Restaurants keine Treiber der Pandemie? RKI-Zahlen zeigen was anderes

| Aktuelles | 2. November 2020

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Zahlen des RKI lassen an BILD Zweifeln

Wie groß wird der Effekt durch eine Schließung von Restaurants im neuen “Lockdown Light” sein? Spoiler: Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es sich hierbei um eine wirkungsvolle Maßnahme handelt.

Diese Recherche begonnen habe ich mit einer kurzen Google-Suche nach möglichen Ausbrüchen in Restaurants und Bars. Da findet man schon einige Ausbrüche, zum Beispiel hier in Würzburg, Gießen, Ostfriesland, Köln, Hamburg, Berlin aber auch weltweit, z. B. Sydney, Boston, Michigan. Also Ausbrüche gibt es trotz der Hygienevorschriften. Gleichzeitig wünschen wir alle von Herzen unseren Mitmenschen, die in der Gastronomie arbeiten, dass die Lokale und Bars so lange wie möglich offen bleiben dürfen. Die Frage ist, ob wir es uns aktuell trotzdem leisten können, die Gastronomie offen zu halten.

Teil des faktenfernen Axel Springer-PR-Sturms gegen den erneuten Lockdown in der letzten Woche war also dieser BILD-Beitrag:

Ob das überhaupt stimmt, dass das RKI das so dargestellt hat, oder ob die BILD mal wieder irgendwas frei erfunden oder aus dem Kontext gerissen hat hat, ist völlig unklar, da die Sitzung nunmal geheim ist. Die BILD wird ihre “Quelle” falls sie existiert ebenfalls nicht nennen. Persönlich glaube ich der BILD allerdings schon länger kein Wort mehr.

RKI-Zahlen zeigen etwas anderes

Fakt ist: Die Zahlen, die das RKI dazu bisher veröffentlicht hat, geben diese Schluss nicht her. Gegner des Shutdowns zitieren dabei gern das 38. Epidemologische Bulletin des RKI. Darin hat das RKI untersucht, wo in welchem Kontext nachvollziehbare Ausbrüche entstanden sind. Darin aufgeführt sind 38 Ausbrüche, die auf Restaurantbesuche zurückzuführen sind, von insgesamt 7.864, also etwa ein halbes Prozent. Das klingt nach wenig. Aber die Daten sind für einen Vergleich von Ausbrüchen praktisch wertlos. Das liegt an zwei Verzerrungen in den Daten:

Erstens beziehen sich die Daten nur auf den Zeitraum bis zur 29. Kalenderwoche, das ist Mitte Juli. Die Restaurants in Deutschland waren in diesem Zeitraum aber über lange Zeit geschlossen bis in den Juli hinein waren noch Effekte des Lockdowns zu spüren, das zeigen hier Daten des Reservierungsdienstes Open Table.

In diesem Zeitraum der RKI Daten war darüber hinaus das Wetter sehr gut und die meisten Leute gingen Outdoor Essen. Das ist überhaupt kein Vergleich zu den Verhältnissen der letzten drei Monate: Hier wurde vermehrt in geschlossenen Räumen gegessen und die Restaurants hatten durchgehend geöffnet. Allerdings haben wir für diesen Zeitraum schlicht noch keine Daten.

  •  Verlauf der Tisch-Reservierungs-Daten von “Open Table” aus Deutschland im Vergleich zu den Vorjahren.

Kleine Beobachtung am Rande:

Auch völlig ohne Lockdown brechen die Zahlen bei den Reservierungen seit Anfang Oktober schon wieder ein. Die hohen Infektionszahlen scheinen also für sich genommen einen Effekt zu haben. Man sieht wieder aufs Neue: Nicht die Maßnahmen sind das Problem, sondern das Virus. Wenn es sich unkontrolliert ausbreitet, schadet das der Gastronomie, ob mit oder ohne Lockdown.

Zweitens beziehen sich die Zahlen nur auf nachvollziehbare Ausbrüche. Die machen aber nur 25% aller Ausbrüche aus. Das RKI schreibt dazu selbst im Papier:

In einigen Umfeldern, beispielsweise im Bahnverkehr, lassen sich Ausbrüche nur schwer ermitteln, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar ist – diese könnten deshalb hier untererfasst sein.

Das RKI schreibt, dass besonders bei Kindern und sehr alten Personen die Ausbruchsursache nachvollzogen werden konnte. Das heißt: Gerade bei Erwachsenen, also denen, die eben vermutlich am ehesten Restaurants und Bars aufsuchen, liegt eine hohe Untererfassung vor.

Gerade jüngere Erwachsene, die gerade in letzter Zeit vermehrt Bars und Kneipen aufgesucht haben, haben oft nur wenig Symptome, es ist daher sehr gut denkbar, dass viele Ausbrüche unentdeckt geblieben sind.

Superspreading:

Die Zahlen aus dem RKI Papier zeigen aber recht klar, dass Restaurants zum Superspreading neigen. Ohne Superspreading würde sich SARS-CoV-2 nicht mehr richtig weiter verbreiten. Die meisten Infizierten geben das Virus nämlich überhaupt nicht weiter. Aber einige wenige geben es an sehr viele weiter. Das nennt man “Überdispersion”.

Dazu verlinke ich hier eine Folge des Drosten-Podcast. In Restaurants wurde das Virus laut RKI bei Ausbrüchen im Schnitt an 7,2 weitere Personen weitergegeben, wobei man hier beachten muss, dass die Analyse sowieso nur Ausbrüche mit mehr als zwei Fälle betrachtet. Allerdings ist dieser Wert schon sehr hoch, bei “privater Haushalt” beträgt er im Vergleich nur 3,2.

Es gibt gute Gründe an Ausbrüche in Restaurants zu glauben

Hier sind mal drei Analysen, die weniger der angesprochenen Verzerrungen enthalten:

Einmal hat die US-CDC herausgefunden, dass Leute, die Covid-19 hatten, davor eher ein Restaurant besucht haben, als solche, die kein Covid-19 hatten. Das trifft am ehesten auf die Personen zu, bei denen der Ort der Ansteckung nicht bekannt war:

Restricting the analysis to participants without known close contact with a person with confirmed COVID-19, case-patients were more likely to report dining at a restaurant (aOR = 2.8, 95% CI = 1.9–4.3) or going to a bar/coffee shop (aOR = 3.9, 95% CI = 1.5–10.1) than were control-participants. (Quelle)

Das macht es noch wahrscheinlicher, dass in Restaurants viele unentdeckte Ansteckungen ablaufen, was eben wie gesagt die Analyse des RKI verzerren würde.

Zweite Analyse

Eine zweite Analyse der Uni Warwick hat ein Programm der Regierung von Großbrittanien untersucht: Bei dem “Eat Out Help Out”-Programm bekam man in einem bestimmten Zeitraum 50 %-Rabatt auf Restaurantbesuche, den die Regierung bezahlt. Laut der Uni Warwick konnte man aber im Nachhinein 8-17 % der neuen Infektionscluster diesem Programm zuordnen (Quelle). Das Fazit ist klar: “We should not subsidise people to gather indoors.”

JP Morgan hat die Kreditkarten-Ausgaben seiner Kunden ausgewertet (ja diese Daten haben die über euch). Danach konnten sie zeigen, dass Ausgaben in Restaurants zu einem Anstieg der Corona-Fälle drei Wochen später führten (Quelle).

Auch diese Analysen haben Schwächen. Zum Beispiel könnt es sein, dass Leute, die eher in Restaurants gehen, auch sonst zu risikoreicherem Verhalten neigen, und das der eigentliche Grund ist, warum diese drei Analysen diesen Zusammenhang zeigen.

Was aber relativ klar ist:

Schlecht gelüftete Indoor-Restaurants sind selbst mit Abstandsregeln risikoreich. Nach mehreren Stunden verbreiten sich Aerosole überall in einem Raum. Irgendwann helfen da sogar Masken nicht mehr (Quelle).

Nun ist es leider so, dass die Maßnahmen selbst natürlich nicht immer eingehalten werden von den Gästen eines Lokals – auch bei fast 20 000 Neuinfektionen am Tag nicht.

Fazit

Es gibt also mehrere gute Gründe anzunehmen, dass sich die steigenden Infektionszahlen mit einer Schließung der Gastronomie abbremsen lassen. Die Daten für das Haupt-Argument der Lockdown Gegner sind hingegen extrem verzerrt.

Die Datengrundlage ist sicherlich nicht perfekt, aber irgendwie muss man nunmal entscheiden. Die Gastronomen erhalten Entschädigung für die Schließungen (Quelle, Quelle) und hätten, wie wir gesehen haben, auch ohne den Lockdown deutliche Einkommensverluste durch ausbleibende Kundschaft.

Es ist natürlich auch eine Frage nach den Alternativen. Welche anderen potentiellen Superspreading-Möglichkeiten könnte man verbieten? Schulen wieder schließen? Da muss man eben sagen, dass Restaurants schlicht weniger wichtig und deren Schließung einfacher finanziell ausgeglichen werden kann, als mangelnde Schulbildung.

Artikelbild: pixabay.com, CC0

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