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Wir haben die „Ostdeutsche Allgemeine“ gefaktencheckt, damit du es nicht tun musst

von ,  | Faktencheck | 3. März 2026 |  12 min

Die neu gegründete Ostdeutsche Allgemeine von Holger Friedrich hat sich direkt nach dem Erscheinen blamiert, indem gleich in der ersten Ausgabe mehrere längst widerlegte Fake News veröffentlicht wurden. Da durfte man lesen, dass Masken schlecht für die Gesundheit seien und PCR-Tests nicht funktionieren – längst widerlegte Querdenker-Kamellen aus der Corona-Zeit. Auch ein pro-russischer Propagandist, der russische Massaker an der ukrainischen Zivilbevölkerung leugnet, bekam eine ganze Seite gewidmet. Auch der AfD-Chef Chrupalla bekam eine "Homestory",. Kritische Fragen zu dessen Lügen oder Vorwürfe der Vetternwirtschaft liest man dort leider nicht.

Stattdessen strotzt die Zeitung nur so vor Fake News und Desinformation, mit der man sich anscheinend an die Zielgruppe aus Kreml-Jüngern, Querdenkern und Rechtsextremisten heranwanzen möchte. Wir haben die erste Ausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen gelesen und gefaktencheckt, damit du es nicht tun musst. Wie immer haben wir aber alle Erklärungen und Quellen angegeben, damit du dich trotzdem selbst überzeugen kannst, wenn du es willst. Wir gucken uns die wichtigsten Fake News an. Eine mehr inhaltliche Analyse der ersten OAZ-Ausgabe des Kollegen Stefan Niggemeier findest du in der Süddeutschen Zeitung (+).

1. Interview mit einem Pro-Kreml-Propagandisten

Der Ostdeutschen Allgemeinen hat unser Autor Matthias Meisner bereits vorab eine Analyse gewidmet. In diesem hat er sich das Personal angesehen, die Hintergründe und Motivationen von Verleger Holger Friedrich und den vermeintlichen Selbstanspruch als "Diskurserweiterung".

Jetzt wollen wir aber kein Urteil fällen, ohne die Zeitung überhaupt gelesen zu haben. Also haben wir das mit der ersten Ausgabe getan. Nach unserem ersten Artikel bekamen wir unter anderem ein paar kritische Kommentare, die anmerkten, dass wir ja die Zeitung und Holger Friedrich völlig zu Unrecht in die Nähe des Kreml rücken würden. Wie um uns in unserer Darstellung zu helfen, inszenierte die Ostdeutsche Allgemeine in ihrer ersten Ausgabe sogleich einen EU-sanktionierten Pro-Putin-Propagandisten als unterdrückten Helden und Opfer.

Gleich zum Einstieg widmete sich die Zeitung ausführlich den angeblichen "Repressionen" gegen den Pro-Kreml-Propagandisten Jacques Baud, der mehrere Bücher im Sinne Putins verfasst hat und von der EU sanktioniert wurde. Die EU wirft ihm vor, ein russisches Sprachrohr zu sein und Verschwörungsmythen verbreitet zu haben. Dafür darf er sich in der Ostdeutschen Allgemeine als Opfer inszenieren:

Screenshot OAZ

Baud ist keineswegs so harmlos

Baud ist keineswegs so harmlos, wie von der OAZ dargestellt. Und er hat nicht einfach nur andere Meinungen oder eine andere "Lesart", sondern verbreitet einfach Desinformation und Verschwörungsmythen:

Baud log über die russische Invasion in der Ostukraine seit 2014 und leugnet, dass dort russische Truppen eingesetzt wurden. Putin selbst hat das bereits 2015 zugegeben. Er leugnet auch russische Kriegsverbrechen: Über das Massaker von Butscha, das von einer russischen Brigade begangen wurde, log Baud beispielsweise: "Aufgrund dieser Elemente kann man annehmen, dass dieses Massaker inszeniert worden ist."

Baud trat auch öfter bei den Kreml-Propagandasendern Russia Today und Sputnik auf. Er stellte zudem infrage, dass nordkoreanische Soldaten tatsächlich an der Seite Russlands im Einsatz waren – was inzwischen offiziell bestätigt wurde.

Bereits am 9. Februar wurde eine humanitäre Ausnahme von den Sanktionen gegen Baud, der in Brüssel lebt, beschlossen, damit dieser auf seine Bankkonten zugreifen kann, um dort Nahrungsmittel einzukaufen. In der Schweiz hingegen würden ihm dagegen gar keine Konsequenzen drohen. So schlimm kann die "Elimination" des angeblichen "Staatsfeindes" ja anscheinend nicht sein.

Trotzdem darf sich dieser Propagandist, der die EU-Sanktionen gegen sich offensichtlich hart erarbeitet hat, in der OAZ als Opfer inszenieren.

2. Faktencheck: Hallo, 2020 hat angerufen und möchte seine Fake News zurück

Die OAZ verbreitet auch Desinformation über den PCR-Test. Ja, richtig gelesen: Wir haben das Jahr 2026 und in der Ostdeutschen Allgemeinen muss man Dinge lesen, die 2020 von Querdenkern verbreitet wurden. Es wird schon wieder der Corona-Test mit Desinformation angezweifelt. Wir haben in dieser Frage bereits eine juristische Auseinandersetzung gegen Wolfgang Wodarg gewonnen, der praktisch die identische Lüge verbreitet und uns danach auf eine Viertelmillion Euro verklagt hatte, um uns zum Schweigen zu bringen.

Screenshot OAZ

In der OAZ wird der alte Fake wieder hochgekocht, dass der Corona-Test nie zuverlässig eine Infektion hätte anzeigen können: Was hier als aktuelle Enthüllung verbreitet wird, ist eine methodisch miserabel gemachte Studie aus dem Oktober letzten Jahres. Darin rechnen die Autoren so lange mit unzusammenhängenden Daten von Antikörpertests und PCR-Tests herum, bis es das gewünschte Ergebnis liefert. Es wird allerdings keine einzige echte Messung gemacht! Einer der Autoren ist ein bekannter Impfgegner, dessen ideologisch motivierte Studien bereits mehrfach wegen methodischer Mängel zurückgezogen werden mussten. Wenig Vielversprechendes für die Qualität auch dieser Arbeit.

Daher hier ein paar echte Messungen, die diese Argumentation komplett widerlegen:

In Hamburg gab es vom 17. Juni bis zum 07. Juli 2022 10.000 PCR-Tests in Laboren, die sich an der RKI-Surveillance beteiligen. Und davon NULL positive Fälle (vgl. Quelle und Quelle). Das Unternehmen Centogene, das in Deutschland Coronatests durchführte, testete jede Woche zweimal seine 500 Mitarbeiter. Unter diesen 20.000 Tests war kein einziger falsch positiv (Quelle). Der Chef der Leipziger Klinik für Infektiologie berichtet im Ärzteblatt, dass unter 13.994 serologisch validierten Fällen nur EIN falsch positiver Fall war.

Wir haben hier und hier noch deutlich mehr solcher Fälle gesammelt.

Das Peinlichste an der Sache: Selbst wenn der PCR-Test ungenau wäre, kann man damit übrigens nicht die massive Zahl an Corona-Toten leugnen. Wenn PCR-Getestete reihenweise gar nicht wirklich infiziert wären, kämen dann auf jeden Infizierten umso mehr Corona-Tote. Also Covid-19 wäre noch tödlicher gewesen. Zu dem Thema und zu anderen querdenkenden, rechten Desinformationsverbreitern, die immer noch Desinformation zur Pandemie veröffentlichen, diesmal in der NZZ und WELT, haben wir auch vor Kurzem einen Deep dive veröffentlicht:

Nirgendwo erwähnt die Ostdeutsche Allgemeine übrigens, dass einer der Studien-Autoren, Walach, bereits mehrfach (!) Studien herausgebracht hat, die danach "retracted" werden mussten.

3. Faktencheck: Und noch mehr Anti-Masken-Fakes!

Auch in der Online-Ausgabe sieht es mit uralten Querdenker-Fakes nicht besser aus:

Die OAZ und Berliner Zeitung veröffentlichten einen Gastbeitrag des „Netzwerks Kritische Richter und Staatsanwälte“ ("KriSta") - ihr ahnt es bei diesem Namen: Es sind Querdenker. Die dürfen in diesem Text rumjammern, dass ihre Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgewiesen wurde. Jemand hatte eine Maske auf dem Bahnsteig nicht aufgesetzt und wollte eine Geldbuße nicht zahlen. Ja, und deshalb zogen sie vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte! Die Klage wurde jedenfalls nachvollziehbarerweise abgelehnt, und der Artikel suggeriert, dass die Argumente gar nicht inhaltlich geprüft wurden. Was nicht erwähnt wird: Die "KriSta" hatte die Ablehnung des Gerichts auf ihrer Website veröffentlicht – und da geben sie zu, dass es sehr wohl geprüft wurde:

"The Court finds in the light of all the material in its possession and in so far as the matters complained of are within its competence, that they do not disclose any appearance of a violation of the rights and freedoms set out in the Convention or the Protocols thereto and that the admissibility criteria set out in Articles 34 and 35 of the Convention have not been met."

Im Text bei der Berliner Zeitung und OAZ steht dann wahrheitswidrig: "Eine inhaltliche Prüfung fand nicht statt." – was durch die Ablehnung des Gerichts, welches KriSta auf ihrer Website selbst veröffentlicht haben, dann auch irgendwie widerlegt wird. Das Gericht hat den Schwurbel durchaus gelesen – bevor sie ihn abgelehnt haben, weil ihre Argumente nun mal nicht überzeugend sind.

Sorry, Masken wirken

Im Text wird auch verschwiegen, dass schon viele Gerichte derartige Schwurbel-Argumente zu Masken ausführlich inhaltlich geprüft haben:

So etwa das OVG NRW: "Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch nicht ersichtlich, dass Gefahren, die durch eine nicht sachgerechte Anwendung der Mund-Nasen-Bedeckung im Einzelfall entstehen können, die Eignung der Maskenpflicht in Gänze in Frage stellen."

Auch das OVG Brandenburg zu Gesundheitsfolgen durch Maskentragen: "Für die Verursachung derartiger Folgen durch die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske ist nichts Hinreichendes erkennbar."

Ja, Masken wirken nachweislich. Studien, die die Gefahr von Masken zeigen sollten, wie die von unserem Freund Walach, wurden zurückgezogen. Auch wenn das offenbar heute immer noch geleugnet werden muss in gewissen Kreisen. Es ging übrigens bei den zwei letzten Urteilen jeweils um Schulkinder. Wenn die das schaffen, eine Maske zu tragen, dann bekommen das auch erwachsene Querdenker hin.

4. OAZ-Autor vom Auswärtigen Amt blamiert

Auch auf Social Media blamieren sich OAZ-Autoren, hier zum Beispiel der ehemalige RT-Propagandist Florian Warweg. Der hatte während der Bundespressekonferenz Fragen an den Regierungssprecher, die dieser nicht sofort beantworten konnte. Es ging um Überflugrechte über Deutschland für die russische Delegation für die Friedensgespräche in Genf. Die flog nämlich über das Mittelmeer und Italien in die Schweiz, anstatt über die direkte Route über Deutschland. Das taten sie aber, weil sie das selbst so wollten. Russische Medien logen aber daraufhin, dass Deutschland ihnen Überflugrechte verweigert hätte.

Auch auf X wiederholte Warweg dann diesen Fake. Das Auswärtige Amt machte Warweg darauf aufmerksam, dass dieser mal seine Mails checken sollte. Wenn der Regierungssprecher mal eine Antwort nicht weiß, gibt es die nämlich einfach in schriftlicher Form im Anschluss, und auch Warweg wurde auf der Pressekonferenz mitgeteilt, dass eine solche Antwort folgen würde. So war es dann auch: Das Auswärtige Amt erklärte, dass die Russen gar nicht darum gebeten hatten, über Deutschland in die Schweiz zu fliegen. Sprich: Es gab keine Verweigerung von deutscher Seite.

Screenshot x.com

Russland hatte nie eine Genehmigung angefragt!

Sowohl OAZ als auch Berliner Zeitung hatten wenige Tage zuvor die russische Behauptung und falschen Vorwürfe ebenfalls unkritisch übernommen. (Ja, viele der Artikel der "Berliner Zeitung" wurden einfach zweitveröffentlicht). Nachdem Warweg nun allerdings eine Einordnung vom Auswärtigen Amt erhalten hatte, hätte man ja denken können, dass diese Artikel mit den korrekten Fakten angepasst werden – aber das machen wohl nur seriöse Journalisten, die aufklären wollen. Leute mit einer politischen und ideologischen Agenda sehen wohl auch keine Notwendigkeit, sich richtigzustellen.

Screenshot Berliner Zeitung
Screenshot OAZ

Nicht das erste Mal bei Artikeln aus dem Dunstkreis der Berliner Zeitung, die ja ebenfalls Holger Friedrich gehört und sich einige Autoren und Artikel teilen: Wir hatten im Januar über den Fall berichtet, als die Berliner Zeitung eine virale Fake News in die Welt setzte und sich nicht ordentlich korrigierte:

Als informativer Journalismus nicht zu gebrauchen

Der Herausgeber Holger Friedrich möchte "dem Osten eine neue Stimme geben". Das funktioniert sicherlich nicht, indem man Lügen ungeprüft abdruckt, offensichtliche Propagandisten interviewt oder Artikel nicht richtigstellt.

Dass sich in einer ersten Ausgabe Fehler finden, kann passieren. Dass sich aber gleich mehrere längst widerlegte Desinformationsnarrative, Kreml-Apologetik und AfD-Nähe wie ein roter Faden durchziehen, ist kein Versehen mehr. Das ist auch kein mutiger „Gegenentwurf“ zum angeblichen Mainstream. Es ist die sehr alte Masche, sich als tabubrechend und unbequem zu inszenieren, während man in Wahrheit vor allem denen eine Bühne baut, die seit Jahren mit Lügen, Verdrehungen und Opfermythen arbeiten.

Gerade deshalb ist die Ostdeutsche Allgemeine so entlarvend. Sie zeigt in ihrer ersten Ausgabe ziemlich offen, wohin die Reise gehen soll: Nicht Aufklärung, sondern Empörung. Nicht Einordnung, sondern Anbiederung an ein Milieu, das sich nach Bestätigung seiner Ressentiments sehnt. Wer Jacques Baud als missverstandenen Dissidenten verkauft, ausgelutschte PCR-Mythen von 2020 wieder ausgräbt und ideologische Querdenker-Jammertexte über Masken als ernsthaften Debattenbeitrag ausstellt, will nicht informieren. Er will gezielt Zweifel säen, alte Fake News recyceln und ideologische Erzählungen normalisieren.

Das Problem ist dabei nicht nur die Peinlichkeit dieser ersten Ausgabe. Das Problem ist, dass hier unter dem Label von Journalismus genau das verbreitet wird, was Öffentlichkeit zerstört: Misstrauen gegen Fakten, falsche Ausgewogenheit gegenüber Propaganda und die systematische Aufwertung von Leuten, die sich ihre Glaubwürdigkeit längst verspielt haben. Die OAZ ist damit zum Start nicht als frische ostdeutsche Stimme aufgefallen, sondern vor allem als Sammelbecken für Narrative, die man schon aus dem Dunstkreis von Querdenkern, Putin-Verstehern und der extremen Rechten kennt. Wer wissen wollte, ob die Warnzeichen übertrieben waren, hat jetzt seine Antwort.

Artikelbild: Sebastian Kahnert/dpa

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