlich hat sie auch eine klare Auffassung zum Thema Brandmauer: Diese sei ein „geistiges Ziehkind von Linken, Roten und Grünen“.
In der dritten gedruckten OAZ erschien an diesem Freitag ein Gastbeitrag von Sahra Wagenknecht. Sie schreibt, wer die AfD „dämonisiert, ausgrenzt und mit Verbotsdrohungen überzieht“, polarisiere das Land. Sie zieht eine Parallele zum Versuch der DDR-Führung, die Mauer als „antifaschistischen Schutzwall“ zu verkaufen. Zuvor war Wagenknecht mehrere Male im Interview-Format von Ralf Schuler bei „Nius“. Einmal, 2024, erzählte sie dort, was sich schon herumgesprochen hatte: dass sie nicht mehr links ist.
Die AfD soll salonfähig gemacht werden
Julian Reichelt und Holger Friedrich gehören so zu den Strippenziehern in einem Netzwerk, das die AfD salonfähig macht und deren Regierungsbeteiligung im Bund mit vorbereitet. Gibt es Kritik an einzelnen Parallel- oder Propagandamedien – wie neulich vom Kieler Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) an „Nius“ –, so leistet man sich gern Schützenhilfe.
Wohlgemerkt: Günther hatte „Nius“ bei Markus Lanz „politische Agitation“ vorgeworfen, nicht aber eine Zensur gefordert, wie Martin Rücker bei „Übermedien“ sauber herausgearbeitet hat. Die „Berliner Zeitung“ aber titelte im Januar „Deutsche Undemokratische Republik“, dazu ein umgestaltetes DDR-Wappen mit Kugelschreiber, Handy und Mikrofon im Ährenkranz. Im Text hieß es: „Immer mehr Politiker wollen freie Medien einschränken. Doch Zensur ist die wahre Gefahr für die Demokratie.“
Alexander Teske, Autor des Buches „Inside Tagesschau“, Medienkolumnist bei der „Berliner Zeitung“ und Podcaster bei der OAZ, schrieb auf LinkedIn: „Selbstverständlich gehört Nius zur freien Medienlandschaft in diesem Land, auch wenn einem die Inhalte nicht gefallen.“ Ob ihm die Inhalte von „Nius“ gefallen, ließ Teske an dieser Stelle offen.
Und im Boulevardblatt „Berliner Kurier“, das ebenfalls im Berliner Verlag von Holger Friedrich erscheint, durfte der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel in einer Kolumne so richtig austeilen: „Ein Bekenntnis zur Zensur vor einem Millionenpublikum“, schrieb Steinhöfel über die Aussagen von Günther bei Lanz. Günthers Vorstoß sei „kein Schutz der Demokratie, es ist der Schutz seiner Macht mit der Brechstange der Repression“. Der CDU-Politiker, „ein amtierender Regierungschef“, habe die freie Presse bedroht und „ein Nachrichtenportal“ als „Feind der Demokratie“ gebrandmarkt. Steinhöfel vertritt „Nius“, dessen Chef Julian Reichelt, sowie mehrere rechte Blogger anwaltlich.
Buchmesse „Seitenwechsel“ als rechtes Kameradschaftstreffen
Ein größerer Teil der in diesem Text genannten Akteure kennt sich persönlich – und schätzt sich wohl auch. Ein Treffpunkt zuletzt war die Buchmesse „Seitenwechsel“ im November 2025 in Halle (Saale), organisiert von der oben kurz erwähnten Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Dort waren vertreten unter anderem Uwe Tellkamp, Ralf Schuler, Antje Hermenau – und Götz Kubitschek, zentraler Stratege und wohl wichtigste Schlüsselfigur der Neuen Rechten.
Es war so etwas wie ein rechtes Kameradschaftstreffen. Die FAZ schrieb dazu:
„So kann man in Halle dabei zusehen, wie hier die Teilnehmenden zu einer Volksfront von rechts verschmelzen und sich vernetzen. Wertkonservativ, rechts, rechtsextrem, offen verfassungsfeindlich – die Unterschiede spielen vordergründig keine Rolle, weil man unter sich ist. […] So ist diese ,Büchermesse Seitenwechsel‘ vor allem eines: ein organisierter Angriff auf den Rechtsstaat unter dem Vorwand der Kultur.“
Auch die Podcaster:innen interviewen sich hin und her: Jasmin Kosubek, frühere Moderatorin beim vom russischen Staat finanzierten und seit 2022 in der EU verbotenen Kanal RT Deutsch, holt mal die stellvertretende Nius-Chefredakteurin Pauline Voss in ihr Youtube-Programm, später dann Kubitschek. Teske wiederum hatte Voss auch schon in seinem Podcast, später dann wiederum Jasmin Kosubek.
Diese Woche wurde bekannt, dass Pauline Voss Mitglied der Bundespressekonferenz werden will, des Vereins der über Bundestag und Bundesregierung berichtenden Korrespondent:innen. Der Mitgliedsausschuss der BPK hat bereits zugestimmt.
Interview mit Götz Kubitschek
Götz Kubitschek ist so etwas wie die Spinne in dem erwähnten publizistischen Netzwerk. Ende Februar veröffentlichte die „Berliner Zeitung“ ein doppelseitiges Interview mit ihm. Ob er gefährlich sei, war eine der Fragen an den neurechten Ideologen. Der antwortete: „Gefährlich ist das, was wir tun, für jene, die an ihren Stühlen kleben und nicht damit rechneten, dass das große Stühlerücken noch einmal einsetzen könnte.“ Mit Blick auf die von seiner Vertrauten Susanne Dagen organisierte Buchmesse „Seitenwechsel“ malte er sich aus: „Gefährlich für die großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig ist es, wenn in fünf Jahren klar wäre: Die Kapelle spielt nun in Halle.“
Übrigens: So etwas wie das Interview mit Kubitschek war bisher selbst „Nius“ zu plump. Holger Friedrich hat Julian Reichelt inzwischen rechts überholt. Das muss einer auch erstmal schaffen.
Artikelbild: Sebastian Kahnert/dpa (Friedrich), Jörg Carstensen/dpa (Reichelt).
Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung hatten wir geschrieben, dass Steinhöfel auch die AfD anwaltlich vertrete, das tut er seit 2022 nicht mehr.
