Skurrile Social-Media-Auftritte der AfD sind nicht unbedingt etwas Neues. Ein AfD-Landtagsabgeordneter, der sich mit Turban auf dem Kopf postet, sticht da trotzdem als besonders widersprüchlich hervor. Und wie so oft zeigt so ein Post besonders gut das wahre Gesicht der AfD: Die AfD würde sogar mit Islamisten zusammenarbeiten, um Abschiebezahlen zu erhöhen.
Der 28-jährige Maximilian Gerner ist seit diesem Jahr Mitglied der AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Bei der Landtagswahl im März zog er über die Landesliste für den Wahlkreis Reutlingen in das Parlament ein. Seit einem Jahr postet er auf Instagram über seine politischen Aktivitäten für aktuell rund 490 Follower:innen.
Zwischen Fotos von Wanderungen mit anderen AfD-Politikern in T-Shirts mit Remigrations-„Memes“ und seiner Kandidatur als erster stellvertretender Landesvorsitzender der neuen AfD-Jugend „Generation Deutschland“ in Baden-Württemberg sticht der Post vom 18. Mai besonders hervor.

Er zeigt sich mit Turban und der Ankündigung „Ich bewerbe mich bei den Taliban“. Darunter: „Probleme? Packen wir lieber selbst an.“ In der Bildbeschreibung schreibt er: „Nachdem in den vergangen Tagen mehrere Medien über unbezahlte Praktikumsplätze in afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland berichtet haben, habe ich mich heute als Praktikant bei den afghanischen Generalkonsulaten in Bonn und Grünwald sowie bei der Botschaft in Berlin beworben.“
Warte mal - die AfD, das waren doch die, die überall eine „Islamisierung“ wittern, für die es überhaupt keine Faktengrundlage gibt. Warum wollen die jetzt mit den Taliban zusammen arbeiten, die bekanntermaßen eine extrem islamistische Terrorgruppe sind? Dafür müssen wir ein bisschen ausholen. Wir können aber spoilern: Die Ideologien der Islamisten und der AfD sind gar nicht so weit voneinander entfernt.
Gerner umgibt sich mit Neonazis
Gerner ist kein Sonderfall seiner Partei. Er umgibt sich mit einem rechtsradikalen Umfeld, das (unter anderem) von extremer Islamfeindlichkeit geprägt ist. Er hat zum Beispiel am sogenannten „Jungeuropa“-Verlagstreffen Anfang Mai im thüringischen Altenburg teilgenommen. Einer Correctiv-Recherche zufolge trafen sich hier AfD-Abgeordnete mit Neonazis aus dem NSU-Umfeld, aus dem „Thüringer Heimatschutz“, dem „Hammerskin“-Netzwerk und der rechtsextremen und kriminellen Kampfsportgruppe „Knockout51“. Mitten drin: Maximilian Gerner(+). Er spricht von „leckeren Bierchen“, die es bei dem Treffen gegeben habe, interessanten Vorträgen über Ökologie und dass jede Partei eben ein politisches „Vorfeld“ brauche. In diesem Fall ist es ein rechtsextremes, in Teilen gewaltbereites Neonazi-Vorfeld.
Auch kandidiert er laut seinem Instagram-Profil für die „Generation Deutschland“ Baden-Württemberg. Die bisher neu gegründeten Jugendorganisationen scheinen personell und inhaltlich genauso radikal zu sein, wie ihre als gesichert rechtsextrem eingestufte Vorgängerin, die „Junge Alternative“.
Die AfD und ihr Programm sind zutiefst von antimuslimischem Rassismus und Islamfeindlichkeit geprägt. Sie warnt (ohne jede Faktengrundlage) vor einer „Islamisierung“ Deutschlands: „Soweit der Islam einen Herrschaftsanspruch als alleingültige Religion erhebt, die Rechtsgrundsätze der Scharia auch in Deutschland durchsetzen will und unsere Rechtsordnung nicht voll anerkennt oder sogar bekämpft, ist er mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Deutschlands nicht vereinbar und gefährdet den inneren Frieden.“
Der rechtsextreme Mythos der "Islamisierung"
Es gibt keine Islamisierung in Deutschland. Laut der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind 6,4 bis 6,7 Prozent der Einwohner:innen Deutschlands muslimisch. 55,9 Prozent sind christlichen Glaubens, die deutliche Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund ist nicht muslimisch. In einer Umfrage des Allensbach-Instituts sprach sich ein höherer Anteil der Muslim:innen mit deutscher Staatsbürgerschaft für die Demokratie als beste Staatsform aus, als unter allen Befragten.
Außerdem waren die Muslim:innen in der Befragung zufriedener mit dem Funktionieren von Demokratie und politischem System. Der Trend zur Säkularisierung, zur Trennung von Staat und Religion, zeigt sich in muslimisch geprägten Ländern genauso wie in Deutschland. Und auch die Muslim:innen, die in Deutschland leben, haben oft ein ähnlich distanziertes Verhältnis zu ihrer Religion wie viele „Weihnachtschristen“: Die Religionsstudie der EKD und der katholischen Kirche kategorisiert die Hälfte der befragten Muslim:innen als religiös-distanziert. 25 Prozent von ihnen besuchen demnach regelmäßig eine Moschee. Gleichzeitig sind Muslim:innen in Deutschland vermehrt Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt.
Warum also dieser Post? Gerners Posts sollte man generell mit einem gewissen Sinn für Ironie lesen. In einem Porträt der Südwestpresse(+) heißt es: „'Wir leben im postironischen Zeitalter', erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung – und liefert damit zugleich eine treffende Selbstbeschreibung.“ Gerner ist bekannt dafür, zu provozieren und Ironie zu nutzen – letztendlich eine Strategie, um problematische, rassistische und rechtsextreme Aussagen zu relativieren. Bewusste Unschärfe soll verschleiern, wie extrem die Ideologie hinter der lockeren Fassade ist. So ist nicht eindeutig, wie ernst gemeint die Praktikumsbewerbung ist. Der Turban auf dem Bild ist natürlich eine bewusste Provokation.
Praktikum bei den Taliban - das geht tatsächlich
Trotzdem wird er im zweiten Teil der Bildunterschrift ziemlich deutlich und erklärt, warum er sich bei den Taliban bewirbt: „Warum? Weil Afghanistan und seine diplomatischen Vertretungen aktuell eine wichtige Rolle bei der Rückführung ausreisepflichtiger Afghanen spielen – und weil man politische Realität nicht ignorieren kann.
Klar ist: Wer künftig Verantwortung in Deutschland trägt und perspektivisch großflächig nach Afghanistan abschieben will, braucht Ansprechpartner und Kontakte. Dialog entsteht nicht durch Wunschdenken, sondern durch Realitätssinn.“
Auch wenn er sie im Text nicht mehr explizit erwähnt: Hier geht es um Kooperation, um „Ansprechpartner und Kontakte“ mit den Taliban. Aber was hat es mit dem Praktikum und den Taliban auf sich?
Gerner bezieht sich darauf, dass das afghanische Generalkonsulat in Bonn aktuell Praktikumsplätze ausschreibt. Das ist deshalb brisant, weil mittlerweile (seit vergangenem Oktober) die Taliban de facto die Leitung des Konsulats übernommen haben. Stopp – die Taliban haben was? Ja, richtig gelesen. Was wir bei Volksverpetzer letztes Jahr überspitzt fragten („Was kommt als Nächstes? Ein Taliban-Konsulat?“) war ein erfolgreicher Blick in die Glaskugel. Wie die Bundesregierung Straftäter vor Ablauf ihrer Haftstrafe auf freien Fuß und Islamisten nach Deutschland einreisen ließ, lest ihr hier:
Unsere und vor allem die Befürchtungen vor dem radikalislamistischen Taliban-Regime Geflüchteter haben sich nun bewahrheitet. Nun sitzen im Generalkonsulat in Bonn und in der afghanischen Botschaft in Berlin Taliban-Mitglieder, laut ARD-Recherchen sind sie dort sogar die de-facto Chefs. Deutschland ist damit das einzige EU-Land mit einer Art Taliban-„Botschafter“. Der Wechsel fand laut ARD-Recherchen ohne Information an das Auswärtige Amt statt. Und jetzt schreiben sie auch noch harmlos klingende Praktika aus. Das schockiert vor allem afghanische Geflüchtete in Deutschland. Viele trauen sich nicht mehr, ihre Papiere erneuern zu lassen, weil sie Angst haben, dass ihre Daten bei denen landen, vor denen sie geflohen sind. Und so auch ihre Familien in Afghanistan in Gefahr geraten. Andererseits bekommen die Taliban durch ihre Normalisierung auch Kontakt zu jungen Muslimen, die sich – zum Beispiel im Rahmen eines Praktikums – radikalisieren lassen.
Reminder: Die Taliban sind islamistische Terroristen
Die Taliban sind seit etwa fünf Jahren wieder an der Macht in Afghanistan. Besonders für Frauen verschärft sich die Menschenrechtslage immer weiter. Gewalt gegen Frauen wird von den Taliban rechtlich mehr und mehr abgesichert. So legalisiert beispielsweise ein Dekret, dass Männer ihre Ehefrauen schlagen dürfen, solange dabei keine Knochen brechen. Ein weiteres Dekret macht es Frauen fast unmöglich, sich scheiden zu können. Gleichzeitig legalisierten die Taliban laut UN-Einschätzung die Kinderheirat im Land. Das Schweigen eines Mädchens wird als Zustimmung zu einer Zwangsheirat gewertet.
Frauen und Mädchen werden von den Taliban systematisch aus allen Lebensbereichen ins Häusliche gedrängt, ihnen wird Bildung versagt und verboten, sich medizinisch von Männern behandeln zu lassen. Damit gibt es praktisch kaum legale Möglichkeiten der ärztlichen Behandlung für sie. Aber auch ethnische und religiöse Minderheiten werden von den Taliban unterdrückt. Journalist:innen und Mitglieder der alten Regierung werden willkürlich verhaftet und Kritiker:innen gefoltert und hingerichtet. Nur Russland erkennt Afghanistan unter den Taliban als legitimen Staat an.
Aber zurück zu Gerners Post. Der zeigt nämlich recht gut das Verhältnis der ganzen AfD zu den Taliban. Wir haben jetzt ja viel darüber gelesen, was für frauenverachtende, totalitäre Diktatoren die Taliban sind und wie sie versuchen, sich als legitime Machthaber und damit Verhandlungspartner für Europa aufzubauen. Und ihr fragt euch vielleicht, was die AfD denn mit Islamisten vorhat. Die will sie, laut eigenen Aussagen, doch bekämpfen. So sehr, dass sie Islam mit Islamismus verwechselt und ganz normale, friedliche Muslim:innen diskriminiert und abschieben will.
Der AfD ist Islamismus egal
Es ist tatsächlich gar nicht so kompliziert. Die unironische Absicht hinter dem albernen Turban-Post ist: Die AfD will mit den Taliban kooperieren, um einfacher Afghan:innen abschieben zu können. Es ist der AfD egal, dass nur wenige Afghan:innen in Deutschland überhaupt ausreisepflichtig sind. Stand Mai 2025 sind 11.423 Afghan:innen ausreisepflichtig, davon 9.602 mit und 1.821 ohne Duldung. Es ist der AfD egal, dass es keine Faktengrundlage gibt, auf der man von einer „Islamisierung“ Deutschlands sprechen könnte. Wie wir oben geschrieben haben, ist nur ein Bruchteil der in Deutschland lebenden Menschen muslimisch und von denen steht wiederum die absolute Mehrheit hinter Grundgesetz und Rechtsstaat.
Es ist der AfD auch egal, dass die Taliban in Afghanistan Islamismus par excellence ausüben. Dass sie eine extreme Auslegung des Islams zur obersten gesellschaftlichen Ordnung erheben. Dass sie Frauen und Mädchen, Minderheiten und Andersdenkende unterdrücken, aus der Gesellschaft ausschließen, foltern und ermorden.
Und es ist der AfD egal, dass die wahre Gefahr des Islamismus davon ausgeht, extreme Islamisten nach Deutschland zu holen, ihnen Zugang zu den diplomatischen Vertretungen zu verschaffen und mit ihnen zu verhandeln. Islamisten, die gerade junge Menschen radikalisieren können. Islamisten, die dafür sorgen, dass sich ihre Kritiker:innen nicht mehr trauen, ihre Papiere erneuern zu lassen. Taliban in Konsulaten und Botschaften müssten eigentlich der Albtraum eines jeden AfDlers sein.
AfD-Ideologie und Islamismus sind nicht weit auseinander
Sind sie aber nicht. Indem Gerner trotz all dem bei den Taliban ein Praktikum machen - und im Rahmen dessen ja auch von ihnen lernen möchte (denn das ist ja eigentlich der Sinn eines Praktikums?) - beweist er unfreiwillig, wie nah die menschenfeindlichen Ideologien von Rechtsextremismus und Islamismus doch liegen. Und er ist bei weitem nicht der einzige in der AfD, der mit den Taliban anbändeln will:
Die AfD will keine Islamisten bekämpfen, sie will Menschen abschieben, deren Herkunft ihr nicht passt. Sie hat gar kein Problem mit echten Islamisten, mit ihrer frauenverachtenden, gewaltvollen und totalitären Ideologie. Sie verbrüdert sich gerne mit ihnen, wenn es ihrer Agenda nutzt.
Aber die AfD regiert nicht. Sie entscheidet nicht über Kooperationen mit den Taliban, darüber, ob sich Taliban-Kämpfer in Deutschland aufhalten, ob sie afghanische Konsulate unsicher für vor dem Taliban-Terror geflohene Menschen machen. Dafür ist die schwarz-rote Bundesregierung verantwortlich. Und das ist gerade akut die größte Gefahr. CDU und SPD rutschen in ihrer Migrationspolitik so stark nach rechts, dass ihre Handlungen kaum noch zu unterscheiden sind von den Forderungen der AfD. Zwar wird es nicht so klar ausgesprochen wie von Gerner. Doch wer Taliban-Diplomaten akkreditiert und sich dann aus der Verantwortung zieht, wenn diese die de-facto Leitung der Vertretungen in Bonn und Berlin übernehmen, muss wissen, was er tut. Und dass es brandgefährlich ist. Für die in Deutschland lebenden afghanischen Flüchtlinge, für die Menschenrechtslage in Afghanistan und für die Bekämpfung des Islamismus.
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